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Jahrestag des Rücktritts von Hosni Mubarak:"Die Ägypter werden sich selbst überlassen"

Vor einem Jahr wurde gejubelt: Hosni Mubarak, der langjährige Herrscher Ägyptens, war von seinem Amt zurückgetreten. Die Protestbewegung hatte gesiegt. So schien es. Doch zwölf Monate später zieht die in Kairo lebende Deutsch-Ägypterin Sahra Gemeinder ein ernüchtertes Fazit der Revolution. Im SZ-Gespräch erzählt sie von der Gewalt der Militärregierung, vom Einfluss der Islamisten und von der ägyptischen Perspektive auf Syrien.

Sahra Gemeinder, 28, ist als gebürtige Ägypterin in Baden-Württemberg aufgewachsen. Von 2005 bis 2008 hat sie an der Amerikanischen Universität in Kairo studiert. Im Januar 2011 kehrte sie als Doktorandin in ihr Geburtsland zurück, um die Privatisierung der ägyptischen Hochschullandschaft und die Studentenproteste zu untersuchen. Wenige Tage später begannen die Proteste, die am 11. Februar mit dem Rücktritt des autokratischen Präsidenten Hosni Mubarak endeten.

Deutsch-Ägypterin Sahra Gemeinder

Die Deutsch-Ägypterin Sahra Gemeinder ist enttäuscht von den geringen Veränderungen in Ägypten.

(Foto: privat)

Süddeutsche.de: An diesem Samstag jährt sich der Rücktritt von Mubarak. Wie haben Sie den Tag damals empfunden?

Sahra Gemeinder: Ich war kurz vorher nach Deutschland gereist, auch um dort von den intensiven Szenen, die ich während der Proteste erlebt hatte und dem brutalen Vorgehen der Polizei zu erzählen. Kaum war ich angekommen, trat Mubarak zurück. Im Nachhinein ärgert mich das. Ich wäre gerne in Kairo gewesen.

Süddeutsche.de: Nun sind Sie seit längerem zurück in Ägypten. Was hat sich nach Mubaraks Rücktritt in Ägypten geändert?

Gemeinder: Leider nicht allzu viel. Und wenn, dann zum Schlechten. Menschenrechte werden noch stärker missachtet, seit das Militär das Land beherrscht. Die Polizei ist gewalttätiger geworden und das Militär foltert mittlerweile fleißig mit. Bei den jüngsten Zusammenstößen rund um das Parlament haben Sicherheitskräfte gezielt mit Gummigeschossen auf die Gesichter von Demonstranten geschossen, um ihnen das Augenlicht zu nehmen. Innerhalb von vier Tagen haben mehr als 50 Menschen ein oder beide Augen verloren. Das ist exzessive, völlig unkontrollierte Gewalt, die der Militärrat zu verantworten hat. Und die internationale Gemeinschaft ist machtlos.

Süddeutsche.de: Der 11. Februar ist also kein Tag zum Feiern?

Gemeinder: Es ist ein Tag des zivilen Ungehorsams. Dazu haben mehrere Nichtregierungsorganisationen, Studentenvereinigungen und Parteien aufgerufen. Außerdem beginnt ein nationaler Streik, der erst enden soll, wenn der Militärrat die Macht abgegeben hat. Ob das dauerhaft durchsetzbar ist, ist fraglich. Aber die Opposition will zeigen, dass sie so schnell keine Ruhe gibt.

Süddeutsche.de: Vorige Woche richtete sich die Gewalt gegen Fußballfans im Stadion von Port Said. Es gab Dutzende Tote. Wie haben Sie das empfunden?

Gemeinder: Die Situation im Land war vorher schon angespannt, aber Port Said war ein Schock. Fußball ist ein sehr emotionales Thema für Ägypter. Insbesondere, wenn der Al-Ahly-Club spielt. Jeder zweite Ägypter ist Fan des Vereins. Und dann diese schrecklichen Bilder. Kinder und Jugendliche sind gestorben, schwangere Frauen wurden einfach von der Tribüne geworfen. Mehr als 70 Tote innerhalb einer Stunde, das war ein Gewaltexzess, der tiefe Trauer und Wut im Land hinterlassen hat.

Süddeutsche.de: Seitdem ist es immer wieder zu Gewaltausbrüchen gekommen. War Port Said eine geplante Aktion, um das Land zu destabilisieren?

