Meng Hongwei Der mysteriöse Fall des Interpol-Präsidenten

  • Der verschwundene Chef der internationalen Polizeiorganisaton Interpol Meng ist zurückgetreten.
  • Zuvor teilte Peking mit, Meng stehe "unter Aufsicht". China bezichtigt ihn der Korruption.
  • Interpol scheint nicht mit einer Rückkehr Mengs zu rechnen.
Von Lea Deuber, Peking

Ein "Bauherr des Weltfriedens" sei sein Land, hat ein Sprecher des chinesischen Außenministeriums vergangenen Freitag verkündet. Das war die offizielle Reaktion der Regierung in Peking auf die harsche Kritik von US-Vizepräsident Mike Pence. Dieser hatte China bei einer Rede im Hudson Institute in Washington vorgeworfen, westliche Systeme zu untergraben und multilaterale Organisationen zu schwächen.

Noch am selben Tag folgte dann eine Nachricht aus Frankreich: Interpol-Chef Meng Hongwei wird vermisst. Der erste Chinese auf der Chefposition der internationalen Polizeibehörde war auf einer Reise in seinem Heimatland plötzlich nicht mehr zu erreichen. Seine Frau, die in Lyon lebt, dem Sitz von Interpol, hatte nach seiner Landung in Peking vergeblich versucht, Kontakt mit ihm aufzunehmen. In seiner Rolle als Interpol-Chef trat er zuletzt im August auf, bis 2020 sollte er der Organisation vorsitzen.

Interpol in Frankreich verlangte eine Erklärung.

Am Sonntagabend dann die Nachricht aus Peking: Gegen Meng werde wegen mutmaßlicher Gesetzesverstöße ermittelt, teilte die Disziplinarbehörde der Kommunistischen Partei mit. Diese Behörde ist für die Verfolgung von Korruption zuständig. Er stehe unter "Aufsicht", hieß es. Kurz darauf folgte die Mitteilung, Meng Hongwei trete als Interpol-Chef zurück. Am Montag teilte das chinesische Sicherheitsministerium schließlich mit, Meng habe "Bestechungsgelder angenommen" und werde verdächtigt, "gegen das Gesetz verstoßen" zu haben.

2004 wurde Meng Vizeminister für öffentliche Sicherheit in China

Meng Hongwei, 64, stammt aus der Stadt Harbin im Nordosten Chinas. Bis Anfang der 1970er-Jahre studierte er Jura in Peking. Nach drei Jahren im Berufsleben trat er in die Kommunistische Partei ein - und machte schnell Karriere in den Staatssicherheitsbehörden des Landes. Zwischenzeitlich saß er stellvertretend der nationalen Kontrollkommission für Betäubungsmittel vor, dann war er Generaldirektor der Küstenwache. 2004 wurde er Vizeminister für öffentliche Sicherheit und stellvertretender Chef der bewaffneten Volkspolizei. Die Einheit ist für die Niederschlagung von Unruhen zuständig.

Die Ernennung zum Interpol-Präsidenten 2016 war eine besondere Auszeichnung für den Parteikader, die Vergabe des Spitzenpostens an China ein außenpolitischer Erfolg für Präsident Xi Jinping. Systematisch versucht dieser seit seinem Amtsantritt 2013, den Einfluss seines Landes in internationalen Gremien zu stärken. China wolle nun "mehr Verantwortung" übernehmen, erklärte Peking beim Antritt Mengs. Erst vor einem Jahr war Xi bei der Generalversammlung von Interpol aufgetreten und hatte gesagt, dass kein Land sich von anderen Staaten distanzieren und alle seine Probleme alleine lösen könne. Die Ernennung Mengs hatte trotzdem heftige Kritik ausgelöst. Menschenrechtsorganisationen fürchteten den Einfluss Chinas in der Behörde. Das Land hatte die Dienste von Interpol mehrfach dazu missbraucht, um Dissidenten im Ausland festzunehmen.

Die Interpol-Generalversammlung soll im November einen Nachfolger wählen

Dass ein Parteifunktionär in China verschwindet, ist keine Seltenheit. "Shuanggui" nennt sich das Disziplinarverfahren der Kommunistischen Partei, bei dem Verdächtige für eine unbestimmte Dauer an einem geheimen Ort verhört werden. Ohne Zugang zu einem Anwalt und Kontakt zur Familie werden die Entführten zu Geständnissen gezwungen. Bereits im April hatte Meng, der neben seinem Posten als Interpol-Chef noch immer Vizeminister für öffentliche Sicherheit in China ist, seinen Sitz im Zentralkomitee verloren, dem obersten Entscheidungsgremium der Regierung. Meng galt als Schützling von Zhou Yongkang. 2014 wurde Zhou wegen Korruption und Machtmissbrauch zu lebenslanger Haft verurteilt. Wohl auch, weil Xi ihn als Widersacher sah.

Interpol scheint indes nicht mit einer Rückkehr Mengs zu rechnen. Die Generalversammlung der internationalen Polizeiorganisation soll im November in Dubai einen Nachfolger wählen. Interpol teilte mit, Vizepräsident Kim Jong Yang aus Südkorea übernehme vorübergehend die Präsidentschaft.

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