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Katholische Kirche:Gemeinde lädt Woelki aus

Kardinal Rainer Maria Woelki bei einer Pressekonferenz zur Aufarbeitung der Missbrauchsfälle im Erzbistum Köln am 23. März 2021.

(Foto: Oliver Berg/Afp)

Der Kölner Erzbischof will Anfang Juni Jugendliche firmen - ausgerechnet in der Gemeinde, in der zwei ihm persönlich bekannte übergriffige Priester tätig waren. Die Gläubigen wehren sich.

Von Annette Zoch, München

Der 9. Juni soll für 17 katholische Jugendliche in der Kirchengemeinde St. Margareta in Düsseldorf eigentlich ein Festtag werden: An diesem Tag werden sie das Sakrament der Firmung erhalten. Doch die Umstände lösen erhebliche Unruhe aus. Denn die Firmung vornehmen möchte Kölns Erzbischof Kardinal Rainer Maria Woelki höchstpersönlich - gegen den Willen der Gemeinde. In einem offenen Brief, der der Süddeutschen Zeitung vorliegt, haben sich 140 Gemeindemitglieder an den Kardinal gewandt und ihn gebeten, der Firmung fernzubleiben und diese Aufgabe einem Stadt- oder Kreisdechanten zu übertragen. Das Erzbistum wollte sich zu dem Brief zunächst nicht äußern.

"Junge Menschen bekennen sich mit ihrer Firmung zum christlichen Glauben vor und in unserer Gemeinde", schreiben die Gemeindemitglieder. "Der Priester spendet ihnen durch Salbung und Handauflegung das Sakrament der Firmung zu ihrer Stärkung. Das kann für uns nur jemand vollziehen, der als Christ in seinem Amt und in seinem Handeln glaubwürdig ist. Sie sind das leider für uns nicht mehr." Die Firmfeier dürfe nicht instrumentalisiert werden, um "den verlorenen Kontakt zur Basis" zu suchen - und umgekehrt auch nicht für Protestaktionen.

In dem Brief heißt es, die Gemeindemitglieder hätten Woelki bereits früh gebeten, von der Firmung abzusehen, doch: "Sie halten trotzdem an Ihrer Absicht fest. Wir fühlen uns dadurch ein weiteres Mal missachtet." Woelki habe vor der Firmung ein Gespräch mit dem Pfarrgemeinderat und Mitgliedern der Gemeinde angeboten, heißt es im aktuellen Wochenbrief von St. Margareta: "Der Erzbischof wird dann zu dem Gespräch dazustoßen und sich den Fragen und Äußerungen der Gemeindemitglieder stellen." Der Pfarrgemeinderat hatte vorab dazu aufgerufen, Fragen und Statements für das Gespräch einzureichen. Doch damit sind die Unterzeichner nicht einverstanden: "Wir empfangen Sie gerne zu einem späteren Zeitpunkt nach dem Tag der Firmung in unserer Gemeinde zum Gespräch - auf Augenhöhe, ohne Vorbedingungen und öffentlich", schreiben sie.

St. Margareta in Düsseldorf-Gerresheim ist nicht irgendeine Gemeinde

Zu den Unterzeichnern des Briefs gehören Anhängerinnen und Anhänger der Kirchenreformbewegung Maria 2.0, Mitglieder des Basilikachores, Kommunionhelferinnen und die frühere Erste Bürgermeisterin der Stadt Düsseldorf und heutige FDP-Bundestagsabgeordnete Marie-Agnes Strack-Zimmermann. Vom amtierenden Pfarrgemeinderat hat nur ein Mitglied unterzeichnet. Am Sonntag distanzierte sich der Pfarrgemeinderat dann gemeinsam mit Pfarrer Monsignore Oliver Boss auf der Facebook-Seite der Gemeinde von der im Brief geäußerten Kritik an dem Treffen: Die Hygienevorschriften ließen nur eine begrenzte Teilnehmerzahl zu, aus diesem Grund habe der Pfarrgemeinderat gezielt Gruppen der Gemeinde eingeladen.

