Wissenswertes zum Ersten Weltkrieg Mythen, Fakten und der "Lange Max"

Amerikanische Infanteristen 1918 nach Kämpfen in einem Dorf an der Westfront.

(Foto: Süddeutsche Zeitung Photo)

Warum starben am Karfreitag 1918 fast 100 Menschen in einer Pariser Kirche? Wieso wurden im deutschen Heer die Juden gezählt? Und was geschah im Skagerrak? Antworten auf 19 Fragen zum Ersten Weltkrieg.

Wo wurde zwischen 1914 und 1918 gekämpft?

Europa war der Hauptkriegsschauplatz des Gemetzels, das vor 100 Jahren die alte Welt zerstörte. Die geografische Dimension des Krieges umfasste jedoch Regionen und Länder aller Kontinente. Nebenschauplätze waren auch der Nahe und Mittlere Osten sowie die deutschen Kolonien in Afrika, Asien und im Pazifik, der Kaukasus und die Weltmeere. Sogar die indische Hafenstadt Madras (heute Chennai) wurde Schauplatz des Krieges, als der deutsche Kreuzer Emden sie beschoss. Und einige mittelamerikanische Staaten erklärten Deutschland und Österreich-Ungarn den Krieg.

Erster Weltkrieg

Wahnsinn Westfront

Wie viele Länder waren am Krieg beteiligt?

Direkt und indirekt waren etwa 40 Staaten in den Krieg involviert, einschließlich der britischen Empire-Gebiete. Länder wie Spanien, die Schweiz und Argentinien blieben neutral. Trotz Kriegserklärungen an Deutschland und Österreich-Ungarn schickten vor allem einige mittelamerikanische Staaten keine Truppen.

Wie groß war die Kriegsbegeisterung in Deutschland tatsächlich?

Die überlieferte Euphorie trat vor allem in Großstädten wie Berlin und München auf. Dort wurden die Soldaten tatsächlich bejubelt, Frauen steckten ihnen Essen und Blumen zu. Die Aufschriften auf den Zügen zur Front suggerierten, dass der deutsche Sieg über den Erbfeind Frankreich sicher sei. "Ehe noch die Blätter fallen, seid ihr wieder zu Hause", versprach Kaiser Wilhelm II. den Soldaten. Auf dem Land - und dort lebten vor 100 Jahren die meisten Menschen - war die Stimmung verhalten. Dort sorgten sich viele auch aus einem pragmatischen Grund: Sie fragten sich, wer die anstehende Ernte einbringen sollte.

Kriegsausbruch 1914

Mit Hurra ins große Gemetzel

Welches Land wurde zu Beginn des Krieges besetzt?

Das neutrale Luxemburg wurde am 2. August 1914 von deutschen Truppen eingenommen. Berlin wollte durch die Invasion im Großherzogtum (wie auch anschließend im ebenfalls neutralen Belgien) die französischen Verteidigungsanlagen umgehen, um schnell nach Paris vorstoßen zu können. Die junge Großherzogin Luxemburgs, Maria-Adelheid, galt als deutschfreundlich - das kostete sie nach Kriegsende den Thron.

Wer war der "Flieger von Tsingtau"?

Als der Erste Weltkrieg ausbrach, war Gunther Plüschow der einzige Pilot in der deutschen Kolonie Kiautschou in China. Die Japaner eroberten bald das Gebiet um den Hauptort Tsingtau, doch Plüschow gelang es, mit dem Flugzeug zu fliehen. Es folgte eine abenteuerliche Flucht um die halbe Welt, die ihn in der deutschen Heimat zum Helden machte. In der Zwischenkriegszeit unternahm Plüschow Expeditionen nach Südamerika, die seinen Ruhm noch vergrößerten.

Wie kam es zum Stellungskrieg an der Westfront?

Als der deutsche Vormarsch in Frankreich und Belgien stagnierte, schaufelten die Soldaten beider Seiten an der 750 Kilometer langen Westfront ein gestaffeltes Graben- und Tunnelsystem. Damit sollte zunächst die Front gehalten werden, um später wieder in die Offensive gehen zu können. Die bis zu zehn Meter tiefen Unterstände boten allerdings keinen sicheren Schutz vor Artilleriefeuer.

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Was war der Weihnachtsfriede?

Am Heiligen Abend 1914 wurden an manchen Abschnitten der Westfront die Kämpfe eingestellt. Deutsche, britische und französische Soldaten verbrüderten sich, sangen gemeinsam Weihnachtslieder und spielten Fußball. Einige Zeit hielt der Mini-Frieden noch. Doch dann ging das Töten und Sterben weiter.

Wieso wurden im deutschen Heer die jüdischen Soldaten gezählt?

