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Katholische Kirche:Predigerinnen in der Wüste

Sarah Mullally bei ihrer Einführung als Beschöfin von London.

(Foto: Yui Mok/AFP)

Ein neues Buch offenbart, wie viel Leid es für Frauen bedeuten kann, dass im katholischen Gottesdienst für sie nur eine Nebenrolle vorgesehen ist. Dies soll nun auch auf der Konferenz des Synodalen Wegs diskutiert werden - es geht um die Zukunft der Kirche.

Von Annette Zoch

Es begann mit einem Satz, achtlos hingeworfen in der Kaffeepause. "Es gibt doch eigentlich kaum Frauen, die zum Priestertum berufen sind." Es war ein katholischer Bischof, der das gesagt haben soll, am Rande der ersten Versammlung des katholischen Reformprozesses "Synodaler Weg" im Januar 2020 in Frankfurt. Welcher, das verrät Schwester Philippa Rath nicht, als sie von der Begegnung erzählt. "Ich wollte nicht in der Kaffeepause einen Konflikt mit einem der Bischöfe beginnen", berichtet die Benediktinerin der Abtei Sankt Hildegard in Rüdesheim am Rhein. "Aber mich hat das innerlich sehr bewegt."

So sehr, dass sich die Ordensfrau danach an ihren Computer setzte und eine Mail verfasste. An zwölf katholische Frauen, von denen sie wusste, dass genau das ihr Lebenstraum war: Vorne am Altar stehen, die Messe zelebrieren, das Wort Gottes verkünden, Menschen Trost und Segen spenden. Sie schilderte ihre Begegnung und bat um "Zeugnisse" der Frauen, so erzählt sie heute. "Ich kenne persönlich genug Frauen, die berufen sind. Ich habe mir gesagt: Du wirst es ihnen beweisen." Dem Bischof und allen anderen in der katholischen Kirche, die Frauen von Ämtern und Verantwortung fernhalten wollen. Schwester Philippa drückte auf Senden.

Schwester Philippa Rath

Schwester Philippa Rath, 65, gehört dem Orden der Benediktinerinnen an.

(Foto: privat)

Die Resonanz war überwältigend. Die Mail verbreitete sich von den zwölf Angeschriebenen weiter und weiter, immer mehr Frauen meldeten sich, das Postfach quoll über. Eigentlich wollte Schwester Philippa nur einige persönliche Berichte sammeln, um sie im Synodalforum "Frauen in Diensten und Ämtern der Kirche" vorzutragen, in dem sie Mitglied ist. Doch binnen fünf Wochen hatte die 65-jährige Benediktinerin mehr als 150 Antworten erhalten, von Frauen aus vier Generationen, zwischen 19 und 94, aus ganz Deutschland. Ihre Stimmen sind in einem Buch versammelt, "Weil Gott es so will", heißt es trotzig, es ist an diesem Montag im Herder-Verlag erschienen.

"Schade, dass du ein Mädchen bist"

All diese Frauen eint ein tiefer Glaube, aber auch das Hadern mit der Männerkirche. Viele von ihnen betrauern einen geplatzten Lebenstraum. Es sind Schilderungen voller Wut, manche auch voller Traurigkeit, Sehnsucht, Resignation. Die Besonderheit des Buches liegt in der Vielzahl der Stimmen. Einige Frauen wollen anonym bleiben, weil sie Repressalien kirchlicher Vorgesetzter fürchten. Andere berichten unter ihrem vollen Namen. So wie Maria-Sybille Bienentreu, die eines Tages im englischen Durham in einem anglikanischen Gottesdienst sitzt - und vorne am Altar eine Priesterin sieht, die etwa so alt ist wie sie. "Als sie predigte, mit Worten, die mir aus der Seele sprachen, ergriff mich urplötzlich ein praktisch unkontrollierbares Weinen. Mir wurde plötzlich glasklar, dass ich meiner Berufung nie hatte folgen können", schreibt die ehemalige Schulseelsorgerin. "Wie gern würde ich Sakramente spenden können", erzählt Sandra Bonenkamp, von Beruf Gemeindereferentin im Bistum Fulda. "Ich kann als Frau den Schatz der Kirche nicht ganz nutzen."

