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Politik:Was Menschen zum Vorbild macht

Hans-Jochen Vogel * 3. Februar 1926 in Göttingen ist ein deutscher Politiker (SPD). Vogel war von 1960 bis 1972 Oberbür

Hans-Jochen Vogel ist in den Nachrufen oft als "altväterlich" bezeichnet worden. Darin schwingt die schöne Vorstellung von einem Vater mit, auf den man sich verlassen kann. Vogel (links im Bild aus dem Jahr 1976 mit Willy Brandt) war und ist ein Vorbild.

(Foto: imago images/Heinz Gebhardt)

Sie müssen nicht Helden oder Heilige sein. Sie haben Fehler, Schwächen und Schrullen - auch deshalb kann man sich an ihnen bilden. Ein schönes Beispiel: Hans-Jochen Vogel.

Kolumne von Heribert Prantl

Hans-Jochen Vogel, der gerade verstorbene große SPD-Politiker, ist in vielen Nachrufen zu Recht als Vorbild bezeichnet worden. Es folgte dann die Zuschreibung von Tugenden wie Fleiß, Disziplin, Pflichtgefühl, Treue und Zuverlässigkeit. Es sind dies Tugenden, wie sie Oskar Lafontaine, einer der Nachfolger Vogels als SPD-Chef, früher, es war im Jahr 1982, als Sekundärtugenden verspottet hat - in seinem erbitterten Streit mit Kanzler Helmut Schmidt über die Nachrüstung. Dass ich das Wort Vorbild lange nicht leiden konnte, hatte aber keinen solchen politischen oder gesellschaftskritischen Grund. Meine Abneigung gegen das Vorbild hatte einen religiösen Anlass.

Es war so: Zur Erstkommunion, die in der bayerisch-katholischen Welt meiner Kindheit eine wichtige Rolle spielte, schenkte mir mein Pate ein dickes, in rotes Leinen gebundenes Buch, das in goldenen Lettern den Titel "Helden und Heilige" trug. In seiner Widmung schrieb Onkel Mich, mit einer Feierlichkeit, die ihm sonst fremd war, von "Ansporn und Antrieb", die mir diese Helden und Heiligen sein sollten. Alle Versuche, die sechshundert Seiten zu lesen, scheiterten an der schwülstigen Sprache und daran, dass ich mit den Märtyrern und der Art und Weise, wie sie dort in großer Zahl präsentiert wurden, nichts anfangen konnte.

Das Wort Vorbild hatte für mich seitdem die Bedeutung von unlesbarer und unlebbarer Frömmelei, von habitueller Heiligkeit, von einer anstrengenden und angestrengten Rundumvollkommenheit. Fehler gab es da nicht; und wenn es sie doch gab, dann als tapfer überwundene Schwächen, die das Bild noch glänzender machten. Sonderlich sympathisch war und ist das nicht. Vorbild - das schmeckte nach Essiggurke mit Schlagsahne. Als ich von den echten oder angeblichen Defiziten von Leuten wie John F. Kennedy, Martin Luther King und Mutter Teresa las, machte sie mir das eher sympathisch.

Menschen, die zu Vorbildern werden, meistens ohne eigene Absicht, haben oft das Pech, nicht mehr in ihren Ambivalenzen akzeptiert zu werden. Damit entrücken sie der Welt; sie werden unnahbar. Sie werden stilisiert zu makellosen Persönlichkeiten, deren Glaubwürdigkeit dann angeblich darunter leidet, dass sie es nicht sind. Es kann aber sein, dass der Whistleblower ein Faulpelz in der Arbeit ist. Es kann sein, dass der couragierte Menschenrechtler ein Geck ist. Es kann sein, dass die hingebungsvolle Ärztin ein Alkoholproblem hat und der inhaftierte Friedensaktivist ein Supermacho ist. Sind sie damit automatisch als Vorbilder untauglich?

