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Kampf gegen den IS:Nirgendwo solche Wellen wie in Kosovo

Nirgendwo jedoch schlägt das Engagement heimischer Islamisten in Syrien oder dem Irak solche Wellen wie in Kosovo. Dessen 1,8 Millionen Menschen zählende, vorwiegend aus muslimischen Kosovo-Albanern bestehende Bevölkerung hängt überwiegend einem moderaten Islam an - doch wie in anderen armen Balkanländern mit hoher Arbeitslosigkeit wächst auch in Kosovo der Einfluss der Radikalen. In der Hauptstadt Priština berichteten Medien über Lavdrim Muhaxheri, der für den IS angeblich ein Kontingent kosovo-albanischer Kämpfer anführt und im Juli auf seiner Facebook-Seite Fotos veröffentlichte, die offenbar zeigen, wie er einen Gefangenen köpft.

Das US-Außenministerium setzte Muhaxheri Ende September auf seine Liste der meistgesuchten Terroristen. Mehr als 40 Kosovo-Albaner sollen der heimischen Polizei zufolge schon in den Nahost-Kriegen gestorben sein. Kosovarische Behörden gingen im August und September öffentlichkeitswirksam gegen angebliche Islamisten vor und nahmen Dutzende angeblicher IS-Veteranen oder -werber fest. Bei einer zweiten Aktion verhaftete die Polizei 15 mutmaßliche Islamisten wegen des Verdachts auf Terrorismus, Bedrohung der verfassungsmäßigen Ordnung und Aufhetzung zum religiösen Hass.

US-Regierung begrüßt das Vorgehen ausdrücklich

Unter den Festgenommenen waren Fuad Ramiqi, Führer der islamistischen Partei Lisba, sowie zwölf Imame von Moscheen in Kosovo, zu denen auch Shefqet Krasniqi gehörte, der Prediger der größten Moschee in der Hauptstadt Priština. Die US-Regierung begrüßte das Vorgehen der kosovarischen Sicherheitskräfte ausdrücklich.

Manche Beobachter sehen die Offensive der Polizei allerdings mit Verwunderung und Skepsis. Denn Kosovos scheidender Ministerpräsident Hashim Thaçi und seine Partei PDK verstanden sich jahrelang nicht schlecht mit den Islamisten. Der verhaftete Imam Shefqet Krasniqi etwa veröffentlichte zuvor regelmäßig Kommentare in der PDK-nahen Presse, berichtet der Fachdienst Courrier des Balkans. Der angesehene albanische Intellektuelle Fatos Lubonja beschuldigte deshalb die Regierung Kosovos, mit ihrem plötzlichen Einsatz gegen Islamisten "den Amerikanern zuliebe Terror gegen die islamische Gemeinschaft" auszuüben. Das Berufungsgericht Kosovo ordnete am 1. Oktober an, elf der fünfzehn Festgenommenen freizulassen - das untergeordnete Gericht habe keine überzeugenden Gründe genannt, warum ihre Inhaftierung notwendig sei.

Auch in Bosnien mussten etliche Verhaftete bereits wieder freigelassen werden. Das dürfte ein Indiz dafür sein, dass sich die realen Gefahren durch Islamisten durchaus mit Aktivismus von Regierung und Sicherheitsbehörden mischt, die in die Allianz gegen den IS drängen und so Punkte in Washington oder Brüssel machen wollen. Mazedoniens Präsident Gjorge Ivanov zum Beispiel nutzte Ende September eine Rede vor den Vereinten Nationen zu dem Aufruf, sein Land schnell in die EU und die Nato aufzunehmen. Andernfalls bestehe die Gefahr, dass radikale Islamisten das "Vakuum" auf dem Balkan füllten.

© SZ vom 06.10.2014
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