Erster Weltkrieg Hitlers Regiment

Adolf Hitler, 1918 Adolf Hitler im Lazarett von Pasewalk nach seiner Verletzung an der Westfront im 1. Weltkrieg, Oktober 1918.

(Foto: Süddeutsche Zeitung Photo)

Manche nannten ihn den "spinnerten Österreicher". Anders als die Nazi-Propaganda später suggerierte, war Adolf Hitler im Ersten Weltkrieg kein tapferer Soldat. Doch radikalisierte ihn das Fronterlebnis politisch?

Von Hans Kratzer

Würde man ausschließlich den späteren Schriften Adolf Hitlers und der Propaganda der Nationalsozialisten folgen, wäre Hitler einer der tapfersten Fronthelden des Ersten Weltkriegs gewesen.

Doch Hitler, Freiwilliger in der bayerischen Armee, war keineswegs das Frontschwein, als das er sich später stilisiert hat. Als Meldegänger war er überwiegend in der Etappe eingesetzt, also kilometerweit hinter der Hauptkampflinie. Zwar trafen Artillerie-Granaten gelegentlich auch rückwärtige Stabsquartiere und Meldegänger, aber verglichen mit der Todesgefahr im Graben durchlebte Hitler den Krieg auf relativ sicherem Terrain.

Tadelloser Kamerad und asozialer Sonderling

Mag auch die NS-Propaganda die Tätigkeit des Meldegängers als besonders gefährlich dargestellt haben, so trifft eher das Gegenteil zu. Auch in Hitlers Regiment blickten die Frontkämpfer eher verächtlich auf die sogenannten Etappenhengste im Regimentshauptquartier.

Einer von Hitlers Kameraden sah den Unterschied sofort, nachdem er von der Front in den Stab versetzt worden war. Im April 1915 schrieb er, wie gut es ihm dort ging, mit einer "Maß Bier unterm schattigen Nussbaum".

Die Frage, welches Renommee Hitler in der Armee genoss, wird in der Forschung unterschiedlich beantwortet. Er wird als asozialer Sonderling beschrieben - aber auch als tadelloser Kamerad. Verbürgt ist, dass ihn manche den "spinnerten Österreicher" nannten. Rechthaberisch und streitsüchtig sei Hitler gewesen, hat sein zeitweiliger Vorgesetzter Wilhelm Dieß später erzählt. Dieß war Juraprofessor und einer der bedeutendsten bayerischen Erzähler des 20. Jahrhunderts.

Wie Dieß war auch Hitler im Ersten Weltkrieg Mitglied des sogenannten List-Regiments, wie das Königlich Bayerische 16. Reserve-Infanterie-Regiment (RIR 16) in der Regel genannt wurde. Der Kommandeur Oberst Julius von List fiel bereits im Oktober 1914 in der Ersten Flandernschlacht, woraufhin das Regiment den Ehrennamen "List" erhielt.

Adolf Hitler (re.) posiert mit Kameraden.

(Foto: SZ-Photo)

Obwohl er Österreicher war, bemühte sich Hitler sofort nach der Mobilmachung Anfang August 1914 als Freiwilliger um die Aufnahme in das bayerische Heer. Ob er eine Sondergenehmigung von König Ludwig III. erhalten hat, wie er selbst behauptete, ist fragwürdig. Möglicherweise wurde er inmitten der Masse an Freiwilligen im Wehramt gar nicht nach seiner Staatszugehörigkeit gefragt.

Am 16. August 1914 wurde Hitler vom 2. Infanterie-Regiment als Kriegsfreiwilliger eingekleidet und erhielt dort seine Grundausbildung. Am 1. September wurde er dann zum neu aufgestellten Reserve-Infanterie-Regiment 16 versetzt, das schließlich am 8. Oktober 1914 im Hof der Türkenkaserne durch König Ludwig III. vereidigt wurde, bevor es zur Westfront bei Ypern aufbrach. Bald zum Gefreiten befördert, fand Hitler bis Kriegsende als Melder des Regimentsstabs Verwendung.

Durch Hitlers langjährige Zugehörigkeit hat das Regiment "List" Popularität erfahren. Es wurde rasch von der Nazi-Propaganda instrumentalisiert. Dass es ein Brutkasten des Nationalsozialismus gewesen sei und dass dessen Angehörige durch das gemeinsame Erlebnis in den Schützengräben geformt worden seien, das waren langlebige Mythen der Nazis. Der Historiker Thomas Weber zeichnet in seinem 2010 erschienenen Buch "Hitlers erster Krieg" freilich ein konträres Bild. Weber weist schlüssig nach, dass das "List"-Regiment weder Hitlers politische Lehranstalt war noch der Keim der Nazi-Bewegung.

Weber fand heraus, dass jüdische Soldaten im Regiment gut integriert waren. Ob Hitler nun sein Eisernes Kreuz I. Klasse sogar einem jüdischen Vorgesetzten, dem Leutnant Hugo Gutmann, zu verdanken hat oder nicht, ist von nachrangiger Bedeutung. Jedenfalls sei Gutmann in Hitlers Regiment in einem Maß respektiert gewesen, wie Hitler selbst es nie war, schreibt Weber.

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Bezeichnend ist, dass Hitler in der 1932 erschienenen Regiments-Geschichte nur beiläufig erwähnt wird. Das Regiment war sicher keine homogene Einheit, die Soldaten pflegten unterschiedliche Anschauungen. Allerdings unterdrückten die Nationalsozialisten alle Berichte, die ihrem Propagandabild widersprachen.

Dem Regiment gehörten Leute wie Fritz Wiedemann, der spätere Adjutant Hitlers, und der NS-Publizist Max Amann an. Aber als weitaus prägender galten Männer wie der Kompanieführer und Künstler Albert Weisgerber, der jüdische Offizier Hugo Gutmann und Männer wie Wilhelm Dieß und Fridolin Solleder, die am Aufbau der Bundesrepublik mitwirkten.

Nach dem Krieg versuchte Hitler Regimentskameraden für seine Partei zu gewinnen. Doch bis 1933 traten laut Weber nur zwei Prozent der Veteranen der NSDAP bei. Dass Hitler im List-Regiment völkisch radikalisiert wurde, ist nach Webers Forschungen auszuschließen. Noch im Frühjahr 1919 gehörte Hitler zum weiteren Umfeld der von den Rechten als "Judenherrschaft" verunglimpften Räterepublik in München. Erst danach schloss er sich der Deutschen Arbeiterpartei DAP an, aus der schließlich die NSDAP wurde.

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