Mit dem Wort Vorbild hat mich eine unprätentiöse Beschreibung von Erich Kästner versöhnt; er schrieb: "Jeder Mensch suche sich Vorbilder! Denn es existieren welche. Und es ist unwichtig, ob es sich dabei um einen großen toten Dichter, um Mahatma Gandhi oder um Onkel Fritz aus Braunschweig handelt, wenn er nur ein Mensch ist, der im gegebenen Augenblick ohne Wimpernzucken das gesagt und getan hätte, wovor wir zögern." Das heißt: Nicht unbedingt der Tugendbold ist ein Vorbild. Es geht nicht um Heldenhaftigkeit. Einem Vorbild muss auch nicht die Güte aus den Knopflöchern springen. Es geht darum, dass der Mensch, den ich mir zum Vorbild nehme, mir guten Anstoß und Ansporn gibt. Ein gutes Vorbild ist ein Mensch, an dem man sich im besten Sinn bilden kann. Das Vorbild gibt ein Beispiel, aber keine vorgefertigte Form, in die man sich einpasst. Ein Vorbild ist etwas anderes als ein Idol. Ein Idol hat Fans, Nacheiferer und Bewunderer, die ihr Idol kopieren, jedoch immer im Bewusstsein, ihm niemals gleich zu werden. In dem Augenblick, da das geschähe, verlöre es seinen Zauber. Idole appellieren an die Fantasien der Menschen und an ihre Verführbarkeiten; sie funktionieren als ihre Projektionsfläche.

Ein Idol hat ein Image, ein Vorbild hat Charakter

Donald Trump versteht es trefflich, damit zu manipulieren und politisches Kapital daraus zu schlagen. Der Inder Bussa Krishna hatte vor Trumps Indienreise eine lebensgroße Trump-Statue angefertigt, vor der er sich im Gebet fotografieren ließ. So etwas gehörte eher ins Kuriositätenkabinett, wenn es sich nicht so gut zur übertriebenen Selbstinszenierung des US-Präsidenten fügen würde, der mit Vorliebe als König im Märchenschloss des schlechten Geschmacks posiert - dem vergoldeten Trump-Tower. Es war die wahnwitzige Angst vor dem Verlust seines Images, die ihn den Mundschutz mehr fürchten ließ als die Ausbreitung der Pandemie.

Ein Idol hat ein Image, ein Vorbild hat Charakter. Ein Vorbild hilft zu entdecken, wer man selbst ist oder sein kann. Ein Vorbild hilft bei der Formung des Selbstbildes. Es weckt die kreativen Kräfte, es gibt Energie, es lockt dazu, sich zu entwickeln; und am vorbildlichsten ist der Mensch, der dem anderen erlaubt, über ihn hinauszuwachsen. Ein Vorbild spricht die Stärken von Menschen an und erweitert sie.

Das erste Vorbild, auch im Wortsinn, das Bild, das ein Mensch als Erstes vor Augen hat, ist fast immer das Bild der Mutter; wenn es gut läuft, auch das Gesicht des Vaters. An diesen nicht selbst ausgesuchten Vor-Bildern bildet sich das Ich des Menschen. Der kleine Mensch lernt, wer er ist; er lernt, ob die Welt es gut mit ihm meint, welchen Platz er in ihr hat. Am Anfang des Lebens hat man gar keine Wahl, man hat diese Vorbilder; sie sind lebenswichtig, manchmal, wenn sich in ihnen zu oft Lieblosigkeit und Gleichgültigkeit spiegeln, sind sie auch zerstörerisch. Wer einen "Onkel Fritz" oder eine "Tante Frieda" im Kästner'schen Sinn zu Vater und Mutter hatte, der hat ungeheueres Glück.

Hans-Jochen Vogel ist in den Nachrufen oft als "altväterlich" bezeichnet worden. Das ist ein schönes Wort, weil darin Beglückendes mitschwingt - die Vorstellung von einem Vater, auf den man sich verlassen kann. Es ist die letzte Ehre für einen Menschen, der - mit Schrullen und Fehlern - ein Vorbild war und ist.

© SZ vom 01.08.2020
Kolumne von Heribert Prantl

Heribert Prantl ist seit 1. März 2019 Kolumnist und ständiger Autor der Süddeutschen Zeitung. Zuvor leitete er das Ressort Meinung sowie die Innenpolitik und war Mitglied der Chefredaktion. Alle seine Kolumnen finden Sie hier.

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