Deutschlandtag in Fulda:Draufhauen war gestern

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Deutschlandtag in Fulda: CDU-Chef Friedrich Merz (links) und Johannes Winkel, neu gewählter Bundesvorsitzender der Jungen Union.

CDU-Chef Friedrich Merz (links) und Johannes Winkel, neu gewählter Bundesvorsitzender der Jungen Union.

(Foto: Boris Roessler/dpa)

Die Junge Union hat einen neuen Chef gewählt. Johannes Winkel stammt - wie Friedrich Merz - aus Südwestfalen. Beide traten auffällig zurückhaltend auf. Über Veränderungen und Wiederkehrendes bei der JU.

Von Robert Roßmann, Fulda

Natürlich war diesmal auch Otto Wulff wieder da. Der Mann ist Chef der Senioren Union. 89 Jahre ist er inzwischen alt. Und er lässt es sich nicht nehmen, jeden Deutschlandtag der Jungen Union zu besuchen. Beim letzten Mal hat ihn die JU mit dem Marsch "Preußens Gloria" begrüßt. Diesmal kommt Wulff mit einem Gehstock. Als er seine Rede beginnt, hängt er den Stock ans Pult. Und als er sie beendet, sagt er: "Es lebe unser geliebtes deutsches Vaterland, in einem vereinten Europa, im friedlichen Miteinander mit den Völkern der Welt." Unten im Saal stehen die Delegierten der Jungen Union auf und klatschen frenetisch.

Otto Wulff kann noch von Gesprächen mit Konrad Adenauer erzählen. Im CDU-Bundesvorstand sitzt er inzwischen mit Frauen wie der 26-jährigen Wiebke Winter von der Jungen Union. Das ist die Bandbreite der CDU.

In Fulda ist an diesem Wochenende der Deutschlandtag der Jungen Union zusammengekommen. Der letzte fand in Münster statt - drei Wochen nach der katastrophalen Niederlage der CDU bei der Bundestagswahl. Damals mussten sich die CDU-Granden harte Fragen gefallen lassen. Armin Laschet übernahm in Münster persönlich die Verantwortung für die Wahlniederlage. JU-Chef Tilman Kuban sagte damals, dass Laschet sich in dieser Weise der JU "stelle", beweise Charakter. Das Lob war auch eine Spitze gegen Markus Söder, der seine Teilnahme kurzfristig abgesagt hatte.

Auch in Fulda ist der CSU-Chef nicht erschienen, er hat lediglich eine Video-Grußbotschaft geschickt. Und so konzentriert sich die Aufmerksamkeit auf Hendrik Wüst und Friedrich Merz - die anderen beiden Unionspolitiker, die als mögliche Kanzlerkandidaten gehandelt werden.

Merz läuft zum Queen-Song "Don't Stop Me Now" in den Saal ein

Wüst wehrt sich bei seinem Auftritt gegen "Fake News"-Vorwürfe aus der Ampelkoalition. "Wer versucht, die Opposition der Mitte mundtot zu machen, der riskiert einen Schaden am öffentlichen Diskurs und an der Demokratie", sagt der nordrhein-westfälische Ministerpräsident. Dem Kanzler wirft er eine zu zögerliche Politik vor. Außerdem brauche es gerade in einer Krisenzeit Zusammenhalt, sagt Wüst. In der Ampel herrsche aber ständig Streit.

Und Merz? Auf Deutschlandtagen kommen die Redner mit Einmarschmusik in die Halle. Der Saal ist abgedunkelt, aus den Boxen dröhnt es. Merz läuft zum Queen-Song Don't Stop Me Now Richtung Bühne. In diesem Moment würde man gerne wissen, was Freddie Mercury von dem Auftritt hält. Als die CDU-Spitze ihren Triumph bei der Bundestagswahl 2013 mit einem Song von den Toten Hosen feierte, beschwerte sich die Band. Angela Merkel rief deshalb ein paar Tage später Campino an, um sich zu rechtfertigen. Aber Mercury ist seit dreißig Jahren tot.

