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Kriminalität:Strafen und Statistik

Strafrechtt

Strafrechtsbuch in einem deutschen Gerichtssaal

(Foto: dpa)
  • Der Kriminologe Jörg Kinzig widerlegt in einem Buch zahllose populäre Klischees.
  • Demnach stimmt es nicht, dass Jugendliche immer gewalttätiger würden, Ausländer häufiger kriminell seien oder, dass die Zahl der Sexualmorde an Kindern steigen würde.

Rezension von Wolfgang Janisch

Jugendliche werden immer gewalttätiger, Ausländer sind häufiger kriminell, Sexual-morde an Kindern nehmen zu - und "Lebenslängliche" sind nach spätestens 15 Jahren sowieso wieder draußen. Das sind einige der sogenannten Fakten, mit denen gern der Ruf nach mehr Härte gegen Straftäter untermauert wird. Ihr Manko: Sie stimmen einfach nicht.

Auf gut verständlichen 120 Seiten widerlegt der Kriminologe Jörg Kinzig, Universitätsprofessor in Tübingen, mit dem Langmut eines Nachhilfelehrers Klischee um Klischee: Nein, im langfristigen Vergleich ist die Jugendgewalt gesunken, nicht gestiegen. Nein, die Sexualmorde sind unter fünfzehn pro Jahr gesunken - bis Mitte der 90er lagen sie bei 40.

Und lebenslang? Endet im Schnitt nach 19 Jahren, 13 Prozent sitzen sogar mehr als 25 Jahre. Der dienstälteste Gefangene habe bereits ein halbes Jahrhundert hinter Gittern verbracht.

Kinzigs Büchlein ist der Versuch, die irrational geführten - oder soll man sagen: geschürten - Debatten um Verbrechen und Strafe an die wissenschaftliche Basis zurückzuleiten. Man findet beliebte Stichworte wie "Warnschussarrest" (wahrscheinlich wirkungslos) oder "Senkung des Strafmündigkeitsalters" (eher kontraproduktiv).

Oder ein paar interessante Zahlen zum Irrglauben, eine hart zulangende Justiz mache die Welt sicherer. In Deutschland befinden sich pro 100 000 Einwohner etwa 77 Menschen im Gefängnis; in den USA liegt diese "Gefangenenrate" bei schwindelerregenden 650 - aber von einem amerikanischen Sicherheitsvorsprung hat man bisher noch nicht gehört. Manch einen mag auch der Hinweis auf die Sicherungsverwahrten überraschen, die gemeinhin als die Schlimmsten der Schlimmen gelten.

Als 2011 wegen eines Urteils des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte eine ganze Reihe von ihnen freigelassen werden mussten, war die Rückfallrate äußerst gering. Kinzig geht davon aus, dass nur einer von fünf Sicherungsverwahrten wirklich gefährlich ist. Weil aber Sicherungsverwahrung einzig durch anhaltende Gefährlichkeit legitimiert wird, heißt das: Vier von fünfen sitzen ohne Grund.

Das staatliche Strafen ist also ein heikles Geschäft, das ein Höchstmaß an Rationalität nötig hat - gerade auch um der Sicherheit potenzieller Opfer willen. Deshalb sollte man Kinzigs kleine Aufklärungsschrift immer dann zur Hand nehmen, wenn nach einem spektakulären Verbrechen wieder einmal Wut und Furcht die Debatte dominieren.

Migranten mit Bleibeperspektive werden seltener straffällig

Und die Ausländerkriminalität? Liegt in der Tat vergleichsweise hoch - aber eben auch deshalb, weil sich unter den Migranten überproportional viele junge Männer befinden, die in jeder Kriminalitätsstatistik oben stehen.

Auch hier lohnt der genaue Blick: Syrer oder Iraker werden seltener straffällig - Marokkaner, Tunesier oder Algerier deutlich häufiger. Jene haben eine Bleibeperspektive, die Nordafrikaner dagegen nicht.

Jörg Kinzig: Noch im Namen des Volkes? Über Verbrechen und Strafe. Orell Füssli, Zürich 2020. 124 Seiten, 10 Euro.

© SZ vom 14.04.2020/odg
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