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Stadtplanung:Erobert die City zurück!

Coronavirus - Ulm

Im Zentrum wird eingekauft, nicht gelebt und nur selten gefeiert. Die Fußgängerzone in Ulm.

(Foto: dpa)

Das Coronavirus beschleunigt das Sterben der Innenstädte durch die Monokultur des Konsums. Warum es nötig ist, sich das Stadtzentrum zurückzuholen.

Kommentar von Kia Vahland

Lass uns in die Stadt gehen - das heißt zumeist: Lass uns Kleider, Schmuck, Kosmetika aussuchen, Haushalts- und Schreibwaren, Bücher, Spielzeug. Den Kaffee zwischendurch gibt es im Kaufhaus, zum Wein trifft man sich wieder in den Stadtteilen. Denn abends ist die City größtenteils tot - das ist vielleicht nicht in München so, von Herne bis Hamburg aber oftmals durchaus. Im Zentrum wird eingekauft, nicht gelebt und nur selten gefeiert.

So muss das nicht sein, und so wird es nicht länger sein. Denn Corona beschleunigt eine Entwicklung, die längst im Gang war: die Krise der Einkaufsstraßen. Boutiquen, Filialen aller Art litten zuvor schon unter dem boomenden Internetshopping, horrenden Mieten in der City sowie unter immer neuen Kaufhallen auf der grünen Wiese. Nun sagt der Handelsverband Deutschland (HDE): Rund 50 000 Geschäfte könnten dichtmachen; zu befürchten seien 40 Milliarden Euro Umsatzeinbuße.

Das trifft vor allem kleine und mittlere Städte wie Delmenhorst oder Schweinfurt. Auch zu Zeiten, als man noch ohne Mundschutz an Regalen entlangschlenderte, drohte vielen Innenstädten Verödung. Wie im nordrhein-westfälischen Marl etwa: Ambitionierte Stadtplaner hatten hier einst ein modernistisches Ortszentrum mit Brunnen und Parkanlage geschaffen, gruppiert um eine Shoppingmall - die leider mangels Kaufkraft und -lust seit Längerem Tristesse ausstrahlt.

Freiheit war auf einmal die freie Wahl zwischen Pumps oder Turnschuhen

Die Vision der Fußgängerzone wurde in den Sechzigerjahren groß, sie atmet den Geist des westdeutschen Wachstums durch Konsum. Aus dem Flaneur der Vorkriegszeit war ein Schnäppchenjäger geworden, das Lockmittel hieß Schlussverkauf. Die Umkleidekabine wurde zum Ort, an dem sich Identitäten ausprobieren ließen. Freiheit war die freie Wahl zwischen Pumps oder Turnschuhen. Entspannung ließ sich lange verwechseln mit der Illusion, im Überfluss zu schwelgen, als wäre man reicher, als man ist.

All das macht in der Pandemie kaum noch Spaß, und das Haushaltsgeld will in der Krise auch besser eingeteilt werden. Kaufhäuser ringen um ihre Existenz oder schließen, darunter Dutzende Häuser von Galeria Karstadt Kaufhof. Ausländische Touristen sind derweil rar geworden. Und deutsche Reisende werden kaum diese oder jene Kleider unbedingt in Heidelberg kaufen wollen, wenn es die gleiche Ware in den gleichen Läden auch daheim oder im Online-Großhandel gibt. Bis zur Gesichtslosigkeit kommerzialisierte Innenstädte entpuppen sich als genauso langweilig, wie sie schon immer waren, bloß dass dies früher nicht auffiel. Auch nach der Pandemie wird niemand mehr fünf Filialen einer Drogeriekette in einer Innenstadt brauchen. Und im Buchladen ums Eck wird man persönlicher beraten als im dreistöckigen Citygeschäft voller Ratgeber und Kalender.

Es ist löblich, dass sich die Politik nun einschaltet. Nach einigen Initiativen von Ländern und Kommunen hat jetzt Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier versprochen, mit den Akteuren Maßnahmen zu ersinnen, etwa durch Hilfen für das Digitalgeschäft kleiner Unternehmen.

Ein neues Denken ist gefragt, im Rückgriff auf die Ursprünge

Die Lösung kann nicht sein, in den Zentren mit möglichst viel Fördermitteln Ketten am Leben zu erhalten, die dort einst kleine Läden verdrängt haben. Stattdessen ist neues Denken gefragt, im Rückgriff auf die Ursprünge. Europäische Städte entwickelten sich um den Dreiklang von Marktplatz, Rathaus und Kirche. Diese sind auf die eine oder andere Art öffentliche Räume. Immer noch erkennt man am Charakter einer Altstadt sofort, dass man sich in Europa befindet und eben nicht in einer nordamerikanischen Autostadt oder einer jungen asiatischen Hochhausansammlung. Das am Gemeinwesen orientierte Stadtzentrum, auf das sich alle anderen Ortsteile ausrichten, ist Kern des europäischen Selbstverständnisses, im räumlichen wie im politischen Sinne. Hier liegt die Zukunft der City.

Gemeinschaft entsteht durch Begegnung, und die erschöpft sich nicht im Anstehen vor der Kasse. Behagliche Freiflächen mit Grünanlagen und locker platzierten Marktständen sind nötig. Es braucht Ruhepunkte, an denen man, überdacht oder nicht, einfach nur sitzen, reden, lesen oder im Internet surfen kann, mit kostenlosem Wlan. Die Innenstadt muss bessere Gründe als nur den Konsum bieten, warum man sie besuchen sollte.

Wenn sich Abstandsgebote einhalten lassen, bieten sich Freiluftkonzerte an. Ausstellungshäuser gehören in die Zentren, etwa Stadt- und Heimatmuseen. Kaufhäuser lassen sich in Bibliotheken und Jugendzentren verwandeln; Künstler können Freiflächen bespielen. Kommunen sollten Läden zurückkaufen oder aus Beständen günstig an Handwerker vermieten, sodass Schuster und Schreiner herziehen. Größere Räume laden zum Co-Working ein. Und warum nicht Wohnraum schaffen über den Geschäften?

Die Monokultur des Konsums führte zum Sterben der Innenstädte; jetzt aber sollten Bürgerinnen und Bürger diese für ihre diversen Bedürfnisse zurückerobern.

© SZ vom 04.08.2020/tmh
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