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Krisenjahr 2015:Flucht und Terror sind Geschwister

Stationen der Flucht: die Überwindung des Mittelmeers, die Mühsaal des langen Marsches, banges Hoffen am Ziel

(Foto: Reuters/AFP)

Über Deutschland brach in diesem Jahr mit aller Gewalt eine neue Weltkrise herein - Flucht und Terror sind dabei zwei Seiten eines Phänomens.

Wie sich die Worte gleichen. Von Krieg ist wieder die Rede, von einem Krebsgeschwür, das es auszumerzen gelte. Die Durchhaltefähigkeit wird beschworen, der lange Atem, die kulturelle und moralische Überlegenheit. Der Terror ist zurückgekehrt in diesem Jahr, und wie nach dem 11. September 2001 reagiert die Nation mit Schock, Trauer und einer Selbstvergewisserung ihrer Stärke. Nur dass es sich bei dieser Nation diesmal um Frankreich handelt und nicht um die Vereinigten Staaten, die da zum Ziel der Mörder wurden. Und dass die Anschläge ein allemal verwundetes, ausgelaugtes, ängstliches Europa treffen.

Terror und Flucht: Das ist der Stoff für apokalyptische Szenarien, der Nährboden für Extremisten und Radikale, der perfekte Destabilisator für verunsicherte Gesellschaften, die ihre Freiheit ach so lieben, aber möglicherweise vergessen, wie sie einst dafür gekämpft haben.

Wer die Krise ignoriert, der wird umso schneller von ihr verschlungen

Terror und Flucht sind Geschwister, sie sind wortwörtlich auf derselben Scholle geboren. Radikalisierung und Verzweiflung sind zwei Spielarten ein und derselben Gemütsverfassung. Sie entstehen in Hoffnungslosigkeit, im Zorn, in Angst. Der Kreislauf des Niedergangs im muslimischen Krisengürtel der Erde mit Syrien als seinem Epizentrum ist in seine vorläufig schnellste Umdrehung geschaltet. Die Fliehkräfte produzieren Flucht und Gewalt, die Menschen werden hinausgeschleudert aus dieser Zentrifuge der Zerstörung. Sie schlagen auf in Europa, weil Europa nebenan liegt. Möge niemand mehr behaupten, diese Krisen gingen einen nichts an. Das Gegenteil ist wahr: Wer die Krise ignoriert, der wird umso schneller von ihr verschlungen.

Natürlich bleibt die Frage, warum man Gewalt und Exodus nicht früher kommen sah. Aber Europa kämpfte mit sich selbst, war acht Monate lang hypnotisiert von Griechenland und seinen Problemen. Dann kam der Mob von Heidenau, quasi aus heiterem Himmel. Dann kam das Ungarn-Wochenende, dann kam der große Treck. Und plötzlich waren sie zu sehen: Flüchtlinge in Turnhallen und Zeltstädten, Flüchtlinge auf dem Bahnhofsplatz von Budapest und am Kanaltunnel in Calais, unter Lastwagenplanen und im Stacheldraht von Mazedonien, auf der Fähre von Kos und im Nachtzug kurz vor Rosenheim.

Mindestens einer von ihnen wollte aber wohl nicht flüchten, sondern töten, er soll Teil einer Terrorzelle gewesen sein, die aus dem Epizentrum der Todes ins Zentrum der Lebensfreude vordrang: von Syrien nach Paris.