Zukunftsangst "Die Furcht vor dem sozialen Abstieg ist unabhängig vom sozialen Status"

AfD-Demo in Berlin: Es mag ihnen noch so gut gehen - viele Deutsche haben dennoch Angst vor der Zukunft.

(Foto: imago/IPON)

Viele Deutsche haben Angst vor der Zukunft und reagieren neidisch auf Flüchtlinge. Berater Jérémie Gagné erklärt, wie die Politik darauf reagieren sollte.

Interview von Tobias Dirr

Werden es meine Kinder mal besser haben als ich? Wie sieht es mit der eigenen Alterssicherung aus? Man kann sehr gut situiert sein und dennoch Angst haben, seinen Besitz zu verlieren, sagt Politkberater Jérémie Gagné. Im Interview erklärt er, wie die Politik solchen Existenzängsten begegnen sollte und warum es besonders viele Pessimisten in den Reihen der AfD-Wähler gibt.

SZ: Die Wirtschaft wächst, die Arbeitslosigkeit ist niedrig. Deutschland geht es so gut wie lange nicht, aber immer mehr Menschen haben Angst vor dem sozialen Abstieg, wie passt das zusammen?

Jérémie Gagné: Das ist tatsächlich ein interessantes Doppelphänomen. Eine Mehrheit der Bevölkerung glaubt zwar, dass es Deutschland in den nächsten paar Jahren weiterhin wirtschaftlich gut gehen wird. Die nähere Zukunft erscheint noch relativ sicher. Aber was später sein wird, darüber herrscht große Unsicherheit. Gerade die längerfristigen Sorgen sind sehr stark ausgeprägt: Werden es meine Kinder mal besser haben als ich? Wie sieht es mit der eigenen Alterssicherung aus? Weil zudem staatliche Sicherungsmechanismen häufig nicht mehr als zuverlässig wahrgenommen werden, macht sich das Gefühl breit, auf sich alleine gestellt zu sein.

Sind von dieser Angst nur die finanziell Schwachen betroffen?

Natürlich leiden Menschen, die bereits in prekären Umständen leben, nochmal besonders unter einer negativen Zukunftsaussicht. Es ist aber auch so, dass sich bei manchen gutgestellten Teilen der Bevölkerung eine massive Verunsicherung breit macht. Zukunftsängste sind nicht zwangsläufig verbunden mit der derzeitigen eigenen Situation. Man kann sehr gut situiert sein und dennoch Angst haben, seine Besitzstände zu verlieren. Die Furcht vor dem sozialen Abstieg ist also oftmals unabhängig vom sozialen Status.

Welche Rolle spielt hier die Zuwanderung? Befeuert sie diese Ängste?

Das geht auf jeden Fall Hand in Hand. Wir können erkennen, dass Personen, die sich sehr große Sorgen um ihre eigene Zukunft machen, in der Tendenz größere Vorbehalte gegenüber Flüchtlingen und Migranten haben. Jene Bevölkerungsteile, die zuversichtlicher in die Zukunft blicken, sind auch offener gegenüber Zuwanderern. Das schafft wiederum eine doppelte Verständnisbarriere, weil Personen, die sich für die Aufnahme von Flüchtlingen aussprechen, häufig einen ganz anderen Blick auf die Gesellschaft haben. Sie denken, dass man etwaige Probleme schon in den Griff kriegen wird. Während Personen, die sich starke Sorgen machen, eben an diese Gestaltungsfähigkeit, an diese positive Entwicklung gar nicht glauben mögen.

Haben AfD-Wähler eine pessimistischere Sicht auf die Welt?

In ihrem Profil sind AfD-Wähler durch die Bank deutlich pessimistischer als der gesamte Durchschnitt der Bevölkerung. Das gilt für die eigene persönliche Lage genauso wie für den Zustand des politischen Systems. Unter AfD-Wählern messen wir ganz deutlich: Verunsicherung und das Gefühl von Kontrollverlust. Und die AfD reagiert genau darauf und verspricht über den Topos der Begrenzung von Zuwanderung, Kontrolle zurückzugewinnen.

Aber warum betrachten manche gerade Flüchtlinge als Konkurrenten, obwohl diese objektiv gesehen deutlich weniger besitzen als sie selbst?

Solche Ressentiments beruhen nicht auf einem objektiven Vergleich der eigenen mit den Lebensverhältnissen der Flüchtlinge, sondern oftmals auf dem Eindruck, als Bürger von der Politik vernachlässigt zu werden. Das Gefühl, nicht gehört, nicht gesehen, nicht umsorgt zu sein. Viele Menschen wollen von der Politik behütet und geborgen sein. In dieser Gemengelage wirkt dann jede noch so geringe Sozialleistung für Flüchtlinge, ob Geld oder Sachleistung, toxisch. Als angebliche Ungleichbehandlung.

Wie sollte die Politik dann aber reagieren?

Schwer zu sagen. Aber womöglich wäre es wichtig, den Blick wegzulenken von dem Vergleich mit Flüchtlingen. Die Politik sollte Alltagssorgen konsequent aufgreifen und deutlich machen: Wir versuchen, eure Lebenslage zu verbessern - zum Beispiel hinsichtlich des Arbeitsmarktes, der Alterssicherung, der Wohnungssituation und hinsichtlich des Niveaus von Löhnen.

Bedeutet das nicht auch, deutlicher auf die Chancen zu verweisen?

Das ist ein sehr wichtiger Punkt. Das positive Narrativ, um die Zukunftshoffnung wieder zu beleben, die vielerorts verloren gegangen ist. Aber das muss glaubhaft geschehen. Bei Menschen, die stark von Misstrauen gegenüber dem politischen System geprägt sind, reicht das Beschwören einer positiven Zukunft nicht aus. Da muss die Politik handeln und konkrete Verbesserungen im Leben von Menschen zeitigen und auch nachweisen. Mit Rhetorik alleine geht das nicht. Dann sagen die Leute: Die Botschaft hör' ich wohl, allein mir fehlt der Glaube.

Vor dem politischen Handeln steht aber doch die Botschaft. Muss vielleicht zunächst die Erzählung besser werden, um zu den Menschen durchzudringen?

Auf jeden Fall. Viele Menschen sagen: Es braucht jetzt den großen Wurf. Eine Änderung bei dieser Steuer hier, eine Neuregelung bei der Rente da, damit ist es nicht mehr getan. Wir haben ja zudem das Problem, dass die Kommunikationswege diverser und komplizierter werden - bei all den Filterblasen und Echokammern kommen Einzelmaßnahmen teils gar nicht mehr bei den Menschen an. Sie können sehr viele Dinge verbessern. Und trotzdem kann beim Bürger das Gefühl bleiben, dass nichts getan wird. Weil keine Geschichte erzählt wird, zu der man gehören will.

Und wie lautet die Geschichte der AfD?

Die besetzt eben das Thema Flüchtlingspolitik. Jedes Mal, wenn darüber gesprochen wird, geht es zumindest indirekt auch um die AfD. So kann sich die Partei permanent als jene radikale Kraft inszenieren, die die vermeintlich deutlichen Antworten einfordert. Während sie allen anderen Parteien vorwirft, nicht im Sinne der Bürger zu handeln.

Jérémie Gagné ist Leiter Politische Analyse bei der Politikberatung Policy Matters. Zuvor war er Projektmanager der Bertelsmann Stiftung im Bereich Demokratie und Nichtwählerforschung. Er ist Co-Autor einer Studie, die im Auftrag der Hans-Böckler-Stiftung herausfinden sollte, wie sich die soziale Situation von Menschen auf deren rechtspopulistische Orientierung auswirkt.

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