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Irans Reaktion auf Konflikt im Irak:Warum Iran sich gegenüber den IS-Milizen bislang zurückhält

Bisher hat Teheran angesichts der Kämpfe im Nachbarland lediglich ein paar Berater zur Unterstützung der irakischen Kräfte gesandt. Aber das kann sich schnell ändern, sollten die Dschihadisten eine bestimmte Grenze überschreiten.

Von Rudolph Chimelli

Es mag bisher auf den ersten Blick nicht erkennbar gewesen sein. Aber im Umgang mit der Terrorgruppe Islamischer Staat (IS) hat Iran zumindest eine Grenze gezogen. Die IS-Kämpfer, in Teheran wie in der arabischen Welt "Daesch" genannt, dürfen keine der heiligen Stätten der Schiiten gefährden. Als sich die Terroristen dem Heiligtum von Samara, 120 Kilometer nördlich von Bagdad, näherten, unterstützten schiitische Milizen und iranische Revolutionsgarden die irakische Armee erfolgreich bei der Abwehr. Drei Pasdaran, drei Revolutionsgardisten, kamen dabei ums Leben. Gelänge es der Daesch, sich Nadschaf und Kerbela zu nähern, dürfte die Intervention der Iraner erheblich intensiver ausfallen.

Schon bald nach der Einnahme von Mossul durch die IS-Kämpfer entsandte Teheran Nachrichteneinheiten und Aufklärungsdrohnen auf den Raschid-Flugplatz bei Bagdad. Sie liefern seither den Irakern ihre Daten. Offenbar liehen die Iraner den Streitkräften von Premierminister Maliki auch einige Suchoi-Kampfflugzeuge, ob auch mit Piloten ist nicht bekannt.

Teheran sieht den Konflikt vor allem als irakisches Problem

Die Zahl der Pasdaran, die schon in Syrien als Ausbilder und Waffenexperten dem Regime von Präsident Baschar al-Assad Korsettstangen eingezogen hatten, dürfte bisher im Irak 300 Mann nicht übersteigen. Sie unterstehen General Kassem Suleimani, der als Kommandeur der Quds-Brigaden der Pasdaran einer der stärksten Männer des Regimes ist.

Ein früherer iranischer Botschafter in Bagdad, Hossein Kasemi Ghomi, sagt: "Der Terrorismus kennt keine Grenzen. Wenn er im Irak erfolgreich ist, wird er die Sicherheit aller Länder der Region, auch der Islamischen Republik gefährden." Nach Teheraner Analyse ist die IS-Bewegung gleichwohl nicht so stark wie sie in den westlichen Medien erscheint. Nur ein Drittel ihrer Kämpfer kommt danach direkt aus ihren Reihen. Zwei Drittel seien entmachtete Anhänger der Baath-Partei und entlassene Offiziere der Armee von Saddam Hussein. Insgesamt rekrutiere Daesch Kämpfer aus acht oder neun verschiedenen irakischen Gruppierungen.

Zweifel an der Regierung Maliki

Deshalb wird der Konflikt in Teheran vorwiegend als irakisches Problem gesehen. Ausländische Intervention gilt als kontraproduktiv. Obwohl die Iraner im Prinzip bereit sind, jedem Hilferuf Bagdads zu folgen, ziehen sie diskrete Unternehmen vor. Dazu gehört die Mobilisierung schiitischer Milizen, oder auch eine eventuelle Wiederbelebung der Mahdi-Armee des Volkstribunen Moktada al-Sadr. Die Unterstützung der Saudis für Daesch, die erst in allerjüngster Zeit bröckelt, wird in Iran als Grundlage für deren Erfolge betrachtet.

Ein Hauptzweck des Aufstands ist nach dieser Lesart, die Neubildung einer Regierung Maliki zu verhindern. Lange war Maliki ein Mann, dessen Politik auch den Interessen der Iraner diente, ohne dass er ihr Vasall gewesen wäre. Heute scheint Teheran zu zweifeln, dass die Dauerkrise unter ihm gelöst werden kann. Bei der Suche nach einem Nachfolger ist wieder das Plazet der Iraner erforderlich. Groß-Ayatollah Ali al-Sistani, die oberste geistliche Autorität des Irak, nannte es in seiner Freitagspredigt einen "schweren Fehler", wenn Politiker an ihrem Posten klebten. Sistani empfindet politisch meist auf der gleichen Wellenlänge wie Iran.

© SZ vom 09.08.2014
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