Gemeinder: Es war eine gewollte Eskalation. Es wird gemunkelt, Mubarak-Anhänger oder die Polizei hätten Rache üben wollen. Die Ultras des Clubs Al-Ahly aus Kairo waren eine wesentliche Kraft der Revolution. Sie haben während der Demonstrationen die Menschen auf dem Tahrir-Platz beschützt. Fußballspiele haben sich zu Protestveranstaltungen gegen die Militärherrschaft entwickelt. Allwöchentlich werden die Schmährufe der Ultras gegen die Armee in die Wohnzimmer übertragen. Port Said kann deshalb als Strafmaßnahme gesehen werden.

Süddeutsche.de: Wer profitiert davon?

Gemeinder: Letztlich profitiert das Militär. Seit dem Sturz Mubaraks herrscht ein Sicherheitsvakuum im Land. Es gibt immer wieder Phasen, in denen sich die Polizei komplett zurückzieht. Die Bevölkerung wird sich selbst überlassen. Die Kriminalität steigt, die Bevölkerung ist tief verunsichert. Die Armee nutzt das aus und macht die Polizei und das Innenministerium verantwortlich. Gleichzeitig stellt es sich als einzige Kraft dar, die Ordnung schaffen kann. Nach dem Motto: Wir oder das Chaos.

Süddeutsche.de: Welche Auswirkungen hat diese Drohkulisse auf das öffentliche Leben? Haben Sie Angst, wenn Sie sich in Kairo bewegen?

Gemeinder: Nein, das nicht. Natürlich bin ich vorsichtiger geworden. Aber es nicht so, dass Kairo im Chaos versinkt. Es gibt Streiks, es gibt Proteste und Nachrichten über Einbrüche und Gewalt. Aber man darf sich nicht vorstellen, das ganze Land stünde in Flammen. Die Leute leben weiter ihr Leben.

Süddeutsche.de: Vor einem Jahr hieß es, radikale Islamisten spielten bei der Revolution eine untergeordnete Rolle. Hat sich ihr Einfluss seitdem vergrößert?

Gemeinder: Von einer Islamisierung des Landes würde ich nicht sprechen, aber der Einfluss der radikalislamischen Salafisten auf die Politik hat sich schon vergrößert. Das sieht man schon an der Zusammensetzung des Parlaments, wo ihr Lager knapp 25 Prozent der Sitze belegt. Aus den erzkonservativen Reihen gibt es immer wieder provokante Vorstöße. Vor kurzem hieß es, die Opfer von Port Said seien selber schuld. Fußball sei im Islam schließlich verboten. Gemäßigte Kräfte distanzieren sich aber meist schnell von solchen Äußerungen. Das gilt auch für die Muslimbrüder, die fast die Hälfte des Parlaments stellen. Mehr Sorge bereitet mir die Nähe der Salafisten und Muslimbrüder zum Militärregime. Sie wird auch von der Öffentlichkeit kritisch beäugt.

Süddeutsche.de: Anfang Juni sollen die Ägypter einen neuen Präsidenten wählen. Was erhoffen Sie sich von der Wahl?

Gemeinder: Für mich persönlich ist das leider nur ein weiterer Akt der demokratischen Scharade, die das Militär dem Volk vorspielt. Ein Vorgang, der die Bevölkerung beruhigen soll. Es wird ihnen vorgegaukelt, Präsidentschaftswahlen führten zu Stabilität und dem Rückzug des Militärrats. Tatsächlich wird der neue Präsident keine nennenswerte Macht haben - genauso wenig wie die derzeitige Regierung oder das Parlament. Die Macht bleibt beim Militärrat. Das wird sich nicht ändern, solange die Verfassung nicht geändert wird. Deshalb halte ich die Verfassungsgebende Versammlung derzeit für wesentlich wichtiger als die Präsidentschaftswahl.

Süddeutsche.de: Nach Tunesien, Ägypten und Libyen hat die Protestbewegung auch Syrien in Aufruhr versetzt. Herrscher Baschar al-Assad lässt seit Monaten auf Aufständische schießen. Wie wird das in Ägypten wahrgenommen?

Gemeinder: Die syrische Opposition hat ein Zelt auf dem Tahrir-Platz aufgestellt und in meinem Freundeskreis ist ein syrischer Flüchtling, der durch Assads Truppen verletzt wurde. Aber generell spielt das Thema hier eher eine Nebenrolle. Natürlich bekommt man die Nachrichten mit und man fühlt sich den Menschen in Syrien auch verbunden. Es ist bitter zu sehen, wie das Ausland untätig bleibt und das Regime zum Teil sogar unterstützt. Aber viele Menschen, so denke ich, konzentrieren sich doch eher auf den Kampf, den wir hier auszutragen haben. Insbesondere jetzt, wo wieder Ägypter auf den Straßen sterben.