Flüchtlinge in Italien:Not, die bleibt

Lesezeit: 5 min

Flüchtlinge in Italien: In Ventimiglia, einem kleinen italienischen Ort an der Grenze zu Frankreich, schlafen Flüchtlinge unter einer Brücke, und hoffen darauf, nach Frankreich zu gelangen.

In Ventimiglia, einem kleinen italienischen Ort an der Grenze zu Frankreich, schlafen Flüchtlinge unter einer Brücke, und hoffen darauf, nach Frankreich zu gelangen.

(Foto: AFP)

Die Italiener haben sich daran gewöhnt, dass Tausende Flüchtlinge an ihren Küsten ankommen. Ihre Versorgung ist besser geworden. Dennoch tut die Politik so, als würde das Problem von selbst verschwinden.

Von Andrea Bachstein

Knapp 300 Kilometer Luftlinie liegen zwischen der libyschen Küste und der Insel Lampedusa. Weil es eine kurze Strecke ist, wagen dort Flüchtlinge aus Afrika die Überfahrt nach Europa. 235 000 Flüchtlinge warten zurzeit in Libyen darauf, die Fahrt übers Mittelmeer anzutreten, sagte der UN-Sonderbeauftragte für Libyen am Donnerstag.

Weil es eine gefährliche Strecke ist, ertrinkt einer von 23 Menschen, die sich den Schleppern und ihren wackligen Booten anvertrauen, das teilten die UN im Mai mit. Italiens Küstenwache und die Marine arbeiten gegen das Sterben an. Kürzlich retteten sie an einem einzigen Tag 6500 Flüchtlinge aus dem Kanal von Sizilien.

Was passiert mit denjenigen, denen die Überfahrt gelingt? Bis Ende August waren es in diesem Jahr 115 000 Menschen, die auf dem Seeweg die italienische Küste erreichten. Sich für ihre Belange einzusetzen, ist die Aufgabe von Christopher Hein, Gründer, Ex-Präsident und nun Direktor des italienischen Flüchtlingsrates Cir, einer Hilfsorganisation mit Hauptsitz in Rom.

Was die Stimmung der Italiener betrifft angesichts der Flüchtlinge, meint Hein: "Die Seeankünfte sind ein permanenter Zustand geworden, er löst keine besondere Erregung mehr aus." Es gebe ab und zu Brennpunkte wie an der französischen Grenze bei Ventimiglia oder zur Schweiz bei Como, in der öffentlichen Aufmerksamkeit stehe das Thema aber nicht ganz oben. Und die Zahlen der Bootsflüchtlinge, die an einigen Tagen so hochschnellen, waren schon dramatischer: 2014, ehe die östliche Mittelmeer- und die Balkanroute zur Hauptstrecke wurden, kamen 170 000 Menschen übers Meer nach Italien. Dieses Jahr, da der größte Zustrom wieder über die zentrale Mittelmeerroute läuft, würden es vermutlich weniger werden, meint Hein.

Die geforderten Hotspots wurden mittlerweile gebaut. Alle würden nun registriert

Das UN-Flüchtlingswerk UNHCR hat für Juli gut 23 000 Menschen gezählt, im August um die 21 000, im Herbst werden es erfahrungsgemäß weniger. Vor einem Jahr um diese Zeit waren es insgesamt 116 000, etwas mehr als jetzt.

Italien wurde über Jahre vorgeworfen, es sei zu nachlässig mit der Registrierung von Flüchtlingen, und zwar absichtsvoll. Die meisten wollten nicht in Italien bleiben, Italien war das recht, so zog ein erheblicher Teil der Migranten und Flüchtlinge weiter nördlich, zu vielversprechenderen Arbeitsmärkten, und Italiens Behörden schauten weg. Das habe sich deutlich verändert, sagt Hein.

Seit September 2015 hat Italien die von der EU verlangten Hotspots eingerichtet, in Apulien, Kalabrien, auf Sardinien und Sizilien. Das Innenministerium gebe an, 100 Prozent der Bootsflüchtlinge würden identifiziert und registriert. Der Cir-Direktor hält 90 Prozent für wahrscheinlicher, die Kritik an einer "Durchwinkepraxis" Italiens seitens der EU ist jedenfalls verstummt.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Abo kündigen
  • Kontakt und Impressum
  • AGB