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Corona-Maßnahmen in Österreich:Stillstand am Karawankentunnel

Coronavirus - Österreich

Österreichische Kontrolle an der Grenze zwischen Slowenien und Österreich beim Karawankentunnel

(Foto: dpa)

Der Verkehr kam am Wochenende an der Grenze zwischen Kärnten und Slowenien zum Erliegen - wegen einer Corona-Verordnung. Tausende Touristen mussten bis zu 15 Stunden in ihren Autos ausharren. Der Ärger ist groß und die Suche nach Schuldigen hat begonnen.

Von Marija Barišić und Felix Haselsteiner

Menschen, die auf dem Autobahn-Asphalt übernachteten, weinende Kinder, hochschwangere Frauen, die stundenlang im Auto ausharren mussten - die Szenen, die sich in der Nacht von Samstag auf Sonntag an den Grenzübergängen zwischen Slowenien und dem österreichischen Bundeslang Kärnten abspielten, erinnerten nicht an eine Heimfahrt aus dem Sommerurlaub, sondern an eine Krisensituation.

Auf zahlreichen Videos in den sozialen Medien machten die vielen Touristen, die insbesondere vor dem Karawankentunnel bis zu zehn Stunden lang im Stau standen, ihrem Ärger Luft. "15 Stunden hat es gedauert", twitterte der BR-Journalist Bernhard Neuhoff, "15 Stunden Warten im Auto". Ein anderer betroffener Autofahrer sagte der ORF-Sendung Zeit im Bild: "Jeder ist schwer übermüdet, wenn es dann schwere Unfälle gibt, das kann sich der Bundeskanzler Kurz auf den Deckel schreiben." Die Tiroler Tageszeitung titelt an diesem Montag ihren Leitartikel zum Stillstand am Karawankentunnel mit: "Management by Chaos".

Entstanden war die Verkehrssituation durch eine Verordnung des österreichischen Gesundheitsministeriums, in der davon die Rede ist, dass Durchreisende wie Einreisende eine schriftliche Erklärung auszufüllen hätten, woraufhin die Kontrollen auf österreichischer Seite lückenlos durchgeführt wurden.

Erst als in den frühen Morgenstunden am Sonntag der Kärntner Landeshauptmann Peter Kaiser (SPÖ) Gefahr im Verzug und damit nur noch stichprobenartige Kontrollen für offensichtlich nicht durchreisende Autofahrer mit österreichischem und kroatischem Kennzeichen anordnete, besserte sich die Situation. "Das Menschenwohl steht da im Mittelpunkt", sagte Kaiser am Sonntag. Da jedoch hatten die Österreicher längst den Unmut der vielen tausenden Transit-Touristen auf sich gezogen - und den der von der Reisewarnung am unmittelbarsten betroffenen Kroaten.

"Durstig, hungrig, müde und frustriert" seien die Autofahrer gewesen, die mit ihren Familien seit Samstagnacht viele Stunden vor der österreichischen Grenze ausharren mussten. Das schrieb etwa die kroatische Tageszeitung 24 sata, nachdem die Redaktion mehrere verärgerte Anrufe von betroffenen Autofahrern erhalten habe.

In dem Artikel ist auch das Video einer Frau zu sehen, die mit ihrem Handy eine kilometerlange Autokolonne filmt und sich im Hintergrund verärgert über die Situation an der Grenze äußert. Nachdem sie und ihr Mann mit ihren drei kleinen Kindern am Samstag zehn Stunden vor dem Karawankentunnel ausgeharrt hätten, müssten sie nun wieder stehen und warten, "worauf - das weiß niemand", sagt die Frau. "Den Menschen an der österreichischen Grenze ist das aber offensichtlich völlig egal", sagt sie.

Österreichs Grenzer sollen slowenische Polizei nicht informiert haben

Wie diverse kroatische Medien berichteten, haben bereits am Sonntagmorgen Vertreter der kroatischen Regierung Kontakt zum österreichischen Außen- und Innenministerium aufgenommen. So habe unter anderen der kroatische Außenminister Gordan Grlić Radman seinen österreichischen Amtskollegen Alexander Schallenberg (ÖVP) kontaktiert und um eine schnelle Lösung für das Verkehrschaos an der Grenze gebeten.

Das kroatische Außenministerium glaube nun an eine "schnelle Lösung für alle Reisenden", schreibt die Tageszeitung Jutarnji List. Sollte dies nicht der Fall sein, werde man weiterhin auf die Situation "reagieren". Da sich diese nicht nur auf ausländische Urlauber aus Deutschland oder Slowenien auswirkt, sondern auch auf reisende Kroaten und Kroatinnen, habe nun der kroatische Boschafter in Wien, Daniel Glunčić, an das österreichische Innenministerium appelliert.

Der Tageszeitung 24 sata gegenüber sagte Glunčić, er habe erst Sonntagfrüh von den neuen Bestimmungen des österreichischen Gesundheitsministeriums erfahren, die zu "kilometerlangen Kolonnen" geführt hätten. Dasselbe galt für die Slowenen: "Die slowenische Polizei wurde über die veränderte Arbeitsweise der österreichischen Grenzbehörden nicht informiert", sagte der Sprecher der Polizeidirektion Kranj gegenüber orf.at.

Die außenpolitischen Reaktionen waren das eine - das von Rudolf Anschober (Grüne) geführte Gesundheitsministerium musste sich jedoch vor allem innenpolitisch mit einer Kritikwelle auseinandersetzen. "Diese Verordnung war auch nicht abgesprochen", sagte Landeshauptmann Kaiser, am Montag solle es Gespräche mit dem Ministerium geben.

Die Opposition meldete sich ebenfalls zu Wort: FPÖ-Chef Norbert Hofer forderte den aus seiner Sicht "heillos überforderten" Anschober erneut zum Rücktritt auf, die SPÖ-Parteivorsitzende Pamela Rendi-Wagner fragte bei Twitter: "Wo sind die Pläne? Wer hat die Verantwortung?" Das Gesundheitsministerium verteidigte sich in einer Mitteilung damit, dass in der Verordnung nie von "lückenlosen Kontrollen" die Rede gewesen sei.

Doch nicht nur die chaotische Einreise per Auto, die Bundeskanzler Sebastian Kurz unter der Woche noch mit den Worten "das Virus kommt mit dem Auto" hervorgehoben hatte, dürfte die kommende Woche in Österreich bestimmen und Fragen sowohl das Gesundheitsministerium als auch an Innenminister Karl Nehammer (ÖVP) aufwerfen.

Am Sonntag nämlich tauchten in den sozialen Medien auch Bilder vom Flughafen Wien-Schwechat auf, wo sich Menschen vor der Gesundheitskontrolle dicht gedrängt anstellen mussten - von effektivem Infektionsschutz fehlte offensichtlich jede Spur.

© SZ/odg
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