"In der Gemeinde sind heute unausgesprochen Gräben zu spüren", sagt Peter Barzel, Koordinator und Unterzeichner des Briefes. Sowohl der Pfarrgemeinderat als auch die Gemeindeleitung seien zu jedem Zeitpunkt über den Inhalt des Briefes als auch über das Vorgehen informiert gewesen, sagt Barzel.

St. Margareta in Düsseldorf-Gerresheim ist nicht irgendeine Gemeinde. Hier waren gleich zwei Priester tätig, denen später sexueller Missbrauch vorgeworfen wurde. Und beide Priester waren Woelki persönlich bekannt: Im Fall von Pfarrer O., den Woelki seit seiner Jugend kennt, unterließ es der Erzbischof, bei Bekanntwerden der Vorwürfe 2015 eine kirchenrechtliche Untersuchung einzuleiten. Woelki begründete dies mit dessen damals schon fortgeschrittener Demenz. Und Pfarrer D. beförderte Woelki 2017 sogar noch zum stellvertretenden Düsseldorfer Stadtdechanten. Der Kardinal habe dessen Personalakte 2017 nicht gekannt, sagte ein Sprecher des Erzbistums der SZ. Pfarrer D. ist inzwischen beurlaubt. Ihm wird unter anderem vorgeworfen, gemeinsam mit einem Minderjährigen masturbiert zu haben.

Von 1995 bis 2000 war D. in St. Margareta in Düsseldorf als Kaplan zuständig für die Jugendarbeit. Barzel war damals im Pfarrgemeinderat: Schon damals habe es ein verbreitetes Grundgefühl in der Gemeinde gegeben, "dass da was nicht stimmt". "Es gab nicht wenige Familien, die ihre Kinder in dieser Zeit bewusst von der katholischen Jugendarbeit ferngehalten haben." Dieser Fall und der Fall von Pfarrer O., dem sexueller Missbrauch eines Kindergartenkindes vorgeworfen wurde, seien eine große Belastung für die Gemeinde.

"Entlarvend" nennen die Gemeindemitglieder überdies einen Auftritt des Kölner Generalvikars Markus Hofmann, der in der "WDR-Lokalzeit" die Beförderung D.s zum Vize-Stadtdechanten rechtfertigte: Es habe sich um einen einmaligen Vorfall gehandelt, den D. bereut und für den er eine Abmahnung bekommen habe, hatte Hofmann gesagt. Außerdem sei der Kontakt mit einem Prostituierten damals weder nach kirchlichem noch nach weltlichem Recht eine Straftat gewesen.

Auf diesen Fernsehauftritt hatte bereits der Katholikenausschuss der Stadt Köln scharf reagiert: Hofmanns Argumente belegten, dass die Verantwortlichen "offenbar nur in straf- oder kirchenrechtlichen Verteidigungsstrategien denken", so das Laiengremium. "Ethisch-moralische oder gar christliche Wertmaßstäbe spielen offenbar keine Rolle mehr; erlaubt ist, was nicht verboten ist. Ist das unser Anspruch?"

Es ist mehr als neun Wochen her, dass der Strafrechtler Björn Gercke im Kölner Maternushaus sein lange erwartetes Gutachten zum Umgang mit Missbrauchsfällen im Erzbistum Köln vorgelegt hat. Woelki selbst wurde im Gutachten nicht belastet - und will nun weitermachen. Doch die Vertrauenskrise erscheint schlimmer denn je. Bereits im vergangenen Jahr hätten Vertreter der Reformbewegung Maria 2.0 ein Gespräch mit Woelki zum allgemeinen Zustand der Kirche gehabt, erzählt Peter Barzel: "Der Kardinal hat ihnen gesagt, wenn sie meinen würden, dass es so wie zurzeit nicht weitergehe, dann müssten sie eben austreten."

© SZ
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