In Deutschland wurde die Versorgung mit Nahrungsmitteln und anderen Gütern im Verlauf des Krieges immmer schlechter. Obwohl sich viele jüdische Deutsche freiwillig zur Front gemeldet hatten, wuchsen antisemitische Tendenzen in der Bevölkerung. Da einige Kaufleute und Unternehmer als wehrtauglich galten, aber aufgrund ihrer Tätigkeit nicht in den Krieg mussten, streuten Judenhasser die "Drückeberger"-Gerüchte. Die Reichsführung nahm die Verleumdung ernst und ließ deshalb im Herbst 1916 die Juden im Heer zählen, was die Betroffenen an der Front schockierte. Das Ergebnis dieser Zählung wurde nie veröffentlicht - was Antisemiten wie Adolf Hitler später als Beweis dafür sahen, dass die Gerüchte stimmten. Fakt ist: Der Anteil der gefallenen Juden in deutscher Uniform war im Verhältnis größer, als der Anteil der nichtjüdischen Deutschen.

Wer waren die Dicke Bertha und der Lange Max?

Es handelt sich um zwei Geschütztypen, die der Rüstungskonzern Krupp fertigte. Namensgeberin der "Dicken Bertha" soll die Krupp-Erbin Bertha gewesen sein, eine keineswegs korpulente Frau. Der Mörser verschoss Granaten von etwa einer Tonne Gewicht 14 Kilometer weit. Eingesetzt wurde er vor allem in Belgien und Frankreich.

Westfront 1918: Ein "Paris-Geschütz" wird in seiner Feuerstellung zusammengesetzt.

(Foto: Süddeutsche Zeitung Photo)

"Langer Max" nannten die Deutschen das Riesengeschütz 38-cm-SK-L/45, das ebenfalls Krupp produziert hat. Die Kanonen vom Kaliber 38 Zentimeter wogen mehr als 270 Tonnen und waren ursprünglich für Kriegsschiffe konzipiert. Die monströsen Waffen wurden an der Westfront eingesetzt, unter anderem in Verdun und Dünkirchen. Monatelang feuerten 1918 Exemplare des "Paris-Geschützes", in das Teile des "Langen Max" eingearbeitet wurden, auf die französische Hauptstadt. Sie hatten eine Rohrlänge von 37 Metern und konnten 130 Kilometer weit schießen. Der Beschuss diente der deutschen Propaganda und terrorisierte die Pariser. Insgesamt feuerten die Deutschen 800 Granaten ab, die mehr als 250 Menschen töteten. Allein am Karfreitag 1918 starben 88 Menschen bei einem Gottesdienst, als eine Granate eine Kirche traf.

Was passierte am Skagerrak?

Im Skagerrak, dem Meer zwischen Norddänemark, Jütland und der Südspitze Norwegens, fand die größte Seeschlacht des Weltkrieges statt. Am 31. Mai 1916 stießen die britische Grand Fleet und die deutsche Hochseeflotte aufeinander. Nach einer 14 Stunden dauernden Kanonade fuhren die deutschen Geschwader davon. Das Fazit: 8000 Granaten wurden abgefeuert, auf britischer Seite starben 6000 Seeleute, auf deutscher 2500. Es sanken mehr britische Schiffe als deutsche, weshalb im Reich die Schlacht als Sieg gefeiert wurde. De facto war es ein Patt, weil die Schlagkraft der Navy nicht substanziell gemindert wurde. Eine entscheidende Bedeutung hatte die Schlacht nicht.

Welche Rolle spielten Tiere an der Front?

Tiere im Ersten Weltkrieg

Als Hunde Gasmasken trugen

Der Stellenwert von Pferden und Maultieren als Zug- und Transportmittel war immens. Dazu kamen unzählige Hunde, die Giftgas witterten, und Tauben, die Nachrichten überbrachten. Die Armeen setzten Millionen Tiere im Krieg ein, ein großer Teil von ihnen kam um.

Wo wurde zum ersten Mal in größerem Umfang Giftgas eingesetzt?

Nahe der belgischen Stadt Ypern setzten die deutschen Truppen am 22. April 1915 erstmals Giftgas gegen französische Stellungen ein. Mindestens 1200 alliierte Soldaten kamen durch das Luftwege und Lungen verätzende Chlorgas um.

Welche zivilen Erfindungen wurden im Krieg gemacht?

Der Erste Weltkrieg beförderte so manche todbringende Erfindung. Doch Neuerungen gab es nicht nur für den Kampf, sondern auch im zivilen Bereich. Viele zivile Innovationen kamen erst durch den Krieg zustande oder wurden durch ihn populär. Einige Erfindungen werden noch heute verwendet, etwa Damenbinden, Teebeutel und der Funkverkehr.

Innovationen

Erster Weltkrieg: Erfindungen, die das Leben erleichtern

Welche Rolle spielten Panzer an der Westfront?

Der damalige britische Marineminister (und spätere Premier) Winston Churchill hatte sich schon früh für gepanzerte Kampfwagen starkgemacht. In Nordfrankreich versetzten hunderte britische "Tanks" von 1916 an die Deutschen in Angst und Schrecken. Die stählernen Maschinen waren ein Mittel, die Stellungen zu überwinden. Entscheidenden Einfluss hatten die Panzer nicht. Deutschland produzierte bis Kriegsende nur etwa 20 frontreife Panzer.