bedeckt München

Islamischer Staat:In den Trümmern des Kalifats

Der Fotograf Ivor Prickett hat den Kampf gegen den IS im Irak und in Syrien dokumentiert.

Von Moritz Baumstieger

Hochwertige Gestaltung, schweres Papier, gestochen scharfer Druck in satten Farben - und unermessliches menschliches Leid zwischen zwei Buchdeckeln: Bildbände von Kriegsfotografen bilden eine sehr eigene Nische, einerseits irgendwo in der Nähe von Coffee Table Books angesiedelt, andererseits alles andere als seichte Zerstreuung bietend. Der Band "End of the Caliphate", in dem der Fotograf Ivor Prickett seine persönliche Rückschau auf die Schlachten um die IS-Hochburgen Raqqa in Syrien und Mossul im Nordirak vorlegt, fällt in diese Kategorie. Weil Prickett seine Kamera jedoch grundsätzlich eher auf die Befreiten denn auf die Befreier richtet, sich mehr für Zivilisten interessiert als für das Militär, entgeht er dem Vorwurf, Gewalt zu ästhetisieren und deren Opfer als bloße Staffage zu nutzen - für moderne Interpretationen abgeschmackter Schlachtengemälde.

Wie erbarmungslos die Kriege um die beiden wichtigsten Städte des Terrorkalifats geführt wurden, hat Prickett an vorderster Front dokumentiert. Vor allem auch dank der Prominenz seines Auftraggebers - der New York Times - gelang es ihm nach eigener Aussage, an Orte vorzudringen, die für viele Kollegen unerreichbar blieben. Wie fast überall, wo verbissen gekämpft wird, ist ein solches Arbeiten nur im Windschatten militärischer Kräfte möglich. In Mossul konnte Prickett irakische Elitesoldaten begleiten, in Raqqa Einheiten der kurdisch dominierten Kräfte, die jeweils als Bodentruppen der aus der Luft agierenden internationalen Militärkoalition fungierten und die weitaus gefährlichere Aufgabe des Häuserkampfes übernahmen.

Für Prickett wäre es nun leicht gewesen, die Opferbereitschaft und den Heldenmut der späteren Sieger zu zeigen. "End of the Caliphate" zeigt jedoch eher Realitäten, an denen rein gar nichts heroisch ist: Verwundete, die unter Trümmern hervorkriechen, Gruppen von Frauen und Kindern, die Schutz suchen, wo es kaum Schutz gibt, im Kampfgebiet aufgegriffene Männer, die IS-Kämpfer gewesen sein könnten oder Zivilisten - der Betrachter weiß es so wenig wie die Soldaten, die nach kurzer Abwägung jedoch wohl eine folgenreiche Entscheidung treffen werden.

In seiner Dokumentation der Zerschlagung des Kalifats, die die fast vollständige Zerstörung zweier Großstädte zum Preis hatte, blendet Prickett den Tod keinesfalls aus. Sowohl in Raqqa als auch in Mossul wurde tausendfach gestorben, bei Bildern, die das Bergen der Opfer aus den Trümmern zeigen, ist der Betrachter fast froh, dass der aseptische Geruch der Druckerfarbe den visuellen Eindrücken entgegentritt. Und dennoch birgt das Ende des Kalifats auch Neuanfänge: Ein Karussell dreht sich wieder, Kinder baden vor Kulissen der Zerstörung in Euphrat und Tigris, junge Menschen werden auf Schultern getragen. Nicht, weil sie aus dem Krieg heimkehren, sondern aus der wiedereröffneten Universität, als erste Absolventen nach der Katastrophe.

Ivor Prickett: End of the Caliphate. (In englischer Sprache.) Steidl-Verlag, Göttingen 2019. 180 Seiten, 45 Euro.

© SZ vom 09.12.2019
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema