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Urteil zu Konversion:Oberrabbiner klagen über Urteil

In Israel sind die Orthodoxen tonangebend. Im Bild ein ultraorthodoxer Jude in Jerusalem.

(Foto: Thomas Coex/AFP)

Israels Oberstes Gericht ordnet an, dass der Staat auch nicht orthodoxe Übertritte zum Judentum anerkennen muss. Die religiösen und rechten Parteien sehen dadurch die jüdische Identität Israels gefährdet. Nun setzen sie Premier Netanjahu unter Druck.

Von Peter Münch, Tel Aviv

Israels Oberstes Gericht hat in dieser Woche für einen politischen Sturm gesorgt: Die Richter urteilten, dass der Staat auch Konversionen zum Judentum anerkennen muss, die in Israel von konservativen und reformjüdischen Strömungen durchgeführt wurden. Als Konsequenz daraus haben die Übergetretenen das Recht auf die israelische Staatsbürgerschaft nach dem sogenannten Rückkehrgesetz.

16 Jahre hat das Gericht für diese Urteilsfindung gebraucht. Petitionen dazu waren in den Jahren 2005 und 2006 eingebracht worden. Unter dem Strich, so haben es die israelischen Medien ausgerechnet, profitieren davon auch nur ein paar Dutzend Menschen im Jahr. Doch die Aufregung ist deshalb so groß, weil es bei diesem Richterspruches letztlich ums große Ganze geht: um das Verhältnis zwischen Staat und Religion - und um die Frage: Wer ist ein Jude?

Bisher entschieden orthodoxe Rabbiner über die Anerkennung von Konversionen

Im Kern geht es dabei um einen innerjüdischen Konflikt zwischen orthodoxen und liberalen Strömungen. Die Orthodoxen sind in Israel tonangebend über den sephardischen und den aschkenasischen Oberrabbiner. In den USA aber, wo die weitaus größte Diaspora-Gemeinschaft lebt, dominieren die Reform- und konservativen Bewegungen.

Schon seit 1988 werden Konversionen, die bei diesen Strömungen im Ausland vorgenommen wurden, anerkannt als Voraussetzung für die Einwanderung nach Israel und den Erhalt der Staatsbürgerschaft. In Israel aber hatten bislang allein die orthodoxen Rabbiner das Exklusivrecht auf die Anerkennung der Konversion für die Staatsbürgerschaft.

Dass dies nun vom Obersten Gericht geändert wurde, hat scharfe Kritik aus dem rechten und religiösen Lager hervorgerufen. Der sephardische Oberrabbiner Yitzhak Yosef schimpfte, "was die Reformierten und Konservativen als Konversion bezeichnen, ist nichts als eine Fälschung des Judentums". Der aschkenasische Oberrabbiner David Lau erklärte, solchermaßen Konvertierte seien "keine Juden".

Die Schas-Partei plakatiert ein rassistisches Poster

In den Kampagnenmodus sind sogleich die beiden ultraorthodoxen Parteien Schas und Vereinigtes Torah-Judentum getreten. Ihre Führungsfiguren machten klar, dass eine Rückkehr zur alten Konversionsregelung per Gesetz für sie die Bedingung sei zum Eintritt in eine neue Koalition. Damit setzten sie Premierminister Benjamin Netanjahu gehörig unter Druck, dessen Likud-Partei sogleich das Urteil des Obersten Gerichts als "gefährlich" kritisierte.

Schas und Vereinigtes Torah-Judentum haben die Konversionsfrage sogleich zum Wahlkampfthema gemacht - und dies auf höchst eigentümliche und rassistische Art. Über allem steht die Warnung, das Israel seinen "jüdischen Charakter" verliere durch eine angeblich drohende massenhafte Konversion von Ungläubigen. Die Schas-Partei plakatierte dazu ein Poster, auf dem afrikanische Asylbewerber zu sehen sind, mit dem Aufdruck: "Juden, die vom Obersten Gericht für koscher erklärt wurden." Darunter steht: "Gefahr! Tausende Eindringlinge und ausländische Arbeiter werden durch die reformierte Konversion zu Juden."

Das Vereinigte Torah-Judentum veröffentlichte einen Videoclip mit einem Hund, der mit Kippa und Gebetsschal ausgestattet wurde. Dazu postete die Partei: "Wenn die Frage, wer ein Jude ist, in die Hand des Obersten Gerichts gelegt wird, ist dies das Resultat." In einem Interview mit dem Armeeradio legte der Parteivorsitzende Mosche Gafni noch nach und erklärte, "wenn ich das Hunde-Video gemacht hätte, wäre es noch schärfer geworden".

Oppositionsführer Jair Lapid nahm das zum Anlass für eine wütende Twitter-Replik, in der er Bezug nahm auf das Schicksal seines Vaters, eines ungarischen Holocaust-Überlebenden: "Mein Vater erzählte mir einst von einem Schild, das am Parlamentsgebäude in Budapest angebracht war. Darauf stand: Kein Eintritt für Juden und Hunde", schrieb er. "Antisemiten haben seit ewiger Zeit Juden mit Hunden verglichen - und nun hat sich das Vereinigte Torah-Judentum ihnen angeschlossen. Das ist ekelhaft."

© SZ/edel
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