Flüchtlingshelfer twittert IS-Standort "Blast den Bunker weg!"

In einem "Anfall von Sarkasmus und Frustration" twittert ein Flüchtlingshelfer die Koordinaten eines IS-Bunkers in Syrien an das US-Militär und ruft dazu auf, das Gebäude zu zerstören. Nun wird er von islamischen Extremisten bedroht.

Von Tobias Dorfer

Es ist der Abend des 25. September und Oscar Bergamin sei frustriert gewesen, wie er sagt. Der Leiter einer Schweizer Hilfsorganisation sitzt im syrisch-türkischen Grenzgebiet. In der Gegend wüten die Extremisten der Terrormiliz Islamischer Staat (IS), sie kommen der strategisch wichtigen Kurdenstadt Kobanê (Ain al-Arab) immer näher und lassen sich auch von den Luftangriffen des US-Militärs nicht wirklich aufhalten.

Seit Tagen habe er Meldungen von mordenden IS-Kämpfern gehört und viel Zeit im Internet verbracht, wo er die Projekte seiner Organisation Ash-Sham Care koordiniert. Auf Twitter wird an diesem Abend der Bunker mit der schwarzen IS-Flagge Thema, der bei Jarabulus (Dscharabulus) in der Nähe des Euphrat steht und den man kilometerweit sieht, erzählt der Flüchtlingshelfer. Plötzlich habe er einen Entschluss gefasst: Er öffnet ein Twitter-Fenster. Wütend tippt Bergamin 18 Ziffern in das Textfeld und drückt auf Senden.

"Need of coordinates?" Oscar Bergamin twittert an das US-Militär.

(Foto: Screenshot Twitter)

Es ist ein Tweet, der ihm eine Menge Ärger einbringt.

Denn die 18 Ziffern, die Oscar Bergamin in die Welt schickt, sind die Bunker-Koordinaten. Er schickt weitere Tweets. Eine Nachricht geht an Centcom, das für die Region zuständige US-Militärkommando. In einem anderen Tweet ruft er dazu auf, den Bunker zu zerstören: "to all followers: just blow it away" - blast ihn weg. Dass der Chef einer Hilfsorganisation öffentlich zur Gewalt aufruft, das ist ein ungewöhnlicher Vorgang. Organisationen wie Ash-Sham Care sind in der Regel politisch neutral und konzentrieren sich auf die humanitäre Hilfe.

Tweets Oscar Bergamin Tweets Oscar Bergamin

(Foto: Screenshot Twitter)

Aber was bedeutet schon Neutralität in einem Krieg wie dem in Syrien? Das Land ist ein heißes Pflaster für Helfer. Vor wenigen Wochen tauchten im Internet Bilder auf, die die Enthauptung des britischen Flüchtlingshelfers David Haines durch IS-Terroristen zeigen. Deshalb versucht Bergamin mit seiner Organisation Ash-Sham Care eigentlich, möglichst unauffällig zu arbeiten. Der in den Niederlanden geborene Schweizer war Journalist und Nato-Berater in Afghanistan. 2005 konvertierte er zum Islam, 2009 arbeitete er im Vorstand des umstrittenen Islamischen Zentralrats Schweiz (IZRS), dem in der Vergangenheit immer wieder nachgesagt wurde, er distanziere sich nicht genug vom Extremismus. Nach zwei Jahren verließ er die Gruppe wegen Meinungsverschiedenheiten. Im November 2011 gründete er das Hilfswerk Ash-Sham Care.

Helfer im Krisengebiet: Oscar Bergamin mit Flüchtlingskindern.

(Foto: privat)

Eine knappe Woche nach den ersten Tweets hat Oscar Bergamin Syrien verlassen. Inzwischen hält er sich in der Türkei auf, wo genau, das möchte er aus Sicherheitsgründen nicht öffentlich machen. Denn den islamischen Extremisten und ihren Sympathisanten blieben die Tweets des Flüchtlingshelfers nicht verborgen. Über Twitter erreichten Bergamin wüste Beschimpfungen und Todesdrohungen, auch sein LinkedIn-Profil sei verbreitet worden, sagt er. Im Netz wird er als US-Spion verunglimpft, seinen Twitter-Account können mittlerweile nur noch ausgewählte User sehen.

Dass er die Bunker-Koordinaten öffentlich machte, bedauert Bergamin mittlerweile. "Ich hätte nicht zu Gewalt aufrufen dürfen", sagt er am Telefon zu SZ.de. Die Tweets seien in einem "Anfall von Zynismus, Sarkasmus und Frustration" entstanden, die Reaktion darauf habe er "unterschätzt".

Allerdings legt er Wert darauf, dass es sich bei den Bunker-Koordinaten, die er veröffentlichte, keinesfalls um geheime Informationen handelte. Der Standort des Bunkers sei jedem in der Gegend bekannt und die Koordinaten ließen sich mit wenigen Klicks auf Google Maps ermitteln.

Der IS-Bunker befindet sich in der Nähe der Stadt Jarabulus.

(Foto: Oscar Bergamin)

Nun koordiniert er seine Mitarbeiter von der Türkei aus, per Prepaid-Handy und Internet. Ash-Sham Care plant derzeit im Kriegsgebiet fünf Bildungseinrichtungen. Zwei Mädchenschulen, eine Jungenschule sowie eine Landwirtschaftsschule und ein Kindergarten sollen in Syrien aufgebaut werden. Ash-Sham-Care-Helfer verteilen außerdem Nahrungsmittel in Flüchtlingscamps und planen eine Reihe von Büchern, in denen Kindern das Leben im Flüchtlingslager erklärt wird. "Ich kann von überall aus arbeiten", sagt Bergamin. "Von den Extremisten lasse ich mich nicht beeindrucken."

Der IS-Bunker bei Jarabalus wurde bislang nicht zerstört. "Wir beobachten Social Media und bekommen Kommentare zu allen möglichen Themen", sagte ein Centcom-Sprecher zu The Tampa Tribune. "Aber das bedeutet nicht, dass die Nachrichten unser Handeln bestimmen."

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