Kommunalwahlen in Frankreich:Gefährliche Marine Le Pen

Marine Le Pen

Seitdem Marine Le Pen vor drei Jahren den Parteivorsitz vom Vater geerbt hat, versucht sie, den Front National zu einer halbwegs salonfähigen Partei zu machen.

(Foto: REUTERS)

Sie ist berechnend, machtbewusst und erfolgreich: Die Chefin des Front National Marine Le Pen. Jeder fünfte, vielleicht sogar jeder vierte Franzose will am Sonntag für die Rechtsextremen votieren. Das macht die Politikerin das erste Mal zu einer ernsten Gefahr.

Von Christian Wernicke, Paris

Marine Le Pen ist süchtig. Nach Politik, nach Macht. Und nach Nikotin. Also kramt die blonde Frau während des Mittagessens eine Zigarette aus ihrer Tasche hervor. Die Vorsitzende von Frankreichs Front National (FN) braucht eine Pause, noch vor dem Dessert.

Eine knappe Stunde währt ihr Wortschwall nun schon. Sie hat geschimpft auf Frankreichs Eliten, "die das Land ruinieren". Hat gewettert gegen den Euro, der ihre Nation "tötet", und gegen die ganze EU, die Europas Völker knechte "wie einst die Sowjetunion". Ihre Stimme tönt rau, fast heiser, aber so klingt sie immer. Den Teller vom Hauptgang schiebt Marine Le Pen beiseite, nur zwei, drei Bissen hat sie sich gegönnt vom rosa-zarten Magret de canard. Reden macht sie satt, nicht essen.

Während sie im "Macéo", einem feinen Pariser Restaurant gleich hinterm Palais Royal, zur hellen Stuckdecke aufblickt, stützt sie ihr Kinn auf die rechte Hand. Natürlich weiß sie, dass in diesem verspiegelten Saal Rauchverbot herrscht. Aber sie ist vorbereitet: Zwischen ihren Fingern hält sie eine elektronische Zigarette, die wird in den Salons der Hauptstadt geduldet. Le Pen schließt die Augen, als sie das Gift einsaugt, das sie braucht.

Le Pen lebt sich aus als begnadete Populistin

So wie sie raucht, so betreibt Marine Le Pen auch Politik: in vollen Zügen, mit Leib und Seele - und nach den Regeln des Systems. Die 45-jährige FN-Chefin liebt Provokation und Polemik, lebt sich aus als begnadete Populistin, die die regierenden Sozialisten (PS) und die bürgerliche Opposition (UMP) in einen Topf wirft und als "das mafiöse System der UMPS" schmäht.

Aber anders als ihr bulliger Vater, der nach Prügeleien oder wegen antisemtischer Ausfälle wiederholt vor dem Kadi landete, agiert die Tochter streng gemäß der Handwerksordnung professioneller Politik: geschmeidig, bestens organisiert und mit einem messerscharfen Seitenblick auf die Umfragen. Le Pen, die Strategin, poltert nicht. Sie spricht leise, wägt ab, wirkt kühl wie das Speiseeis, das sie beim Gespräch mit dem Journalisten-Club "Europresse" im Macéo zum Nachtisch löffelt: "Ich bin Realistin."

Seitdem Marine Le Pen vor drei Jahren den Parteivorsitz vom Vater geerbt hat, versucht sie, den Front National zu einer halbwegs salonfähigen Partei zu machen. "Dédiabolisation" (Entteufelung) heißt diese Imagekorrektur. FN-Kandidaten, die sich allzu offen rassistisch oder antisemitisch einlassen, werden abgestraft, kaltgestellt, ausgeschlossen. Vor zehn Jahren betrachteten noch zwei Drittel aller Franzosen den FN als "Gefahr für die Demokratie", heute teilt nur noch jeder zweite Wähler diese Sorge.

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