Oben auf der Bühne fordert Merz die Ampel-Koalition zu Zugeständnissen im Streit um das Bürgergeld auf. "Wir erwarten von dieser Regierung, dass sie auch einen Schritt, und zwar einen großen Schritt auf uns zugeht, wenn wir eine gemeinsame Lösung für dieses sogenannte Bürgergeld in den nächsten Tagen und Wochen finden wollen", sagt Merz. Es gelte, Anreize zu setzen, damit Arbeitslosen möglichst schnell wieder der Weg in den Arbeitsmarkt geebnet werde. In Deutschland würden alle verfügbaren Arbeitskräfte gebraucht. "Das kann auch, das muss auch mit Sanktionen begleitet werden."

In den vergangenen Wochen hat sich Merz mit allerlei Angriffen an der Ampel abgearbeitet. In Fulda spricht der CDU-Chef jetzt auch über seine Pläne für den Arbeitsmarkt, die Energieversorgung - und die Klimapolitik. "Ich möchte, dass niemand in Deutschland Zweifel daran hat, dass wir dieses Thema in der Union ernst nehmen", sagt Merz.

Den CDU-Chef treibt um, dass die Union trotz der seiner Ansicht nach katastrophalen Arbeit der Ampel in den Umfragen nicht zulegt. Und dass die Kompetenzwerte für die CDU in vielen Bereichen nicht gut sind. Merz will es jetzt offensichtlich mit weniger Polemik und mehr inhaltlicher Debatte versuchen. Sein Auftritt ist jedenfalls vergleichsweise zurückhaltend.

Merz kündigt an, dass er - wenn es soweit ist - zusammen mit Söder einen gemeinsamen Vorschlag präsentieren werde, wer für die Union 2025 als Kanzlerkandidat antreten soll. Denn die Union dürfe nicht wieder zerstritten in eine Bundestagswahl ziehen, "zerstrittene Parteien werden nicht gewählt, Punkt".

In Fulda ging es aber nicht nur um das Schaulaufen der CDU-Granden, es wurde auch ein neuer Bundesvorsitzender gewählt. Tilman Kuban hat mit seinen 35 Jahren die Altersgrenze erreicht - und konnte deshalb nicht mehr antreten. Einziger Kandidat für die Nachfolge war Johannes Winkel. Der 31-jährige Jurist stammt wie Merz aus Südwestfalen, er wurde mit knapp 87 Prozent der Stimmen gewählt.

Der neue JU-Chef greift Aktivisten der "Letzten Generation" an

In seiner Rede hatte er vor einer Deindustrialisierung gewarnt. Die CDU müsse die Partei sein, die Deutschland zu einem klimaneutralen Industrieland mache, verlangte Winkel. Er griff aber auch die Aktivisten der "Letzten Generation" an, die der gesellschaftlichen Akzeptanz des Klimaschutzes schaden würden. Insgesamt war es eine zurückhaltende, manchmal sogar nachdenkliche und keinesfalls aggressive Rede.

Winkels Vorgänger Paul Ziemiak und Tilman Kuban waren bei ihren Kandidaturen anders aufgetreten. Aber Ziemiak und Kuban hatten bei ihren Wahlen auch Gegenkandidaten. Beide mussten deshalb kämpferische Bewerbungsreden halten. Und beide sahen sich dabei bemüßigt, die konservative JU-Basis-Seele mit deftigen Angriffen auf die politische Konkurrenz zu streicheln.

Kubans letzter Tag als JU-Vorsitzender war übrigens auch sein erster ganzer Tag als Vater. Unmittelbar vor dem Deutschlandtag hat seine Frau einen Sohn auf die Welt gebracht. Kuban verabschiedete sich deshalb am Samstag aus Fulda in Richtung Krankenhaus - zu seiner neuen Familie.

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