Krieg in Syrien Syrien liegt in Schutt und Asche - und eine Zukunftsstrategie fehlt

  • Auch in der sogenannten Deeskalationszone ist die Situation für Zivilisten desolat.
  • Die Versorgung mit Medikamenten und Lebensmitteln ist schlecht, das Leid ist noch nicht vorbei.
  • Erst am Wochenende starben wieder 34 Menschen, darunter 15 Kinder, durch russische Luftangriffe.
Von Dunja Ramadan

Über die Bilder aus der syrischen Region Ghouta, die eine halbe Autostunde entfernt östlich von Damaskus liegt, hat sich ein trüber Graustich gelegt, eine Wolke aus Trümmern, Staub und Rauch. Die Bilder erinnern an Aleppo und Raqqa. Fast täglich wird die Bevölkerung von der Armee des syrischen Regimes bombardiert, ein hochrangiger UN-Mitarbeiter bezeichnete Ost-Ghouta kürzlich als "Epizentrum des Leidens".

In den vergangenen zwei Wochen sind dort bei Kämpfen zwischen Regierungstruppen und Rebellen mehr als hundert Menschen getötet worden, berichtet die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte mit Sitz in London, die ihre Informationen von Aktivisten in Syrien bezieht. Rund 400 000 Menschen sind dort eingeschlossen. Die Region ist eine der letzten Rebellenhochburgen und eigentlich Teil einer sogenannten Deeskalationszone, auf die sich die Konfliktparteien bei Friedensgesprächen in der kasachischen Hauptstadt Astana geeinigt hatten.

Doch von Deeskalation keine Spur: Die Versorgungslage in der belagerten Rebellenenklave ist nach Angaben des Welternährungsprogramms desolat, die Vorräte sind aufgebraucht - erstmals seit Wochen kam am vergangenen Dienstag ein Konvoi mit Hilfsgütern an. Auch die medizinische Versorgung ist unzureichend, die Kliniken sind überlastet, ein großes Feldkrankenhaus soll am 20. November von zwei Raketen bombardiert worden sein, berichtet die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen.

Das Leid in Syrien ist nicht vorbei, auch wenn die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) militärisch so gut wie besiegt ist und in Genf und im russischen Sotschi bereits über Syriens Zukunft verhandelt wird. In Deutschland hat der Vorstoß der Innenminister von CDU und CSU zu Abschiebungen nach Syrien umso mehr für Kritik gesorgt. In einem Antrag für die Innenministerkonferenz nächste Woche fordern Sachsen und Bayern, Abschiebungen nach Syrien wieder aufzunehmen, "sobald es die Sicherheitslage im Land erlaubt". Dabei ist Syrien von einer stabilen Nachkriegsordnung noch weit entfernt. Derzeit arbeitet das syrische Regime mithilfe von Russland und Iran daran, den IS und die Rebellen zurückzudrängen. Leidtragende sind dabei vor allem die Zivilisten. Nach der Rückeroberung von Aleppo hat die syrische Regierung alle bedeutenden Städte wieder eingenommen.

Am Wochenende flog die russische Luftwaffe Angriffe auf Al-Schafa. Dabei starben wohl 34 Menschen

In der Provinz Deir al-Sour im Osten des Landes halten die Dschihadisten ihre letzten Gebiete. Einst war die Stadt fast vollständig unter Kontrolle des IS, doch nach Angaben der Syrischen Beobachtungsstelle sind inzwischen nur noch neun Prozent der Provinz in ihrer Gewalt. Am Wochenende flog die russische Luftwaffe Angriffe auf al-Schafa am östlichen Ufer des Euphrat. Laut der Beobachtungsstelle sind 34 Menschen getötet worden, darunter 15 Kinder.

Auch die syrischen Rebellen verlieren an Boden - und an internationaler Unterstützung. Sowohl die Türkei als auch die USA scheinen sich von ihrem Ziel, Assad zu stürzen, verabschiedet zu haben. Während der frühere US-Präsident Barack Obama syrische Oppositionsgruppen noch unterstützte, hat sein Nachfolger Donald Trump die Hilfe für moderate syrische Rebellen gestoppt. In der saudi-arabischen Hauptstadt Riad kamen vergangene Woche mehrere Gruppen der zerstrittenen syrischen Opposition zusammen - doch die Einigung auf eine Strategie blieb aus. Vielmehr wiederholten sie ihre Forderung nach dem sofortigen Rückzug Assads. Nun steht Saudi-Arabien vor der Herausforderung, die Opposition neu zu formieren.

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Angesichts der Zerstörungen scheint Syrien noch weit davon entfernt zu sein, ein sicheres und stabiles Land zu werden. Dennoch kehrten zwischen Januar und Oktober 2017 bereits 715 000 Flüchtlinge nach Syrien zurück, wie die Internationale Organisation für Migration (IOM) Ende November berichtete. Dabei handele es sich größtenteils um Binnenflüchtlinge sowie solche aus der Türkei, Libanon, Jordanien und dem Irak. 25 Prozent gaben an, dass sie zurückkehrten, um ihre Häuser zu beschützen - rund 20 Prozent gaben an, dass sich ihrer Meinung nach die Sicherheitslage verbessert habe. Allerdings wurden im gleichen Zeitraum, in dem jene Flüchtlinge zurückgekehrt sind, 1,5 Millionen Menschen innerhalb Syriens zur Flucht gezwungen, vor allem Bewohner aus Raqqa und Deir al-Sour.