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Konservatismus:Zukunft, aber langsam

Pegida-Demonstration in Dresden im Oktober 2018

Die Pegida-Bewegung, hier im Oktober 2018 in Dresden, vertritt eine Haltung, mit der "moderne" Konservative nichts zu tun haben wollen.

(Foto: Jens Meyer/dpa)

Kann Konservatismus aufgeklärt und modern sein - und in der CDU daheim? Was Christdemokraten umtreibt, die diesen großen Begriff nicht an Traditionalisten oder Reaktionäre abgeben mögen.

Forscher der Freien Universität Berlin stellten vor einer Weile 1400 Bürgern Fragen zu Demokratie und Gesellschaft. Eine davon zielte darauf ab, ob Deutschland mit maßvollen Reformen hinreichend zu helfen sei oder nicht. Das Ergebnis der Studie in diesem Aspekt ist noch recht gut in Erinnerung, weil es zu einer heiteren Schlagzeile in einem alternativen Blog führte - "Die Deutschen sind besser als ihr Ruf: 20 Prozent für Revolution".

Es gibt also gar nicht so wenige Revolutionäre in Gedanken, immerhin. Aber erst die Gegenprobe führt zu den politischen Einstellungen der Mehrheiten, zu Wünschen wie denen nach Stabilität oder sogar einer Aufrechterhaltung des Status Quo. Für die, die so denken, gibt es den amorphen Begriff des "Konservativen". Für die, die so wählen, gab es lange Zeit hauptsächlich eine Adresse, die Union.

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Die, die so denken und wählen, existieren weiterhin, aber mit der Orientierung ist es schwieriger geworden. Weil erstens Parteien und Politiker sich verändern. Heute argumentieren Grüne wie Winfried Kretschmann auf Buchlänge "für eine neue Idee des Konservativen", und genauso gibt es Christdemokraten, die nicht als konservativ gelten wollen, und sei es nur, um den damit einhergehenden Begriffsmuff aus hundert Jahren zu vermeiden. Zweitens hat genau dieser Begriff des Konservativen selbst eine kleine Karriere hingelegt. Konservatismus will heute oft "aufgeklärt" sein oder "zeitgemäß" oder noch besser: "modern". Moderner Konservatismus. Geht das überhaupt?

"Weite Teile der bürgerlichen Elite haben diesen Begriff aufgegeben"

Eine mögliche Antwort weiß der Historiker Andreas Rödder, der sich nicht nur beruflich intensiv mit Konservatismus auseinandersetzt, sondern praktischerweise auch privat von dessen Richtigkeit überzeugt ist. Muss echter Konservatismus immer irgendwie auch modern sein? Oder liegt hier ein kaum aufzulösender Widerspruch? Rödder sagt, die modische Wendung versuche, "den Konservatismus von traditionellem oder reaktionärem Denken abzugrenzen, denn in der öffentlichen Debatte werden diese Dinge allzu oft gleichgesetzt". Der Konservatismus selbst habe diese Abgrenzung gar nicht nötig, die Debatte darum jedoch schon.

In dieser Gleichsetzung, sagt Rödder, liege auch ein Grund, warum Konservatismus sich im Diskurs oft schwer tue, warum er zuweilen muffig wirkt und nicht so veränderungsumarmend wie der Liberalismus oder so sozial friedensstiftend wie die Sozialdemokratie. Die frühere Verbindung deutscher Konservativer zu illiberalem Denken und auch die teilweise Nähe zum Nationalsozialismus würden das Etikett "konservativ" bis heute delegitimieren. "Weite Teile der bürgerlichen Elite", sagt Rödder, "haben diesen Begriff deswegen aufgegeben".

Zudem sei es ein Problem des Konservatismus, dass er historisch - anders als Liberalismus oder Sozialismus - "nie eine inhaltliche Programmschrift" gehabt habe, sagt Rödder. Er sei daher schwerer greifbar, definierbar. Nach Ansicht des Historikers geht es vor allem um gewisse Grundlagen des Denkens: Konservative "pflegen Skepsis gegenüber Gewissheiten, sie gehen von Erfahrung und Pragmatismus aus, statt von Ideologie oder Utopie", sagt Rödder. "Sie setzen auf Zivilgesellschaft, nicht auf staatliche Intervention."