Wirecard-Skandal:Marsalek-Vertrauter wegen Fluchtgefahr festgenommen

Wirecard Debacle Continues

Der Wirtschaftsskandal um Wirecard wird immer mehr zum Agenten-, Schmiergeld- und Politkrimi.

(Foto: Thomas Kronsteiner/Getty Images)

Der Geschäftspartner des untergetauchten Wirecard-Managers soll mutmaßlich einen Millionenbetrag beiseitegeschafft haben.

Von Klaus Ott, Jörg Schmitt und Jan Willmroth

Von Jan Marsalek fehlt weiter jede Spur, seit er im Juni in Richtung Minsk aufbrach und verschwand. Sein Wirken bis zu dieser Flucht aber füllt immer mehr Seiten Ermittlungsakte, und die Münchener Fahnder setzen alles daran, die dubiosen Geldflüsse im Umfeld des früheren Wirecard-Managers aufzuklären. Am Dienstag nahmen sie einen früheren Geschäftspartner von Marsalek fest und beantragten einen Haftbefehl wegen Fluchtgefahr. Von ihm erhoffen sie sich offenbar Erkenntnisse darüber, wie Marsalek über die Jahre mit seinen Millionen hantierte, und woher das Geld überhaupt kam.

Dabei geht es in dem Verfahren gegen den Mann vordergründig gar nicht um Wirecard. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm Veruntreuung in Höhe von mehr als 2,5 Millionen Euro vor. Er soll bei der Firma IMS Capital, die nach Erkenntnissen der Ermittler wesentlich mit Geld von Marsalek ausgestattet war, einen Betrag in dieser Höhe entnommen haben - bevor sie vergangene Woche Insolvenz anmeldete. Der Anwalt des Festgenommenen wollte sich auf SZ-Anfrage unter Verweis auf die laufenden Ermittlungen nicht äußern.

Es geht auch in diesem Zusammenhang wieder um den Verdacht, Marsalek könnte bei Wirecard hohe Millionenbeträge für sich abgezweigt haben. Und um die Frage, wo dieses Geld dann geblieben sein könnte. Das führte die Ermittler zu IMS Capital, eine Beteiligungsgesellschaft mit Geschäftsadresse in Berlin, die aber von München aus gesteuert wurde. Genauer: Von einer repräsentativen Villa in Bogenhausen aus, in der Marsalek ein- und ausging.

IMS Capital ist einer der beiden Hauptanteilseigner des Münchner Unternehmens Getnow, einem Online-Supermarkt, über den Kunden Lebensmittel beziehen können. Die 2015 gegründete Firma hat 130 Mitarbeiter, bietet ihren Service in mehr als 100 Städten an und ist einer der am schnellsten wachsenden Lebensmittel-Lieferdienste in Deutschland. Jetzt aber ist Getnow in die Pleite gerutscht, ebenso wie vergangene Woche IMS Capital und bereits vor vier Monaten der Wirecard-Konzern.

Alle drei Pleiten haben insofern miteinander zu tun, als Marsalek nach Erkenntnissen der Ermittler einer der Hauptgeldgeber von Getnow gewesen sein soll, offenbar über den Getnow-Gesellschafter IMS Capital. Seit Marsaleks Verschwinden fließt mutmaßlich kein Geld mehr. Getnow hatte nach Angaben des vorläufigen Insolvenzverwalters für seine Expansion "Investorengelder in zweistelliger Millionenhöhe" erhalten - das dürfte unter anderem Geld von Marsalek oder aus seinem direkten Umfeld gewesen sein. Laut Insolvenzverwalter war jetzt eine neue Finanzierungsrunde geplant, die aber scheiterte. Der Geschäftsbetrieb ruht vorerst, die Webseite ist offline und zeigt "Wartungsarbeiten" an. Dennoch soll versucht werden, den Online-Supermarkt zu retten.

Und die Ermittler in München wollen mehr darüber wissen, welches Geld Marsalek in Getnow investiert hat. Es geht offenbar um insgesamt 50 Millionen Euro. Was in diesem Zusammenhang irritiert: Hauptanteilseigner von Getnow ist die Getnow Holding Limited im Steuerparadies Isle of Man. Sie hält laut Handelsregister 45 Prozent der Anteile an dem Lieferservice. Zweitgrößter Gesellschafter ist IMS Capital Partners mit 39 Prozent. Die Firma wurde bis zur Pleite von dem jetzt festgenommenen Marsalek-Vertrauten aus München geleitet und war als Mieter der Villa in Bogenhausen eingetragen.

Mit den Vorgängen vertraute Personen vermuten hinter der Holding auf der Isle of Man einen weiteren engen Geschäftsfreund des flüchtigen Managers. Ein Teil eines 50-Millionen-Kredits, den sich Marsalek bei seinem Vorstandskollegen und langjährigen Wirecard-Chef Markus Braun besorgt hatte, soll mit Geld dieser Getnow Holding Limited zurückgezahlt worden sein. Brauns Anwälte haben kürzlich bestritten, dass sich ihr Mandant bei dem Kredit für Marsalek unrechtmäßig verhalten habe.

Im früheren Freundeskreis von Marsalek scheint es heftigen Streit zu geben

Bei Marsalek wiederum stellt sich die Frage, woher das Geld der Getnow Holding Limited kam. Hat der einstige Wirecard-Manager über das verschwiegene Steuerparadies Isle of Man schmutziges Geld gewaschen? Womöglich Geld von Wirecard?

Auch Wirecard selbst soll über eine Konzerngesellschaft, die Wirecard Asia Holding, 1,8 Millionen Euro in Getnow investiert haben. Getnow wiederum soll in der Zahlungsabwicklung ganz offiziell mit Wirecard zusammengearbeitet und insofern Umsätze bei dem Pleitekonzern generiert haben. Wirecard und Asien, das klingt direkt verdächtig. Bei dem insolventen Zahlungsanbieter sind in den vergangenen Jahren mehr als eine Milliarde Euro verschwunden. Marsalek-Vertraute hatten vor allem in Asien ein Firmennetzwerk geschaffen, das von dem Konzern mit hohen Krediten ausgestattet worden war. Jetzt geht es um die Frage, ob Marsalek auf diese Weise hohe Millionenbeträge abgezweigt hat, und ob der langjährige Wirecard-Vorstand mit dem Geld private Investitionen finanziert hat. Auch der Verdacht der Geldwäsche steht im Raum.

Der jetzt festgenommene Geschäftsmann wollte womöglich verhindern, nach Marsaleks Flucht auf dem Trockenen zu sitzen. Das könnte ein Motiv dafür gewesen sein, bei IMS einen Millionenbetrag abzuzweigen. Andere Marsalek-Vertraute sollen deshalb gegen den Geschäftsmann Klage eingereicht und Strafanzeige gestellt haben. In Marsaleks früherem Freundeskreis scheint nach dessen Flucht ein heftiger Streit ausgebrochen zu sein. Und der hat mit der Festnahme von dieser Woche sicher nicht den letzten Höhepunkt erfahren.

© SZ
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