Terror in Europa Angst vor Irans Killerkommandos

In der Nähe von Brüssel im Juli 2018: Ein Roboter sucht ein Auto nach einer Bombe ab. Es gehörte einem Ehepaar, das einen Anschlag auf einen Kongress der "Volksmudschahedin" geplant haben soll.

(Foto: imago/CrowdSpark)
  • Bei den Geheimdiensten in Europa gibt es die Sorge, dass Iran Mordkommandos in die Welt schickt, um Regimegegner zu töten.
  • Die kriminalistischen Befunde sind eindeutig, die Motivation des Regimes ist unklar.
  • Unter diesen Umständen wäre es für die Europäer schwer, am Atomdeal festzuhalten.
Von Florian Flade und Georg Mascolo

Es gibt zwei Worte, die gemeinsam ausgesprochen größte Beunruhigung unter Regierungen in Europa auslösen: Iran und Staatsterrorismus. Wie kein anderes Land zuvor und danach schickten die Mullahs in den vergangenen Jahrzehnten Mordkommandos los, um Regimegegner überall zu ermorden. Mehr als 60 versuchte und vollendete Anschläge, etliche davon in Europa, zählte die CIA zwischen 1979 und 1994.

Lange schien dies wie ein düsteres Kapitel aus dem Geschichtsbuch zu sein, denn kurz darauf endete die Mordserie. Ein Attentat auf vier iranisch-kurdische Exilpolitiker im Berliner Lokal "Mykonos" 1992 führte fast zum Abbruch der diplomatischen Beziehungen zwischen Iran und Deutschland. Teheran erkannte, dass der Preis für solche Terrortaten zu hoch ist.

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Inzwischen stellt sich die Frage, ob diese Lehre so noch gilt. Bis hinauf ins Kanzleramt existiert die Sorge, dass Iran wieder Mordkommandos losgeschickt hat. Und überall in Europa stellen sich die Geheimdienste die Frage, ob dies nur der Anfang ist. Droht bei einer weiteren Zuspitzung des Konflikts zwischen Teheran und Washington also eine neue Welle iranischer Anschläge? An der Antwort hängt viel: Die Europäer versuchen ja trotz des enormen Drucks der USA, am Atomdeal festzuhalten. "Wenn das Regime aber zu solchen Methoden greift, wird das sehr, sehr schwer", sagt ein deutscher Spitzenbeamter.

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In Frankreich und Dänemark sollen erst vor Kurzem Attentate verhindert worden sein. In den Niederlanden nehmen Ermittler sogar an, dass Kommandos bereits zugeschlagen haben. Und in Deutschland sind offenbar Spione auf der Suche nach Zielen. Anfangs überwog in den Behörden noch die Skepsis: Eine Rückkehr zu solchen Methoden mache eigentlich für das Regime keinen Sinn - warum sollte man gerade die Europäer wieder gegen sich aufbringen? Und Teheran dementiert vehement eine Verwicklung in die Terrorakte.

Doch inzwischen haben Europas Geheimdienste Dossiers zusammengetragen: Darin geht es um geplante Sprengstoffanschläge, um Exekutionen auf offener Straße, die Bespitzelung von Politikern und um Hackerangriffe auf Hochschulen, Forschungszentren und Firmen. Oft, so die These der Ermittler, gehe es den Iranern wohl darum, Personen oder Einrichtungen ausfindig zu machen, die angegriffen werden können - sollte es beispielsweise zu einer kriegerischen Auseinandersetzung mit Israel oder den USA kommen.

Reinhold Robbe war wohl ein solches Ziel. Monatelang wurde der SPD-Politiker, Ex-Wehrbeauftragter und Ex-Präsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft von dem Pakistaner Syed Mustafa H. bespitzelt. Der Agent, der 2017 in Berlin zu vier Jahren und drei Monaten Gefängnis verurteilt wurde, hatte für den iranischen Geheimdienst Informationen über Robbe gesammelt, heimlich Fotos gemacht und Power-Point-Präsentationen angefertigt.

Mögliche Ziele ausgespäht haben sollen auch zehn Männer aus Afghanistan, Pakistan und der Türkei, gegen die die Bundesanwaltschaft ermittelt. Sie sollen im Auftrag der Al-Quds-Force, der Spezialeinheit der iranischen Revolutionsgarden, unterwegs gewesen sein. Im Frühjahr 2018 durchsuchten Polizeibeamte in mehreren Bundesländern deshalb Wohnung und Restaurants. Die Ermittlungen dauern an.