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Israel nach Ariel Scharon:Ära der großen Männer

Ariel Scharon, Lily Scharon

Verehrt als "Vater der Nation": Ariel Scharon mit Frau Lily (Archivbild von 1982).

(Foto: dpa)

Ariel Scharon hat sein Land als Soldat verteidigt, er hat Israel auf seiner Farm zum Blühen gebracht und es als Ministerpräsident regiert. Sein Tod beendet die Ära der starken Männer - und gibt den Blick frei auf den aktuellen Regierungschef Netanjahu, dessen Weg ohne Vision und Ziel erscheint.

Nun wird er als "Löwe" gefeiert, als "Held", als "Vater der Nation". Israel trauert wort- und tränenreich um den zu Lebzeiten heftig umstrittenen Ariel Scharon. Doch in den Nachrufen wird nicht nur einem herausragenden Machtmenschen gehuldigt.

Es spiegelt sich darin auch Israels spezielle Sehnsucht nach den starken Männern, nach jenen überlebensgroßen Figuren, die Geschichte machen - wenn es sein muss, auch mit der bloßen Hand. Mit Scharon wird zugleich die Ära dieser Männer zu Grabe getragen. Und das ist es, was diesen Abschied für viele noch schmerzhafter macht.

Sieht man einmal vom 90-jährigen Präsidenten Schimon Peres ab, der bis zum Beweis des Gegenteils als unsterblich gelten darf, so ist Scharon tatsächlich der letzte Politiker aus der Gründergeneration gewesen. Anders jedoch als Peres, der von seinen Landsleuten seit jeher im Elfenbeinturm der Politiker verortet wird, steht Scharons Leben exemplarisch für Israels Existenzkampf an allen Fronten.

Als junger Soldat im Unabhängigkeitskrieg von 1948 ebenso wie als Befehlshaber in den späteren Schlachten hat er das Land verteidigt. Auf seiner Farm im Negev hat er es zum Blühen gebracht. Und von seinem Amtssitz in Jerusalem aus hat er es regiert. Das macht Scharon zum "Mister Israel", dies ist sein Erbe, das heute für viele all die dunklen Schatten überstrahlt, die diesem Leben auch anhaften: die Gnadenlosigkeit des Generals, die Rücksichtslosigkeit des Politikers.

So sehr Scharon also früher auch die eigene Nation gespalten hat - posthum zumindest wird er nun in eine Reihe gestellt mit David Ben-Gurion oder Jitzchak Rabin. An ihm also müssen sich jetzt auch die Nachfolger messen lassen, und das legt den Blick frei auf eine Misere: Denn der aktuelle Regierungschef Benjamin Netanjahu mag sich vielleicht als Epigone gerieren, ein wirklicher Erbe der Gründerväter aber ist er nicht.

Netanjahus abenteuerlicher Zickzack

Und hinter ihm wirkt es gleich noch finsterer. Da lauern ein bauernschlauer Außenminister, ein wendiger Wirtschaftsminister und ein selbstverliebter Finanzminister auf ihre Aufstiegschancen.

Die Altvorderen hatten aus dem ständigen Existenzkampf heraus eine Vision entwickelt für Israels Zukunft. So hat Menachem Begin mit dem Erzfeind Ägypten Frieden geschlossen, so hat Rabin mit der Faustformel "Land gegen Frieden" den Ausgleich mit den Palästinensern gesucht. Und so hat auch Scharon - selbst wenn die späte Wende auf ewig umstritten bleiben wird - gegen alle Widerstände den Rückzug aus dem Gazastreifen durchgesetzt. Sie alle haben Weitsicht besessen und Entscheidungskraft bewiesen. Dies ist der Stoff, aus dem Staatsmänner sind.

Netanjahu dagegen, der inklusive seiner ersten Amtszeit in den Neunzigern nun schon bald in sein neuntes Regierungsjahr geht, hat bislang keinerlei Spuren in der Geschichte hinterlassen. Sein Weg erscheint als abenteuerlicher Zickzack - ohne Ziel und Vision. Statt einer Strategie setzt er auf wechselnde Taktiken. Statt seiner Bevölkerung die Angst durch eine kluge Politik zu nehmen, schürt er sie und nutzt sie zum Machterhalt.

So kann unter Netanjahu nicht einmal mehr die alte Faustregel gelten, dass es am Ende doch die Rechten sind, die Israel den Frieden bringen. Menachem Begin hatte das bewiesen, Ariel Scharon war es zumindest noch zuzutrauen - beide genossen das Vertrauen der Bevölkerung, die ihnen auf neuen Wegen zu folgen bereit war. Ihre Lebensleistung wurde geachtet.

Netanjahu kann vielleicht Stimmen gewinnen bei der Wahl, aber Vertrauen hat er schon allzu viel verloren. Die Israelis müssen damit leben, dass die Ära der großen Männer vorbei ist. Umso mehr kommt es nun auf jeden Einzelnen an.

Einen Nachruf auf Ariel Scharon von Thorsten Schmitz (Israel-Korrespondent der SZ von 1998 bis 2010) lesen Sie hier.