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Kritik an der Kanzlerin:Was Kohl wirklich sagt

Die Kritiker der Kanzlerin machen es sich zu leicht, wenn sich sich auf die Schelte von Helmut Kohl berufen. Denn der Altkanzler ruft nach mehr Europa - und genau das hat sich mittlerweile auch Angela Merkel auf die Fahnen geschrieben.

Manchmal scheint Politik ganz einfach zu sein. So zum Beispiel, wenn Altkanzler Helmut Kohl sich kritisch über Kompass und Grundüberzeugungen der Regierung auslässt. Dann nämlich gilt eines als gesichert: Dass das als Attacke gegen Angela Merkel und als Stütze ihrer Kritiker gemeint ist. Entsprechend kann man jetzt aufs wunderschönste beobachten, wie sich Merkels Widersacher auf den Altkanzler berufen, wenn sie ihren Unmut äußern. Reflexe freilich können in die Irre leiten.

Denn wer Kohls jüngste Äußerungen zur Krise in Europa liest und zu Ende denkt, der spürt zwar seinen Unmut. Aber der Altkanzler macht sich gerade nicht mit den Gegnern der Kanzlerin gemein, die zum Beispiel vor Euro-Anleihen warnen. Im Gegenteil. Kohl ruft lautstark nach noch mehr Europa.

Der Kanzler der Einheit warnt vor nationalistischen Tönen. Er verlangt ausdrücklich, dass man kein Land fallen lässt, sondern mehr denn je solidarisch ist mit denen, die in Schwierigkeiten stecken. Und mit der Formulierung, man benötige "ein Paket vorausschauender, klug gewogener und unideologischer Maßnahmen", um Europa und den Euro zu retten, lenkt er den Blick eher auf Euro-Anleihen als auf ein Zurück zur D-Mark.

Man kann Angela Merkel für vieles kritisieren, auch für ihr langes Zögern, sich mit Leidenschaft für den Euro und den Zusammenhalt Europas einzusetzen. Inzwischen aber hat sie sich genau das auf die Fahnen geschrieben. Entsprechend könnte es bald sein, dass die Kanzlerin aus Kohls Interview zitiert, um der Kritik ihrer Kritiker zu begegnen. Manchmal werden Zeugen der Anklage bei genauerem Blick zu Zeugen der Verteidigung.