Iran:Der unerklärte Krieg

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Aufnahmen wie diese sollen den Angriff auf eine Raketenfabrik im iranischen Isfahan zeigen. (Foto: Wana News Agency/Reuters)

Irans Regime gibt sich nach den Luftangriffen auf die Revolutionsgarden betont gelassen. Doch hinter den Kulissen der Propaganda rüstet es für eine Eskalation. Auch in Europa.

Von Mirco Keilberth, Tunis

Nach den Luftangriffen von bisher nicht identifizierten Drohnen auf militärische Einrichtungen und industrielle Produktionsstätten in Isfahan und anderen iranischen Städten ist das Ausmaß der Zerstörung weiterhin unklar. Am vergangenen Samstag hatten Augenzeugen mindestens eine massive Explosion im Zentrum der Industriestadt gefilmt. Laut einem Bericht der New York Times könnte der israelische Geheimdienst Mossad die vom Regime in Isfahan massiv ausgebaute Raketenproduktion ins Visier genommen haben. Angeblich waren die Drohnen auf einer Militärbasis in Aserbaidschan gestartet. Auch die Times of Israel und andere israelische Medien vermuten, dass die Produktionsstätten der Mittelstreckenrakete Shahab getroffen und zerstört wurden.

Mit dem von iranischen Ingenieuren entwickelten Waffensystem könnten Städte in Israel getroffen werden. Die Regierung in Kiew warnte in der Vergangenheit vor einer massenhaften Lieferung der Raketen an die russische Armee. Bisher waren aufseiten der russischen Einheiten nur die ebenfalls in Isfahan hergestellten Kamikaze-Drohnen des Typs Shahed 136 im Einsatz. "Kriegslogik ist erbarmungslos und mörderisch. Sie zieht die Urheber & Komplizen konsequent zur Rechenschaft", twitterte der ukrainische Präsidentenberater Mychajlo Podoljak. "Explosive Nacht in Iran - Drohnen- und Raketenproduktion, Ölraffinerien. Haben euch gewarnt."

"Zumindest kristallisiert sich nun heraus wer überhaupt gegen wen kämpft."

Das iranische Verteidigungsministerium zeigte am Sonntag im Staatsfernsehen die Reste von drei Drohnen auf dem Dach einer Shahed-Produktionsstätte. Zwei seien abgeschossen worden, die dritte habe nur geringe Schäden angerichtet, so ein Regierungssprecher. Die Aufnahmen zeigen auch Stahlnetze, die zum Schutz vor Drohnenattacken über den Dächern der Produktionsanlagen angebracht wurden. Die von London über Iran berichtende Nachrichtenagentur Iran International zitiert Augenzeugen, die drei oder vier Explosionen und panisch fliehende Revolutionsgardisten gesehen haben wollen. "Es ist wie ein unerklärter Krieg in Zeitlupe", kommentiert ein Oppositioneller aus Teheran den Schlagabtausch der SZ am Telefon. "Aber zumindest kristallisiert sich nun heraus, wer überhaupt gegen wen kämpft."

Schon im Juni 2021 war eine Produktionsstätte für Zentrifugen in der Stadt Karadsch von Drohnen unbekannter Herkunft angegriffen worden. Die Zentrifugen werden zur Anreicherung von Uran genutzt. Im Februar 2022 wurde eine Drohnen-Fabrik in Kermanshah von unbekannten Flugobjekten bombardiert. Regierungskreise in Washington lehnen jede Verantwortung für die Angriffe in Iran ab, die israelische Regierung äußert sich grundsätzlich nicht zu klandestinen Einsätzen ihrer Streitkräfte. Immerhin hatte Benjamin Netanjahus Amtsvorgänger Naftali Bennett im vergangenen Herbst Angriffe in Iran angekündigt. "Die iranischen Terroraktionen werden ab jetzt einen Preis haben", so Bennett, der die iranischen Revolutionsgarden für Mordversuche an Israelis auf Zypern und in der Türkei verantwortlich macht. Seitdem der Kommandeur für Auslandseinsätze der Revolutionsgarden, Hassan Sayyad Khodaei, im Mai letzten Jahres vor seinem Haus in Teheran erschossen wurde, eskaliert die Lage.

Die US-Botschaft in Istanbul warnt am Montag auf ihrer Webseite vor möglichen Racheakten auf Kirchen, Synagogen oder diplomatische Einrichtungen. Westliche Staatsbürger sollten auch Menschenansammlungen meiden. Die Sicherheitsmaßnahmen von vielen diplomatischen Einrichtungen im gesamten Nahen Osten wurden in den letzten Wochen verstärkt. Denn in sozialen Medien herrscht Wut nach der Kommandoaktion der israelischen Armee in dem palästinensischen Flüchtlingslager Jenin mit zehn Toten, der Verbrennung eines Korans durch Rechtsextreme in Schweden und dem Luftangriff auf die Revolutionsgarden. Sicherheitsexperten wie Olivier Guitta beobachten, wie staatliche iranische Medien und Blogger nun zum Gegenangriff blasen.

Die britische Anti-Terror-Polizei hat iranische Oppositionelle in Großbritannien gewarnt

"Trotz der Wirtschaftsmisere wurde der Jahresetat der Revolutionsgarden für 2023 um 28 Prozent auf drei Milliarden Dollar erhöht", so Guitta. Die Auslandsabteilung hätte Geheimprogramme zur Einschüchterung und Entführung von Oppositionellen intensiviert. In deren Visier standen bisher besonders in Großbritannien lebende iranisch-britische Journalisten und Kritiker. Der Chef des Inlandsgeheimdienstes MI 5, Ken McCallum, beklagte im letzten Jahr, dass Irans "aggressive Geheimdienste die Grenze zu Terrorattacken gegen Regimegegner überschritten hätten."

Die britische Anti-Terror-Polizei hat bereits Hunderte iranische Oppositionelle in Großbritannien vor Entführungen und der Verschleppung nach Iran gewarnt. Nach der Offenlegung von Mordplänen gegen iranische Journalisten haben die Revolutionsgarden offenbar ihre Taktik geändert und heuern nach Erkenntnissen von Olivier Guitta nun Kriminelle an. Guitta glaubt, dass die Garden so aktiv wie nie zuvor seien. "Der merkwürdige Fund von einer kleinen Menge von nuklearem Material am Flughafen Heathrow sollte uns zu denken geben", so Guitta. Das Paket kam aus Pakistan und war an einen Iraner in Großbritannien adressiert. "Es wird sich zeigen, ob dies der Probelauf für einen Anschlag war oder nicht."

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