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Westjordanland:Der Sturm nach der Ruhe

Solidarität mit den Palästinensern in Ostjerusalem: Antiisraelische Demonstranten im Gazastreifen tragen am Montag ein Modell der Al-Aksa-Moschee am Tempelberg mit sich.

(Foto: SAID KHATIB/AFP)

Nach der Absage der Palästinenser-Wahl kommt es zu immer mehr Gewalt. Gerichtet ist das nicht allein gegen Israel.

Von Peter Münch, Tel Aviv

Die Absage der palästinensischen Parlamentswahl droht eine neue Phase der Instabilität auszulösen. Seit der entsprechenden Erklärung von Präsident Mahmud Abbas in der Nacht zum Freitag hat es gleich mehrfach Gewalt gegeben. Gerichtet ist sie gegen Israel - der Logik folgend, dass Abbas Israel für die Absage verantwortlich macht wegen eines Streits um Wahlmöglichkeiten für arabische Bürger in Ostjerusalem. Zugleich können diese Taten jedoch als Vorboten eines innerpalästinensischen Machtkampfs gedeutet werden.

Am frühen Sonntagabend wurden an einer viel befahrenen Kreuzung südlich der palästinensischen Stadt Nablus drei 19-jährige jüdische Religionsschüler aus einem Auto heraus unter Beschuss genommen. Zwei von ihnen wurden schwer, einer leicht verletzt. Trotz einer intensiven Suche inklusive Straßensperren konnten der oder die Täter nicht gefasst werden. Die israelische Armee geht von einer gut vorbereiteten Tat aus - und fürchtet weitere Anschläge. Als Reaktion darauf wurde die Truppenpräsenz im palästinensischen Westjordanland verstärkt.

Vermutlich aus Rache für diese Schüsse auf die Torah-Schüler griffen israelische Siedler ein palästinensisches Dorf in der Nähe des Vorfalls an. Augenzeugen zufolge warfen sie Steine und legten Brände, es kam zu Zusammenstößen mit palästinensischen Bewohnern, in die auch die Armee eingriff. Fünf Palästinenser wurden dabei verletzt.

Ein Frau beging vermutlich "Selbstmord durch Soldaten"

Wenige Stunden vor den Schüssen auf die jungen Israelis war eine Palästinenserin an einem Checkpoint erschossen worden. Die 60-Jährige soll mit einem Messer bewaffnet gewesen sein und nicht auf Aufforderungen zum Stehenbleiben reagiert haben. Laut palästinensischen Quellen war sie mental instabil. Solche Fälle werden unter dem Rubrum "Selbstmord durch Soldaten" geführt.

Bislang hat sich keine der militanten palästinensischen Gruppen offiziell zu den Schüssen auf die jungen Israelis bekannt. Der Islamische Dschihad jedoch sprach von einer "Botschaft des palästinensischen Volks, dass Jerusalem eine rote Linie ist". Der Angriff sei "ein Beweis, dass der Widerstand im Westjordanland wieder tatkräftig aufgenommen" werden könne.

Auch die Hamas pries den Anschlag als "natürliche Antwort auf die Verbrechen der Besatzungsmacht". Die Absage der Wahl durch den zur konkurrierenden Fatah gehörenden Präsidenten Abbas hatte die Hamas scharf kritisiert. In ihrem eigenen Herrschaftsbereich im Gazastreifen scheint sie nun zunächst einmal die Ruhe wahren zu wollen. Stattdessen könnte sie daran interessiert sein, die Lage im Westjordanland anzuheizen - und damit zugleich Israel und Abbas unter Druck zu setzen.

© SZ/bac
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