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Jubel über UN-Antrag von Abbas:Party für Palästina

Trunken vor Glück: Mit Liedern und Glockengeläut bejubeln die Menschen in Ramallah die Rede von Palästinenser-Präsidenten Abbas vor den Vereinten Nationen in New York und den Antrag auf UN-Vollmitgliedschaft. Der oft kritisierte Präsident ist der Held des Tages. An den Kater von morgen will hier noch keiner denken.

Die große Bühne ist bereitet, die großen Erwartungen sind geweckt. Ramallah hat sich herausgeputzt für diesen Tag, der auf den Straßen schon jetzt als "historisch" gefeiert wird, weil im fernen New York der Präsident am Rednerpult der Vereinten Nationen um den Staat kämpft.

Ramallah feiert den Auftritt des palästinensischen Präsidenten Abbas in New York.

(Foto: AP)

Auf dem mit Fahnen und Transparenten geschmückten Jassir-Arafat-Platz im Zentrum Ramallahs darf das Volk zu Tausenden diesen Kampf live miterleben: Es gibt public viewing für Palästina. Eine Party mit Reden und mit Liedern, mit Muezzin-Ruf und Glockengeläut wird gefeiert - und an den Kater danach will noch keiner denken. Zu schön sind die Gefühle dieses Tages, zu schwungvoll ist die Musik, zu der die aparten Frauen und strammen Burschen einer Gruppe namens "Asayel" vorne auf der Bühne tanzen.

Gewiss, ein paar negative Vorzeichen hatte es gegeben - die Wolken, die sich ungewöhnlich für diese Jahreszeit am Himmel zusammenbrauten und mit einem Regenguss drohten, und dann noch der große schwarze Bildschirm, der nur eine Stunde vor Beginn der Rede aus der Verankerung krachte und zwei Trommler unter sich begrub. Doch als Abbas in New York zum Pult schritt, da waren die Wolken vergessen und der Bildschirm wieder aufgehängt - und der Jubel, der war schier grenzenlos.

Hart war das Ringen bei den Vereinten Nationen gewesen, fast übermächtig war der Druck, doch Präsident Mahmud Abbas ist seinen Weg einem amerikanischen Veto und israelischen Drohungen zum Trotz bis zum Ende gegangen: Unmittelbar vor seiner Rede vor den Großen der Welt hat er den Antrag auf eine Vollmitgliedschaft Palästinas in den Vereinten Nationen an den UN-Generalsekretär übergeben. Nun macht er sich daran, diesen Schritt zu begründen.

Abbas hat sich für einen Kurs entschieden, dessen Risiken er kennt, der ihm aber auch neue Chancen eröffnen könnte. Denn für die Palästinenser, das macht er klar, soll der Gang zu den Vereinten Nationen nicht das Ende der Verhandlungen markieren, sondern einen neuen Anfang. Und für diesen neuen Anfang sucht er eine Stärkung seiner Position - international und intern.

Auf der Weltbühne soll das gelingen durch die Unterstützung einer möglichst großen Zahl von UN-Mitgliedern, die im Sicherheitsrat oder auch in der Vollversammlung für die palästinensische Sache stimmen. Und in der Heimat darf Abbas erleben, wie durch das UN-Manöver seine Popularität im Volk zu neuen Höhen strebt.

Überall auf dem Arafat-Platz haben sich junge Kerle platziert, die Porträts des Präsidenten hochhalten, und wenn er einen wichtigen, einen entscheidenden, einen treffenden Satz sagt in New York, dann lässt das Volk ihn hochleben in der Heimat. Gebannt lauschen sie seiner Rede, die doppelt so lang dauert wie die bei den UN erlaubten 20 Minuten.

Abbas wandelt auf einem schmalen Grat

Und als er zum Schluss kommt, zum großen Finale mit dem pathetischen Appell an die Welt, den palästinensischen Staat als Vollmitglied aufzunehmen, da wird der Arafat-Platz in Ramallah zum Abbas-Platz. "Allahu Akbar", Gott ist groß, ruft die Menge in Sprechchören, aber auch der Name des Präsidenten wird skandiert. Mahmud Abbas, der oft Gescholtene, der 76 Jahre alt ist und meist frustriert, ist der Held dieses Tages.

Für ihn ist es schon ein Sieg, dass er nicht eingeknickt ist", sagt der Bürgerrechtler Mustafa Barghouti. Bei der letzten Präsidentschaftswahl 2005 hatte er gegen Abbas verloren, nun hat auch er sich eingefunden auf dem Arafat-Platz am Tag der großen Rede. Für ihn hat "Israel diesen Kampf verloren", egal was am Ende in New York herauskommt. Denn die Weltbevölkerung sei sensibilisiert worden für das palästinensische Leiden unter der Besatzung und für den Freiheitskampf, und auch ein Veto aus Washington könne den Zug nun nicht mehr aufhalten. "Dann gehen wir eben immer wieder in den Sicherheitsrat", sagt Barghouti.

Doch bei allem Stolz auf den palästinensischen Aufbruch ist noch längst nicht jeder überzeugt vom Kurs des Präsidenten. "Das Volk traut dieser Führung nicht", sagt Bassam Abu Scharif, "denn sie will die Leute daran hindern, eine neue Intifada zu machen." Vom Kampf versteht er etwas, schon 1972 hatten ihm die Israelis eine Bombe nach Beirut geschickt, die ihm vier Finger wegriss, ihn blind machte auf einem Auge und taub auf einem Ohr. Später stieg er auf zum Berater Arafats, heute schimpft er auf dessen Nachfolger, die zwar demonstrieren lassen, aber jede direkte Konfrontation mit Israel vermeiden wollen. Er dagegen setzt auf die geballte Kraft des Volkes. "Eine Million Palästinenser müssten mit Ölzweigen marschieren und ihre Unabhängigkeit fordern", meint er, "dann würden sich bald die arabischen Massen den Palästinensern anschließen."

Abbas weiß, wie schmal der Grat ist, auf dem er wandelt. Er darf sein Volk nicht enttäuschen durch allzu viel Nachgiebigkeit, er darf es aber auch nicht aufstacheln durch allzu viel Härte. In New York ist er unbeirrt seinen Weg gegangen, er hat seinen Antrag eingereicht und seinen Auftrag erfüllt und kann nun zurückkehren in die Heimat - mit leeren Händen zwar, aber erhobenen Hauptes. Doch noch bevor er sich feiern lassen kann von seinem Volk, wird der Präsident der Palästinenser wieder hart auf dem Boden der Tatsachen landen.

Das Flugzeug bringt ihn nach Amman, und von der jordanischen Hauptstadt aus muss er mit dem Wagen weiterfahren nach Ramallah. Doch wenn er die Grenze zum Westjordanland übertritt auf der Allenby-Brücke, dann werden ihn dort israelische Soldaten kontrollieren. Danach sind es zwar nur knapp 40 Kilometer bis zu seinem Präsidentenpalast. Aber der Weg zu einem unabhängigen Palästina, der ist immer noch weit.

© SZ vom 24.09.2011/liv

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