Kubicki, Lindner & Co.:Die FDP - scheintot und aufgeblasen

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Todeszeitpunkt: unbekannt. Todesursache: programmatische Auszehrung. Die FDP existiert nur noch als aufblasbare Attrappe. Je nachdem wie viel Luft das Führungspersonal hat, erscheint sie schrumpelig oder prall, wie gerade in Schleswig-Holstein und in Nordrhein-Westfalen. Doch richtiges Leben können auch Kubicki und Lindner nicht ersetzen. Die Liberalen beweisen lediglich, dass es ein Leben nach dem Tod gibt. Allerdings kein richtiges, sondern nur ein gepumptes.

Heribert Prantl

Über den kometenhaften Aufstieg der Piraten ist viel geschrieben, über die Veränderungen des Parteiensystems und die Koalitionsmöglichkeiten im Bund viel spekuliert worden. Das wird im Bundestagswahlkampf so weiter gehen. Die Piratenpartei wird bestaunt als ein Wunder der Demokratie, weil noch keine Partei in der Bundesrepublik so schnell so groß herausgekommen ist. Es kann sein, dass sie auch schnell wieder zerfällt. Darauf hofft jedenfalls Rot-Grün; diesem Bündnis wird von den Piraten - die in diesem Fall Vampire sind - Saft und Kraft und Chance entzogen.

Christian Lindner is pictured in front of an election poster showing Wolfgang Kubicki during an election rally in Kiel

FDP-Spitzenpersonal: Christian Lindner vor einem Bild von Wolfgang Kubicki

(Foto: REUTERS)

Noch vor einem Jahr waren nicht die Piraten, sondern die Grünen die ganz großen Gewinner. Die Geschwindigkeit, in der Zustimmung und Abneigung wechseln, sind Kennzeichen der webgestützten Moderne. Die Wähler werden magnetisch angezogen von dem Spektakel und Gewese, das um Themen, Parteien und Personen gemacht wird - sie sind aber auch bald wieder gelangweilt. Auch starke Kraftfelder sind instabil geworden.

Die FDP ist schon lange an programmatischer Auszehrung gestorben

Keine andere Partei kennt das so gut wie die FDP. Sie gilt als die einzige deutsche Partei, die Erfahrung hat mit der Wiederauferstehung; bei den Landtagswahlen von Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen kommt diese Vokabel von der Wiederauferstehung wieder in Mode. In der jüngeren Vergangenheit hieß es immer wieder, die FDP sei dem Sterben näher als dem Leben. Das war falsch. Sie ist schon lange tot. Sie starb irgendwann, das Datum kennt keiner genau, während der Zeit, als Guido Westerwelle ihr Vorsitzender war. Todesursache war programmatische Auszehrung.

Westerwelle und Co. haben aber die verblichene Partei heimlich durch eine aufblasbare Attrappe ersetzt. Seitdem gibt es die FDP nur noch in Form dieses Ersatzes. Westerwelle war zu seiner besten Zeit ein wunderbarer Aufblaser. Seine aufgeblasene Gummi-FDP trieb auf den Wellen des Zeitgeistes. Dann ging die Luft aus, die vorgebliche FDP schrumpelte zum faltigen Gebilde.

Man kann sich also die real existierende FDP vorstellen als ein Gummitier, wie es Kinder dabei haben, wenn sie im See schwimmen gehen. Die Protagonisten der FDP haben dieses Prinzip auf den politischen Betrieb übertragen, ohne dass die Öffentlichkeit es bemerkt hätte. Das ist eine Leistung, die sich lohnt: Die Öffentlichkeit glaubt, dass die FDP noch lebendig ist. Der Eindruck entsteht, weil sich die Attrappen-FDP ständig verändert, je nachdem, mit wie viel Luft sie gefüllt ist. Wenn einer viel Puste hat, kann er Luft in die geschrumpelte Attrappe pumpen. Sie wird dann wieder schwimmfähig. Das passiert soeben in Schleswig-Holstein und in Nordrhein-Westfalen.

Die FDP als Chamäleon

Wie gesagt: Weil die künstliche FDP einmal ganz prall und dann wieder ganz unscheinbar ist, weil sie sich also verändert, kann man den Eindruck haben, sie lebe noch. Das ist ein falscher Eindruck. Es lebt nicht die FDP, sondern nur der, der sie aufpumpt. In Schleswig-Holstein ist das Wolfgang Kubicki. Er ist eine nordische Mischung aus Möllemann, Seehofer und Westerwelle: ein Intrigant, Quertreiber und Windmacher, Star und Schuft, ein Springteufel - ein ungewöhnlicher, unberechenbarer, manchmal ausfallender, immer egomanischer Politiker von beachtlichen, aber oft destruktiven Talenten, einer, der das liberale Gummitier für seinen Geltungsdrang braucht und der für ein fetziges Morgeninterview im Deutschlandfunk seine Großmutter, hätte er noch eine, verkaufen würde.

Die tote FDP braucht ihn, weil sie sonst nicht einmal als Attrappe überlebt. Parteichef Philipp Rösler bläht zwar die Backen, hat aber, anders als Kubicki, keine Luft. In NRW versucht sich als Aufblaser Christian Lindner, dem Intellektualität nachgesagt und Sensibilität angedichtet wird - und dem gar zugetraut wird, er könne die Partei nicht nur mit Luft, sondern mit Helium, also Ballongas füllen; dann würde sie abheben. Diese FDP könnte also Beweis dafür sein, dass es ein Leben nach dem Tod gibt; es ist allerdings kein richtiges Leben, sondern nur ein gepumptes. Das kann eine Zeitlang gut gehen, so lange, bis der Gummi porös wird und die Luft nicht mehr hält.

Die FDP als Chamäleon

Als die FDP noch richtig am Leben war, war sie ein Chamäleon; sie konnte komplett die Farbe wechseln. Einer dieser Farbwechsel geschah 1969, als die zuvor liberal-konservative Partei sich in eine linksliberale Partei an der Seite der SPD verwandelte. 1982 unternahm sie die komplette Rückverwandlung in eine liberal-konservative Partei an der Seite der Kohl-CDU.

Diese Rückverwandlung hat aber Substanz verbraucht - die Partei verlor die Raffinesse bei der Regierungsbildung, blieb fortan auf die CDU/CSU fixiert, schaffte den Farbwechsel nicht mehr. Sie versuchte, auf andere Weise Farbe zu gewinnen: Sie schrieb sich ein Programm, nach dem der Mensch erst mit dem Leistungsträger beginnt; und sie machte die Steuerfreiheit zur höchsten Form der Freiheit. Mit diesem Marktradikalismus sicherte sie sich zwar Aufmerksamkeit, aber die Liberalität der Partei wurde blass und blässer; die Partei ging ein - die Protagonisten mussten für den Plastikersatz sorgen.

Das neue Leben der FDP ist aus Luft. Es ist eine politik-physikalische Frage, ob und wie man mit Luft koalieren und ob gar aus Luft wieder Liberalität, also Substanz, werden kann. Die deutsche Politik erlebt eine Phase der Experimente.

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