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Israel:Im Feenkleid gegen den "Crime Minister"

Es erscheint wie ein buntes Happening, doch den Demonstranten in Jerusalem ist es ernst. Seit Wochen fordern sie Netanjahus Rücktritt.

(Foto: Emmanuel Dunand/AFP)

Zehntausende protestieren in Israel gegen Premier Netanjahu. Und die Wut wächst, auch weil sein Sohn die Demonstranten als "Aliens" verspottet.

Von Peter Münch, Jerusalem

Es gehört schon Einiges dazu, in diesem Trubel die vollkommene Ruhe zu bewahren. Etwa 30 Menschen sitzen in frommer Versenkung mitten auf der Straße, die Augen geschlossen, die Beine verknotet, die Hände gefaltet. Sie haben einen Kreis gebildet um einen provisorischen Altar herum, auf dem Duftkerzen flackern und Räucherstäbchen glimmen. In der Stille liegt die Kraft, und die mit den Dreadlocks vorn in der Mitte hält ein Schild hoch, auf dem nur ein einziges englisches Wort steht: "Hope".

Hochgehalten wird hier die Hoffnung, dass sich Israel verändern lässt - sei es durch die Macht der Meditation oder, wenn es sein soll, auch durch den trommelfellerschütternden Lärm, den die anderen Demonstranten ringsherum veranstalten. Es sind Alte und Junge, Familien mit Kindern, es ist die Mittelklasse, die für die Werte des alten Israels und für ihre Zukunft kämpft. "Bibi ha beita", lautet der Schlachtruf - "Bibi, geh nach Hause", und er ist gerichtet an Premierminister Benjamin Netanjahu. Schon in der zehnten Woche in Folge fordern am Samstagabend die vor seiner offiziellen Residenz in der Jerusalemer in der Balfour Straße versammelten Menschen seinen Rücktritt. Der Sabbat mag immer noch der Tag der Ruhe sein. Der Abend danach ist der Wut gewidmet.

Und die Wut wächst. Eine neue Rekordzahl an Teilnehmern wird in Jerusalem gemeldet. 20 000 Menschen sollen es mindestens sein, die sich nun hier drängen. Die Veranstalter sprechen sogar von 40 000. Dazu kommen noch die vielen Tausenden, die zeitgleich an mehr als 300 Kreuzungen und Brücken von den nördlichen Hügeln bis zur Wüste im Süden die schwarzen Flaggen des Protests schwenken. Und natürlich auch noch jene paar Hundert, die sich vor der privaten Residenz der Netanjahus im Küstenort Caesarea versammeln.

Parteipolitik hat hier keinen Platz. Organisiert wird der Protest von Graswurzelbewegungen

Die Welle hat das ganze Land erfasst, und zumeist entlädt sich die Wut über einen Regierungschef, der trotz eines laufenden Korruptionsprozesses nicht zurücktreten will, in einem bunten Happening. Zum Karneval in der Balfour Straße erscheinen die Menschen im Schimpansen- oder Schweinchenkostüm, auch die Frau im leuchtenden Feenkleid ist wieder dabei. Gefeiert wird jener Demonstrant, der sich eine Netanjahu-Maske übergestülpt hat und in Sträflingskleidung mit Handschellen auftritt. Maskenpflicht gilt auch für alle anderen in Coronazeiten, und wenn schon der Mindestabstand unmöglich ist in diesem Geschiebe und Gedränge, so wird wenigstens das fast durchgehend befolgt. Der Mund-Nasenschutz eignet sich allerdings auch prächtig für die Übermittlung politischer Botschaften. "Crime Minister" steht auf manchen Masken, "enn mazav" auf anderen, zu deutsch: "Auf keinen Fall." Es ist ein Nein zu Netanjahu.

Der Protest ist politisch, aber vor allem ist er persönlich. Jeder kommt aus seinem eigenen Grund und trägt sein eigenes Schild. Ein Bild von Banksy ist da zu sehen oder ein Porträt von Thomas Jefferson. Den einen geht es um die Rettung der Demokratie, den anderen eher um den Ausgleich mit den Palästinensern. Eine Frauengruppe protestiert gegen sexuelle Gewalt, andere gegen den Kurs der Regierung in der Coronakrise. Alles hat hier seinen Platz, nur nicht die Parteipolitik. Organisiert werden die Proteste von mindestens einem halben Dutzend Graswurzelbewegungen. Hier und da mischen sich zwar ein paar prominente Oppositionspolitiker unters Volk. Aber es gibt für sie keine Bühne und es gibt auch keine Reden.

Es würde sie sowieso niemand verstehen bei diesem Dauerlärm durch Tröten und Trommeln. Keine ruhige Minute soll der Regierungschef mehr haben, der geschützt durch Eisengitter und Polizisten und obendrein noch abgeschirmt durch einen riesigen schwarzen Vorhang in seiner Villa hinten in der Balfour Straße residiert. Ob ihm die Proteste gefährlich werden können, ist noch offen. Dass sie ihn nervös machen, ist offenkundig. "Anarchisten" hat Netanjahu die Demonstranten genannt, über "Aliens" hat sein Sohn Jair gespottet.

Das hat viele Ängste geweckt

Das hat die Lage noch angeheizt, und immer wieder ist es in der vergangenen Woche zu Gewalt gekommen - mal zwischen Polizei und Protestierenden, mal durch rechte Schlägertrupps, die Jagd auf Demonstranten machten. Das hat viele Ängste geweckt, und auch Ehud Olmert hat nun Alarm geschlagen. Olmert ist gewissermaßen vom Fach: Er war auch mal Premierminister, und er war auch wegen Korruption angeklagt. Anders als Netanjahu aber ist er zurückgetreten, später hat er eine Gefängnisstrafe abgesessen. Nun attestiert er seinem Nachfolger in einem Beitrag für die Jerusalem Post eine "psychotische Angst-Attacke" und warnt: "Netanjahu will Blut." Denn das Blutvergießen bei den Demonstrationen würde ihm den Vorwand liefern, sie zu verbieten und die Welle zu stoppen.

An diesem Samstag aber bleibt es friedlich, und am Ende stößt sogar noch ein frommer und fröhlicher Trupp der Anhänger des Rabbi Nachman, denen wegen der Coronagefahr die jährliche Pilgerfahrt ins ukrainische Uman verboten werden soll, zur Demo an der Balfour Straße. "Der Protest wird breiter", twittert eine der Organisatorinnen, "es kommen immer mehr Kippa-Träger und Ultra-Orthodoxe". Erschöpft und zufrieden packen die Demonstranten am Ende ihre Schilder wieder ein. Auf einem ist noch zu lesen: "Israel ist nicht Bibi."

© SZ vom 31.08.2020/jael
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