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Iranisches Atomprogramm:Teherans Arbeit an der Bombe

Die Atomwächter der IAEA lassen keinen Platz für Zweifel: Iran arbeitet an der Entwicklung von Nuklearwaffen. Teheran beharrt zwar weiter auf seiner Version, lediglich friedliche Absichten zu verfolgen. Doch der IAEA-Bericht zerstört das iranische Märchen und zeigt das wahre Ziel auf.

Hubert Wetzel

Die interessanteste Seite des neuen Berichts zum iranischen Atomprogramm ist die letzte. Darauf ist in einer bunten Graphik anschaulich erklärt, welche Lasten mit einer neuen Raketenspitze transportiert werden könnten, an deren Entwicklung iranische Techniker gearbeitet haben. Die Fachleute der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) kommen zu einem klaren Ergebnis: Wenn Irans Militär eines Tages eine solche umgebaute Geschossspitze verschießen sollte, dann kann es sich bei der Nutzlast nur um einen Atomsprengkopf handeln.

Irans Präsident Ahmadinedschad gibt sich stur: Der IAEA-Bericht zeigt, dass iranische Forscher auf eine Atombombe hinarbeiten. Aus Teheran heißt es weiterhin, man strebe lediglich die friedliche Nutzung von Atomenergie an.

(Foto: AFP)

Die Graphik steht am Ende einer langen Indizienkette, die der Bericht aufführt und die nur einen vernünftigen Schluss zulässt: Teheran arbeitet an Atomwaffen. Zwar fehlt die berühmt-berüchtigte smoking gun, der rauchende Colt, jener unwiderlegbare Beweis also, der Iran der illegalen Atombombenbastelei überführt. Auch enthält der Bericht kein Wort darüber, ob oder wann Teheran tatsächlich eine funktionierende Bombe bauen könnte. Dazu eine Einschätzung abzugeben, war der Wiener Behörde inmitten der anschwellenden Debatte über einen westlichen Präventivangriff wohl zu gefährlich.

Doch es sind starke Hinweise, die der IAEA vorliegen. Stimmen die Erkenntnisse - und die Atombehörde hat bisher noch keinen Anlass dazu gegeben, ihrer Arbeit zu misstrauen - dann hat Iran mindestens bis zum Jahr 2009, vielleicht bis 2010, an der Entwicklung einer Nuklearwaffe gearbeitet. Die Forschung deckt laut IAEA alle Bereiche des Bombenbaus ab - die gesamte Laufbahn einer Atomrakete, wenn man so will, von der Entwicklung des Sprengkopfs bis zum Einschlag.

Seit Jahren schon reichert Iran Uran an, neben Plutonium einer der möglichen Spaltstoffe für eine Bombe. Die IAEA-Inspektoren haben Hinweise darauf gefunden, dass Teheran an der Herstellung von Halbkugeln aus Uran-Metall arbeitet, wie sie für den Bau von Atomwaffen benötigt werden. Zudem haben sich Irans Ingenieure Wissen über Sprengtechniken verschafft, die man für Atombombenzünder braucht.

Dem Bericht zufolge hat Teheran verdächtige Sprengversuche durchgeführt und - ein Indiz, das für die IAEA besondere schwer wiegt - einen Test vorbereitet, bei dem eine nukleare Explosion nachgestellt wird, um bestimmte Bauteile eines Sprengkopfes zu überprüfen. Sogar einen echten Atomtest soll Teheran geplant haben: Darauf weisen nach Ansicht der IAEA iranische Dokumente hin, in denen die nötigen Sicherheitsvorkehrungen erklärt werden.

Daneben haben Teherans Techniker offenbar daran gearbeitet, die Nutzlastkammer einer Shahab-3-Rakete so umzubauen, dass sie einen Atomsprengkopf heil ins All und wieder zurück zu einem Ziel auf der Erde transportieren kann. Die Shahab-3 fliegt etwa 1500 bis 2000 Kilometer weit, kann also Israel erreichen.

Als letzten verdächtigen Hinweis führt der Bericht Forschungsarbeiten an einem Zündmechanismus an, durch den es ermöglicht werden soll, die Nutzlast der Raketen hoch in der Luft über dem Ziel explodieren zu lassen. Fachleute nennen das einen air burst. Diese Art der Detonation ist bei Nuklearwaffen üblich, weil die Druckwelle so besonders zerstörerisch wirkt.

Teheran weist alle Vorwürfe von sich - ignoriert jedoch zugleich alle Bitten der Atombehörde um Aufklärung. Die verdächtigen Anlagen bleiben den IAEA-Mitarbeitern versperrt. Sämtliche belastenden Dokumente bezeichnet das iranische Regime rundweg als Fälschungen, als zionistische Propaganda und CIA-Fabrikate.

Glaubt man Iran, dann stellt sich die Sache so dar: In Wahrheit arbeiten friedliche Techniker unter großer Geheimhaltung an irgendeiner Wundermaschine, deren segensreichen Zweck nur ein kleiner Zirkel Mächtiger kennt und den diese dem missgünstigen Westen nicht verraten dürfen. Wer den IAEA-Bericht gelesen hat, mag an dieses orientalische Märchen nicht mehr glauben.

© SZ vom 10.11.2011/infu

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