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Insider-Bericht:Wieso der Rettungsschirm am Ende 440 Milliarden Euro umfasst

Nachdem am 6. Mai 2010 der Dow-Jones-Index in New York innerhalb von 15 Minuten um 1000 Punkte einbricht, sieht sich die Europäische Zentralbank (EZB) gezwungen, einzugreifen. Am Tag darauf kommen die Chefs der Euro-Länder und der EZB-Chef nach Brüssel. Dort erteilt EZB-Chef Trichet den nationalen Egoisten eine Lehrstunde in Grundlagen der Finanzpolitik. In jener Mainacht 2010 finden die Spitzenpolitiker keine Lösung. Aber Merkel stimmt zu, "alles, was nötig" ist, zu tun, die Notenbank "zu unterstützen". Die endgültige Entscheidung fällt an jenem Sonntag, an dem Merkels CDU die Wahl in Nordrhein-Westfalen verlieren wird.

Am Sonntag, den 9. Mai 2010 fliegt der damalige Finanzstaatssekretär und einflussreiche Unterhändler Jörg Asmussen früh Linie von Berlin nach Brüssel, mit Umsteigen in München. Unterwegs telefoniert er mit dem gesundheitlich angeschlagenen Wolfgang Schäuble, der direkt aus seinem Wahlkreis nach Brüssel reist, dort aber sofort in eine Klinik gebracht werden muss.

Asmussen informiert Merkel über den Ausfall Schäubles. Er wird instruiert, keinesfalls einem Gemeinschaftsinstrument zuzustimmen. In Berlin sucht das Kanzleramt einen Ersatzminister für die Brüsseler Nacht. Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) wäre von der Rangfolge her der Nächste, aber Berlin entscheidet, dass er nicht gefunden werden kann. Statt seiner wird Innenminister Thomas de Maizière (CDU), ein Vertrauter der Kanzlerin, in Dresden ausfindig gemacht, ein Flugzeug hingeschickt, um ihn abzuholen und nach Brüssel zu bringen. Er kommt gegen halb acht abends an.

Thomas de Maizière

Thomas de Maizière

(Foto: dpa)

Bis dahin spielt Asmussen auf Zeit, er stellt Fragen, lässt technische Details klären. Noch während de Maizière anreist, haben die deutschen Unterhändler den von Sarkozy und Barroso verfolgten Plan eines gemeinsam garantierten Fonds verbal getötet. Ein historischer Wortwechsel dringt nach draußen: Der finnische EU-Kommissar Olli Rehn fragt Asmussen, warum Deutschland kein europäisches Gemeinschaftsinstrument will. Asmussen sagt: "Weil wir der Kommission nicht trauen."

Nach hektischen Telefonaten wird der Rettungsfonds EFSF (Europäische Finanzstabilisierungsfazilität) als Zweckgesellschaft privatwirtschaftlicher Natur mit Sitz in Luxemburg und nach Luxemburger Recht gegründet. Er ist der Vorläufer des ESM und ist eine Art GmbH-Hülle, deren Vorteil aus deutscher Sicht ist, dass jeder Gesellschafter "stets und ausschließlich für seinen Kapitalanteil haftet".

Der Fonds wird mit 440 Milliarden Euro ausgestattet. Es ist eine Zahl, die plötzlich aus der Arbeitsabteilung der Euro-Finanzminister auftaucht und deren Entstehung an Edson Arantes do Nascimento erinnert, besser bekannt als brasilianische Fußballerlegende Pelé. Als Pelé eigentlich keine Lust mehr hatte, noch Fußball zu spielen, erreicht ihn der Ruf von Cosmos New York. Auf dem Weg beschließt Pelé, so unverschämt hohe Forderungen zu stellen, dass der Fußballverein nur noch ablehnen könnte - und er keinen Fußball mehr spielen muss. Aber Cosmos New York schlägt unerwartet ein.

Eine ähnlich unerwartete Zustimmung zu scheinbar völlig überzogenen Bedingungen bekommen die Mitglieder aus der Arbeitsabteilung der Euro-Gruppe an jenem Abend aus Deutschland, als sie die Milliardensumme kalkulieren, mit denen der EFSF gefüllt werden soll, um als wirksame Schutzmauer für die Gemeinschaft akzeptiert zu werden.

Ein Sherpa erinnert sich an jene historische Nacht: "Wir haben uns gedacht, 200 Milliarden Euro werden wir brauchen. Und haben kalkuliert, dass die Deutschen von der vorgeschlagenen Summe sicher die Hälfte herunterräumen werden. Dies befürchtend und zugleich wissend, dass nur 100 Milliarden Euro niemals genug sein werden, haben wir die Summe auf 400 Milliarden Euro verdoppelt. Dann haben wir aus irgendeinem Grund noch 10 Prozent draufgeschlagen, um zusammen mit den 60 Milliarden Euro aus dem Fonds der EU-Kommission auf insgesamt 500 Milliarden Euro zu kommen. Und dann waren wir verblüfft, dass die Deutschen nichts abgeräumt haben. So kamen die 440 Milliarden für den EFSF zusammen".

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