Monika Berwanger erinnert sich bis heute an ihre Erstkommunion. "Schade, dass Du ein Mädchen bist. Ich könnte Dich so nötig zum Ministrieren brauchen", sagt der Priester nach der Feier zu ihr. " Als Mädchen kannst Du halt nur die Kirche putzen." Heute arbeitet die promovierte Theologin als Pastoralreferentin. Leidenschaftlich gern habe sie im Wortgottesdienst der Eucharistiefeier gepredigt - bis der frühere Bischof dies den Frauen verboten habe mit den Worten: "Wer von Ihnen noch einmal predigt, läuft bei mir ins offene Messer." Auch Schwester Katharina Ganz, Generaloberin der Oberzeller Franziskanerinnen, studierte katholische Theologie - und saß nach dem Studium im Chorgestühl der Abtei, durfte bestenfalls Fürbitten vortragen, während ihre männlichen Kommilitonen von einst - dieselben, mit denen sie gemeinsam gelernt und Prüfungen abgelegt hatte - zur Weihe ausgestreckt vor dem Altar lagen. Da "durchzog mich ein Schmerz, der mich bis heute nicht losgelassen hat". Im Buch erzählen Frauen auch, wie Priester sich bedroht fühlen, wenn sie wahrnehmen, dass die Pastoralreferentin beliebter ist als sie selbst. Andere berichten von Priestern die ihr Leid teilen und mit der Kirche hadern. Die, völlig überlastet, Predigten von ihren Mitarbeiterinnen schreiben lassen und sie dann wortwörtlich halten.

Pastoralreferentin Gudrun Heid hätte gerne selbst gepredigt. Als Kind ist sie empört, als sie erfährt, dass aus ihrem Berufswunsch nichts werden wird: "Empört, weil es zutiefst im Widerspruch zur Gleichwertigkeit und Geschwisterlichkeit stand, die gepredigt wurde. Jede und jeder ist mein Nächster, kein Unterschied zwischen den ärmeren und reicheren, dümmeren und gescheiteren Menschen. Das hat mir imponiert an Jesus und an Gott, das hat ihn göttlich und liebenswert gemacht. Denn er liebte mich so, wie ich war."

Die Kirche, ein vertrockneter Baum

Im Buch kommen auch Frauen zu Wort, die diesen inneren Konflikt nicht ausgehalten haben, die sich gegen die Lehre der Kirche haben weihen lassen und dafür exkommuniziert wurden. Auch Frauen, die evangelisch wurden oder zur altkatholischen Kirche gingen. Andere, die irgendwie dennoch ihren Frieden gefunden haben, indem sie heute sagen: Was ich tue, ist priesterlicher Dienst, auch wenn er nicht so heißt.

Von Donnerstag an finden sich die Teilnehmer des Synodalen Wegs wieder in Online-Konferenzen zusammen. Dann wird wieder viel diskutiert, auch über die Frage nach der Rolle der Frauen. Schwester Philippa sagt, sie habe der theologischen Diskussion reale Erfahrungen gegenüberstellen wollen. Zeigen wollen, wie viel Leid die katholische Zweiklassenwelt auch bedeutet. Darüber hinaus stellt sich die Frauenfrage nach Ansicht vieler Autorinnen aber nicht nur um der Frauen, sondern auch um der Kirche selbst willen. Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, der Limburger Bischof Georg Bätzing, nennt die Frauenfrage "entscheidend" für die Zukunft der Kirche.

Eine anonyme Schreiberin vergleicht die Kirche in einer bissigen Parabel mit einem vertrockneten Baum, der kaum noch Schatten spendet und kaum noch Frucht bringt. Es gebe zwar genug Wasser, aber Gärtner buddelten eifrig, um das zuströmende Wasser wegzulenken. Denn: "die Trockenheit des Baumes sei seine von Gott bestimmte Natur und mehr Wasser würde die Existenz des Baumes infrage stellen". "Die Kirche ist und bleibt ohne berufene Frauen in ihrer Gestalt unvollständig", schreibt Brigitte Vielhaus, Bundesgeschäftsführerin der Katholischen Frauengemeinschaft Deutschlands. Und Schwester Philippa findet: "Wer sind schließlich wir, dass wir Gott vorschreiben wollten, wen er zu welchen Ämtern in seiner Kirche beruft?"

© SZ/stad
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