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Italien:Die Propagandamaschine hinter Europas größter Protestpartei

M5S aiming for natl govt says Grillo

Parteigründer Beppe Grillo.

(Foto: dpa)
  • Cinque Stelle, die Partei um Beppe Grillo, könnte die nächsten italienischen Parlamentswahlen gewinnen.
  • Die Partei verkauft sich im Netz als Anti-Mainstream-Medienwelt - ein Gemisch aus Partei-Stammtisch, Blog, Tagebuch und Nachrichtenkanal.
  • Das tut sie so erfolgreich, dass Millionen Italiener die Partei-Propagana als einzige Nachrichtenquelle nutzen.

Von Oliver Meiler, Rom

In Italien genügt ein Klick, und man ist in einer anderen Galaxie, in einer mit fünf Sternen. So beginnt fast jede Reise in die parallele Öffentlichkeit der politischen Bewegung Cinque Stelle, Europas erfolgreichster Protestpartei mit dem dichtesten Netz an Informationskanälen. "Du wirst es nicht glauben!", steht oft als Lockzeile für Artikel und Posts auf ihren Webseiten, Profilen und Blogs, "Clicca qui!" Oder: "So etwas passiert nur in Italien! Klicke hier." Und: "Diese Schande, wir nehmen das nicht mehr hin! Klicke hier."

Klickt man sich durch die Skandale und Thesen, kommt es einem bald so vor, als sei alles auf dieser Welt ganz anders, als man gedacht hatte. Der Blog von Beppe Grillo, so etwas wie das Zentralorgan der Partei, und die Portale Tze Tze und La Fucina, die über Links mit dem Tagebuch des Parteigründers verbunden sind, vermitteln den Eindruck, man sei ein Leben lang dunklen Mächten und Medien auf den Leim gekrochen. Und nun, endlich, winke die Erleuchtung und vielleicht sogar eine Revolution. Klicke hier!

Millionen Italiener vertrauen allein auf die Wahrheiten der Grillo-Partei-Propaganda

Das tun Millionen Italiener jeden Tag. Und viele von ihnen informieren sich fast exklusiv in der Parallelöffentlichkeit ihrer Partei. Sie glauben nur noch, was in ihren eigenen Medien steht. Auch deshalb heißt es, die Cinque Stelle könnten die nächsten italienischen Parlamentswahlen gewinnen. Nichts scheint ihre Popularitätswerte zu schmälern: kein böser Kommentar in der Zeitung, auch kein Skandal in den eigenen Reihen. In Mailand biegen sie jeweils alles wieder gerade. Dort, an der Via Morone bei der Scala, sitzt die Internetfirma Casaleggio Associati, gegründet 2004. Sie ist die Regiezentrale der Fünf Sterne.

"Eine ganz kleine Firma", sagt der junge Informatiker Marco Canestrari, der vier Jahre lang für sie gearbeitet hat, "nur ein Dutzend Mitarbeiter". Alle machen alles. Doch wie bedeutend diese kleine Firma ist, zeigt ein Blick auf ihre Tätigkeiten. Casaleggio Associati betreut nicht nur den Blog Grillos, sondern auch alle Newskanäle und die Plattform, auf der die Mitglieder interne Abstimmungen durchführen, ihre Kandidaten auswählen und ihre Positionen bestimmen. Auf den Servern der Firma läuft alles zusammen. Wie genau, ist mysteriös.

Canestrari, 34 Jahre alt, lebt und arbeitet heute als Webentwickler in London. Doch seine Vergangenheit als "Grillos Schatten", wie er sich nennt, lässt ihn nicht los: Er schreibt an einem Enthüllungsbuch mit dem Titel "Supernova: Wie die Fünf-Sterne-Bewegung getötet wurde". Untertitel: "Ein Bericht aus dem Innern." Im Interview erzählt er, wie einst alles begann, 2005. Gianroberto Casaleggio, der unlängst verstorbene Unternehmer und Mitbegründer der Partei, für viele ein Visionär, schlug Grillo damals vor, einen Blog zu schreiben. Die beiden waren sich nach einer Show des Komikers begegnet. Casaleggio sah in Grillo das Potenzial zum charismatischen Politiker. Er wollte eine politische Bewegung aufbauen, die sich ganz über das Internet organisiert. Grillo wäre das Gesicht, Casaleggio das Hirn.

