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Kranker Finanzminister Schäuble:An der Grenze

Für Politiker sind Krankheiten mehr als nur ein medizinisches Problem. Oft wird in der Öffentlichkeit verschleiert, zum Teil gelogen. Das Misstrauen ist darum groß - auch im Fall Schäuble.

Wolfgang Schäuble sei auf dem Weg der Besserung. So hat es Angela Merkel bereits am Montag gesagt. Wie es dem Finanzminister geht, weiß man seitdem trotzdem nicht.

Finanzminister Wolfgang Schäuble Krankheit ap

Sitzt wegen der Folgen eines Pistolen-Attentats im Rollstuhl: Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU)

(Foto: Foto: AP)

Nimmt man die Worte der Kanzlerin ernst, dann ist Schäubles Zustand nicht mehr so schlecht wie am Sonntag, als er in Brüssel ins Krankenhaus musste und nicht am Treffen mit seinen Kollegen aus den Euro-Staaten teilnehmen konnte.

Bisweilen auch glatte Lügen

Er ist aber offenbar auch nicht so gut, dass der Minister in Berlin schon wieder Sitzungen beiwohnen könnte: Schäuble fehlte entgegen der ursprünglichen Ankündigung am Dienstagvormittag im Kabinett und auch am Nachmittag in der Fraktion.

Das wichtigste Anliegen aus Sicht von Merkel und Schäuble ist jetzt, den Eindruck zu erwecken, als sei alles in Ordnung - und zwar auch dann, wenn nicht alles in Ordnung sein sollte. Nach Angaben von Vize-Regierungssprecher Christoph Steegmans sagte Merkel im Kabinett, sie habe in der Euro-Krise fortlaufend Kontakt mit Schäuble gehabt.

Um 13 Uhr am Dienstag, so hieß es weiter, hätten Merkel und Schäuble noch einmal miteinander telefoniert. Er soll ihr gesagt haben, dass er seine ursprüngliche Planung auf ärztlichen Rat hin zurückgestellt habe. Sie habe ihm geraten, sich noch ein paar Tage zu schonen.

Ein Rücktritt Schäubles stehe nicht zur Debatte, sagt sein Sprecher. Und Merkel? "Ich gehe davon aus, dass sie ihm das volle Vertrauen ausgesprochen hat."

Für Politiker, zumal in Führungsposition, sind Krankheiten nicht nur ein medizinisches Problem. Immer stellt sich auch die Frage, wie man öffentlich damit umgeht. Die Erfahrung lehrt, dass die Betroffenen oder ihre Vertrauten die Krankheit herunterspielen oder ganz abstreiten. Bisweilen wird auch glatt gelogen.

Deshalb ist das Misstrauen der Medien groß. Mit jedem weiteren Tag, an dem Schäuble nicht in der Öffentlichkeit auftaucht, gilt dies auch für ihn. Und das, obwohl Wolfgang Schäuble wie keinem anderen daran gelegen sein mag, immer neue Mutmaßungen zu vermeiden.

Genschers ausgeprägte Krankenakte

Weil Schäuble wegen seiner Querschnittslähmung schwächer ist als andere, kann er sich weniger Schwäche leisten. Ein Schnupfen ist auch bei ihm nur ein Schnupfen. Aber wenn eine Wunde bei ihm langsamer heilt als bei Menschen ohne Behinderung, dann ist Schäuble auch in der öffentlichen Kommunikation im Nachteil. Erst recht, wenn er sich - wie geschehen - quasi selbst aus dem Krankenhaus entlässt, um Handlungsfähigkeit zu zeigen, und danach wieder ins Krankenhaus muss.

Dementis und Beschwichtigungen gehören zu kranken Politikern wie Spritzen und Tabletten. Der SPD-Vorsitzende Willy Brandt kam im November 1978 ins Krankenhaus, angeblich hatte er nur eine fiebrige Erkältung. Berichte über einen Herzinfarkt erklärte ein SPD-Sprecher zu "schamloser Sensationsmache". Aus wenigen Tagen Krankenhaus-Aufenthalt wurden fünf Wochen, Diagnose: Herzinfarkt. Erst an Weihnachten durfte Brandt wieder zu seiner Familie.

Der langjährige Außenminister Hans- Dietrich Genscher hatte auch eine ausgeprägte Krankenakte. Schon als junger Mann litt er an Tuberkulose, später suchten ihn Grippen heim, eine Nierenkolik, Schwächeanfälle, Herz-Rhythmus-Störungen. Im März 1989 verschleppte Genscher über Tage und Wochen eine Infektion.