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Wirecard:"Jan Marsalek wäre für jeden Geheimdienst eine Goldgrube"

Investigative committee on Wirecard accounting scandal in Berlin

Die Akte "Wirecard" dürfte dicker werden. Offenbar war der frühere Manager Jan Marsalek ein V-Mann des österreichischen Geheimdienstes.

(Foto: Hannibal Hanschke/Reuters)

Geheimdienst-Experte Thomas Riegler über den untergetauchten früheren Wirecard-Manager und dessen Kontakte zum österreichischen Verfassungsschutz

Interview von Frederik Obermaier

Der Geheimdienst-Experte Thomas Riegler arbeitet für das Austrian Center for Intelligence, Propaganda and Security Studies an der Universität Graz. Der 43-Jährige ist Autor des Buches "Österreichs geheime Dienste: Vom Dritten Mann bis zur BVT-Affäre".

SZ: Der frühere Wirecard-Manager Jan Marsalek soll V-Mann des österreichischen Bundesamts für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung (BVT) gewesen sein. Was macht ausgerechnet das Vorstandsmitglied eines Finanzdienstleisters interessant für einen Nachrichtendienst?

Thomas Riegler: Ein Mann wie Jan Marsalek wäre für jeden Geheimdienst eine Goldgrube. Er hat einen Diplomatenpass, reist viel und kennt Entscheidungsträger. Weil er in der zweiten Reihe steht, ist er relativ anonym. Gleichzeitig bietet Marsalek Einblicke in die obersten Zirkel der deutschen Wirtschaft genauso wie in die Machenschaften der Schattenfinanz. Wirecard ist ja bekannt für seine dubiosen Kunden, etwa Porno- und Glücksspielanbieter. Und es gibt ja auch Vermutungen, Marsalek könnte als ein Art Zahlungskurier tätig gewesen sein, der Kreditkarten für verschiedene Geheimdienste zur Verfügung gestellt haben soll.

Riskiert man dafür einen Affront mit der deutschen Regierung?

In der Welt der Spionage kommt es darauf an, möglichst exklusive Informationen zu beschaffen - und um an diese heranzukommen, wird auch "unter Freunden" spioniert. Marsalek ist österreichischer Staatsbürger, zudem hatte er ja offenbar ein Faible für Geheimdienste - mich würde es daher nicht wundern, wenn er sich dem BVT als sogenannter Selbstanbieter angedient hat. Sie müssen sich eines vor Augen führen: Das BVT ist im Verhältnis zu Diensten anderer Länder extrem klein, noch dazu ist es kein Geheimdienst. Es ist ein "Hybrid" aus Polizei und Nachrichtendienst. Man ist stark angewiesen auf Informationen, die von anderen Diensten kommen. Das ist ein Geben und Nehmen. Um bei den Großen mitzuspielen, muss man erst mal geben.

Thomas Riegler.

(Foto: Markus Sibrawa)

Und da könnte dann Marsalek ins Spiel gekommen sein?

Genau. Solche Quellen haben das Potenzial, Informationen zu liefern, die auch bei den Partnern gefragt sind.

Zumal viele westliche Dienste dem BVT gegenüber zurückhaltend geworden sind, nachdem 2017 die rechtspopulistische FPÖ Teil der österreichischen Regierung geworden war und den für das BVT zuständigen Innenminister gestellt hat.

Die Befürchtung war, dass die FPÖ so etwas wie ein Trojanisches Pferd für die Russen sein könnte. Erst 2016 hatte die Partei einen Freundschaftsvertrag mit der Kreml-Partei "Einiges Russland" geschlossen, die auffällig häufigen Russland-Reisen einiger FPÖ-Politiker waren ohnehin bekannt.

Die Washington Post berichtete, dass das BVT von seinen Partnern im europäischen Ausland kaltgestellt und nicht mehr mit sensiblen Informationen versorgt wurde. Die Putin-Nähe der FPÖ galt als Sicherheitsrisiko.

Und das sicherlich nicht ganz unbegründet.

Zwischenzeitlich drohte dem BVT offenbar der Rauswurf aus dem "Berner Club", einem informellen Zusammenschluss europäischer Geheimdienste.

Peinlicherweise gelangte sogar ein interner Bericht des Berner Clubs an die Öffentlichkeit, in dem Österreich nicht gut wegkam. Von schweren Sicherheitsmängeln war die Rede.

Vor einigen Monaten enthüllte die Financial Times, dass ausgerechnet Jan Marsalek in den Besitz von eigentlich streng geheimen Unterlagen aus einem österreichischen Ministerium gelangt war. Es ging um einen Bericht, den die Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW) nach der Vergiftung des russischen Überläufers Sergej Skripal angefertigt hatte.

Das war brisantes Material, vor allem in den ersten Monaten nach dem Giftanschlag, als es darum ging, die Täterschaft zu klären.

Der Bericht soll die Formel des Nowitschok-Giftes enthalten haben, die nur wenigen Menschen weltweit bekannt ist.

Jedenfalls waren es Dokumente, die man nicht in den Händen eines Finanzmanagers erwarten würde. Deswegen wundert es mich auch, dass Marsalek damit in London freizügig vor Gesprächspartnern rumgewedelt haben soll. Wenn man so etwas macht, muss man sich darüber im Klaren sein, dass man sich quasi selbst "verbrennt" und für einen Geheimdienst wertlos macht.

Marsalek ist seit Monaten untergetaucht, er wird von den deutschen Behörden via Interpol gesucht. Glauben Sie, dass das BVT ihm bei seiner Flucht geholfen haben könnte?

Da bin ich zunächst mal skeptisch.

Immerhin wurde er auf einem österreichischen Privatflugplatz zuletzt gesehen. Am Abend zuvor hatte er sich offenbar mit einem früheren BVT-Beamten getroffen.

Vieles deutet auf eine Hilfestellung aus Russland hin. Dort soll er ja Aufnahme gefunden haben. Und: Marsalek hat seine Spuren selbst gekonnt verwischt. Unter anderem legte er eine falsche Fährte auf den Philippinen.

Dass Marsalek sich in Russland aufhält, ist bislang ein Gerücht. Der Kreml dementiert es.

Wenn die Gerüchte stimmen, dann hieße das, dass sich Marsalek für die Russen - wie auch immer - verdient gemacht haben muss.

Wollen Sie sagen, er ist womöglich kein V-Mann der Österreicher, sondern ein Agent der Russen?

Das schließt sich nicht aus. Schon im Kalten Krieg gab es Doppel- und Dreifachagenten. Die lebten sogar sicherer, als jene, die sich nur für eine Seite entschieden haben. Und manche davon waren Österreicher.

© SZ
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