Blog, Tagebuch, News, Parteipolitik - auf den Seiten der Fünf-Sterne läuft alles zusammen, was die Klickrate hoch hält

Grillo war zunächst skeptisch, ließ sich aber überreden. "Die Kosten für den Blog, etwa 140 000 Euro im Jahr, übernahm Casaleggio", sagt Canestrari, "im Gegenzug verdiente er am Onlineverkauf von Grillos DVDs". Zunächst sei das ein guter Deal gewesen, für beide. Der Blog wurde schnell ein Erfolg; heute zählt er 2,3 Millionen Follower. Wenn Grillo nun etwas postet, dann ist das automatisch relevant und macht Schlagzeilen in allen Zeitungen. Sein Wort ist die Linie der Partei. Die ist zwar oft kurvig, feste Werte und Prinzipien sind für Grillo Kategorien von gestern. Doch seine Anhänger nehmen ihm das nicht übel.

Rentabel war der Blog aber offenbar nur für kurze Zeit - trotz der Werbung großer Unternehmen, die oft politisch nicht so gut zum Inhalt passen. Um die Einnahmen der Firma zu steigern, hat die Casaleggio Associati die Links zu ihrer privat gehaltenen Onlinezeitung Tze Tze und zum umstrittenen Gesundheitsmagazin La Fucina in der rechten Spalte von Grillos Blog platziert. So fließt alles zusammen, Politik und Kommerz. Tze Tze heißt nicht nur wie eine Mücke, die Seite versteht sich auch so: als stechendes Gegenprogramm zu den klassischen Medien. Auf Tze Tze, so heißt es in der Präsentation, erscheinen nur News von Nutzern. Doch Canestrari sagt: "Die selben Leute, die den Blog von Grillo betreuen, schreiben auch die News auf den Nachrichtenportalen." Die Quellen seien von billigster Qualität. Einmal behauptete Tze Tze, die USA würden libysche Schlepper finanzieren, die Immigranten nach Italien schleusten. Wahr war daran nichts.

Doch solche Geschichten bringen Klicks. Und wahrscheinlich auch Geld - mehr jedenfalls als der Blog. Einen Teil seiner Inhalte übernimmt Tze Tze von Sputnik und Russia Today, zwei Propagandavehikeln des Kreml. Das ist zumindest erstaunlich. Bis 2014 waren Grillo und die Cinque Stelle gegen Wladimir Putin. Er galt ihnen als böser Zar, Pussy Riot als Stars. Man warf Putin vor, er unterdrücke die Opposition, die Presse, die Homosexuellen und die Ukraine. Nach Moskaus Invasion der Krim hielt Grillo Europa vor, es kusche vor Putin, um sich den Zugang zu russischem Öl und Gas nicht zu verspielen.

Nicht Werte und Haltung bestimmen das Angebot, sondern Laune und Klickrate

Nun ist Putin plötzlich gut, und die Nato ist böse. Eine Wende um 180 Grad, ohne dass die Parteimitglieder dazu befragt worden wären. Grillo lobt Putin bei jeder Gelegenheit. Auch die Parlamentarier reden nur noch gut von Putin, wenn in der Aula über Russland und dessen Engagement in Syrien debattiert wird. Vor kurzem wäre das unmöglich gewesen. Einige Vertreter der Partei sind nach Moskau gereist, um sich mit Leuten von "Einiges Russland" zu treffen, der Partei Putins. Worüber sie geredet haben, mochten sie nicht erzählen. Die ganze Propagandamaschine der Partei hat umgeschwenkt. Die Frage ist, was zuerst kam: ein Deal der Casaleggio Associati mit Moskau oder die politische Wende?

Seit Gianroberto Casaleggios Tod im vergangenen Jahr wird die Firma von Sohn Davide geführt, und von dem wissen die Italiener wenig bis nichts. Öffentlich redet er selten, er wirkt scheu, seine Ideen sind allen ein Rätsel. Canestrari sagt, der Junior sei ein Methodiker, kein Visionär wie der Senior, und weniger leutselig. Nun steht dieser Davide Casaleggio aber einem Unternehmen vor, das die Propaganda der größten Partei im Land steuert, das die Daten aller Mitglieder und Parlamentarier der Cinque Stelle verwaltet, das auch von allen weiß, wie sie abstimmen und wählen.

"Diese Daten sind Macht", sagt Canestrari. "Casaleggio kontrolliert sie allein." Wer etwas zählen möchte in der Partei, müsse seine Nähe suchen. Wer sich Kritik leistet, ist schnell draußen- überzogen mit bösen Gerüchten und Skandalen.

© SZ vom 10.03.2017/ulsu

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