Konrad Adenauer "Er hatte ja nie Küsschen gegeben"

Konrad Adenauer an seinem Schreibtisch im Palais Schaumburg in Bonn, dem damaligen Amtssitz des Bundeskanzlers.

(Foto: dpa)

Werner Biermann hat über den ersten Bundeskanzler recherchiert und dafür viele Zeitgenossen befragt. Herausgekommen ist eine anschauliche Biografie mit neuen Details.

Rezension von Ralf Husemann

Der verblüffendste Satz des Buches steht auf Seite 74: "Politik interessiert ihn generell nicht." Das sollte sich freilich gewaltig ändern. Denn der politische Ignorant (noch mit knapp 30 Jahren) ist kein Geringerer als Konrad Adenauer, der später politisch doch einiges vorweisen kann: 14 Jahre Oberbürgermeister von Köln, Präsident des Preußischen Staatsrates, und, vor allem, der erste und mit 14 Jahren der nach Helmut Kohl am längsten amtierende deutsche Kanzler, der zudem, bisher einzigartig, der Union 1957 an den Wahlurnen eine absolute Mehrheit beschert hat.

Gibt es einen besonderen Grund, sich jetzt wieder an den knorrigen und alles andere als wortgewandten "Alten" zu erinnern? Das Nächstliegende wäre der Todestag Adenauers, der sich am 19. April zum 50. Mal jähren wird. 1967 ist er im Alter von 91 Jahren gestorben.

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Merkwürdigerweise geht aber der Rowohlt-Verlag auf dieses Datum gar nicht ein, sondern rühmt nur seinen Autor Werner Biermann, "den dramatischen Lebensweg Adenauers, seine Ideen und Ziele, seine Schwächen und Ängste ebenso faszinierend wie historisch genau" nachvollzogen zu haben.

Das kann man weitgehend bestätigen, auch wenn der im vergangenen Jahr überraschend auf einer Tunesien-Reise mit 71 Jahren gestorbene Biermann nicht immer die Quellen benennen kann, wenn er mal wieder, der erzählerischen Atmosphäre zuliebe, manches ein bisschen fantasievoll ausschmückt. Etwa wenn er über Adenauers Vater ("das Muster eines preußischen Beamten") mutmaßt, der habe "womöglich von Brasilien" als Auswanderungsland "geträumt". Oder er manchmal zu wissen vorgibt, was Adenauer "denkt".

Trotz dieser etwas romanhaften Geschichtsschreibung hat sich Biermann als Autor von diversen Fernsehdokumentationen (Lieblingsfigur: Franz Josef Strauß) und einigen Büchern einen Namen gemacht.

Der Autor interviewte auch Robert McNamara

Biermanns Stärke ist denn auch die Anschaulichkeit. Etwa wenn er die brutale, sich nur auf Befehl, Gehorsam und Pflichterfüllung stützende Erziehung Adenauers durch seinen überstrengen Vater, einen Kölner Kanzleirat, eingehend beschreibt.

Eine pädagogische Haltung, die Adenauer zum Leidwesen seiner eigenen Kinder (sieben in zwei Ehen) weitgehend übernimmt. So wird sich sehr viel später sein Enkel Konrad angesichts der sich innig umarmenden Staatsmänner Charles de Gaulle und seines Großvaters wundern: "Er hatte ja nie Küsschen gegeben, nicht einmal im engsten Familienkreis."

Dass selbst der bewunderte und weltweit angesehene Staatsmann Adenauer den (Über-)Vater nie ganz los wird, zeigt, dass er in seiner Schreibtischschublade bis zum Lebensende 70 Jahre lang einen Brief aufbewahrt, in dem er sich gegen dessen Vorwurf der Geldverschwendung für eine Italienreise wehrt.

Werner Biermann: Konrad Adenauer - Ein Jahrhundertleben. Rowohlt-Verlag Berlin, 2017, 613 Seiten,29,95 Euro. E-Book 25,95 Euro.

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Werner Biermann kann natürlich den Kanzler nicht neu erfinden. Er stützt sich in seiner Darstellung auf die bekannten großen Biografien von Hans-Peter Schwarz und Henning Köhler, aber er führte auch viele Gespräche mit Adenauers Nachkommen, mit seinen langjährigen Sekretärinnen, vor allem mit Anneliese Poppinga, mit Dolmetschern, aber auch etwa mit dem früheren US-Verteidigungsminister Robert McNamara oder dem einstigen sowjetischen U-Boot-Kommandanten Michael Shumakow. Denn die gefährlichste Krise der Weltgeschichte findet zur Zeit der Kanzlerschaft Adenauers statt.

Der strebt selbst nicht nur die atomare Bewaffnung, sondern auch - gemeinsam mit Frankreich und Italien - sogar die Produktion von Nuklearbomben an. Die Franzosen stoppen 1959 den bereits in Rom paraphierten Vertrag. Und erst als ihm US-Außenminister John Foster Dulles deutlich macht, dass die USA im Kriegsfall auch in Deutschland Atomwaffen einsetzen werden, zuckt der darüber tief entsetzte Adenauer zurück. Biermann zufolge ist damit für Adenauer die bisher beschworene "Politik der Stärke" gescheitert.

Es sei deshalb für ihn die Wiedervereinigung nicht mehr ein wesentliches Ziel gewesen, wenn damit die Gefahr eines Atomkrieges heraufbeschworen werde. So sah es auch schon Henning Köhler, der allerdings Adenauer vorwarf, dass er die amerikanische Position nicht richtig verstanden habe, die mit ihrer Politik der Abschreckung genau einen Atomkrieg habe verhindern wollen.

Alternativloser Adenauer

Zurück zu McNamara und Shumakov. Die beiden machen noch einmal überdeutlich, wie nah die Welt während der Kuba-Krise vor dem Abgrund stand. Das sagte der 2009 gestorbene McNamara so wörtlich ("We're on the brink") zu Biermann. Als die Sonne am 27. Oktober 1962 aufging, habe er sich ernsthaft überlegt, ob dies wohl der letzte Samstag der Menschheit sei, bevor sie in einem apokalyptischen Atomkrieg ausgelöscht werde.

Dass es nicht dazu kommt, ist nicht nur den Staatenlenkern der USA und der Sowjetunion, den "Feiglingen" (so Biermann augenzwinkernd) John F. Kennedy und Nikita Chruschtschow, zu verdanken, die beide schließlich doch noch einlenken, sondern vielleicht auch Michael Shumakow. Als ein US-Zerstörer versucht, sein U-Boot zu rammen, lässt er seinen nuklearen Torpedo an Bord und taucht lieber ab. In anderen Berichten gilt diese Ehre einem Wassilij Archipow; doch alle Varianten haben gemeinsam, dass McNamaras Einschätzung der realen Lage entsprach.

Biermann wurde mal als "Alt-68er" bezeichnet. Dies wird auch gelegentlich deutlich, etwa wenn er sich über den "idiotischen Ehrenkodex" der Offiziere im Ersten Weltkrieg oder über Adenauers "infame Polemiken" (nicht nur gegen Willy Brandt) empört. Dennoch kommt sein Protagonist im Großen und Ganzen gut weg. Ja, einmal findet Biermann sogar zu einem Merkelschen Ton und rühmt Adenauers Politik als "zwingend und ohne Alternative".

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