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Bildpolitik:Augenmaß und Diskurs statt Rigorismus

Diskussion um Bismarck-Denkmal

Bismarck-Denkmal in Hamburg: In ihren Bildern und historischen Referenzpunkten verortet eine Gesellschaft sich selbst nicht nur in der Geschichte, sondern auch in der Gegenwart.

(Foto: dpa)

Der öffentliche Raum prägt die Gegenwart jeden Tag. Städte und Kommunen müssen genau abwägen, an wen und was hier erinnert werden soll - und darüber Konsens entwickeln.

Kommentar von Kia Vahland

Denkmäler erzählen Geschichten - und zwar die Geschichten der Zeit, in der sie errichtet werden. Otto von Bismarck starb 1898, wer ihn noch in der Weimarer Republik in Stein meißeln ließ, tat dies wohl auch aus Nostalgie zum vordemokratischen Reich mit seinen Vaterfiguren. Und die meisten Statuen, die in Amerika an Sklaventreiber erinnern, entstanden um 1900 oder danach. Über das Unrecht der Sklaverei erfährt man hier nichts, viel dagegen über dessen spätere Verklärung.

Deswegen ist Bild- und Symbolpolitik so relevant: In ihren Bildern und historischen Referenzpunkten verortet eine Gesellschaft sich selbst nicht nur in der Geschichte, sondern auch in der Gegenwart. Populisten wissen das, sie gieren nach Denkmälern, die ihnen Deutungsmacht versprechen. Silvio Berlusconi verwandte Mühe auf sein eigenes Mausoleum, als wäre er ein Condottiere der Renaissance, der von seinen Untaten ablenken muss.

Donald Trump musste erst von antirassistischen Bildkritikern auf die Idee gebracht werden, dass Bronze und Stein vielleicht doch mehr hermachen als ein schneller Tweet. Die Lust am Zeichensetzen der politischen Gegner, etwa deren Umstürzen von Kolumbus-Statuen, stacheln nun seinen Ehrgeiz an, den Unmut über die Ungleichheit zu übertönen. Er ordnete den Bau eines "Nationalgartens amerikanischer Helden" an, in dem unter anderen Ex-Präsident Ronald Reagan verehrt werden soll, sowie der ultrakonservative Richter Antonin Scalia und der evangelikale Prediger Billy Graham. Schwarze "Helden" sind dagegen eine Minderheit, indigene oder asiatischstämmige Vorbilder stehen gar nicht auf Trumps Liste.

Das Ergebnis wird eine Karikatur weißer Selbstherrlichkeit sein, ein Dokument der Ignoranz, das spätere Generationen bestenfalls belächeln werden. Aktuell spaltet die Trump'sche Bildpolitik weiter das Land, und genau das ist ihr Ziel. Keine schwarze Frau, kein Nachfahre von Indigenen soll sich im Heroengarten wiederfinden, ihnen bleibt nur die Wut auf die Verhältnisse. Diese kann sich stellvertretend an Bildern entladen, kann Statuenköpfe rollen lassen und wird dabei doch nur die eigene Ohnmacht spüren, weil symbolische Rache noch keine besseren Lebenschancen bringt.

Was Europa aus diesem Drama lernen kann, ist einmal wieder: versöhnen statt spalten. Der öffentliche Raum braucht in einer Demokratie Konsens, schließlich gehört er allen gleichermaßen. Kulturkampf ist der falsche Ansatz; es geht um das Gemeinsame, auf das eine Gesellschaft sich als Ganzes einigen kann.

Die Bundesrepublik steht Symbolpolitik traditionell eher skeptisch gegenüber, weil das Land im Nationalsozialismus die Erfahrung groß angelegter Manipulation durch Bilder gemacht hat. Das ist verständlich, darf aber nicht dazu führen, Bilderfragen vor lauter Enthaltsamkeit Populisten zu überlassen, die dann mit Schweinsköpfe-Demos und "schützenden" Aufmärschen vor Kolonialdenkmälern den Raum besetzen.

Vielmehr gilt es, en détail zu diskutieren, welche Gedenkstücke - etwa Kriegerehrungen - Tafeln und Gegenbilder benötigen, die sie historisieren und so die Gegenwart doch noch auf Distanz zur Geschichte bringen. Diese Debatte ist in Deutschland nun bei den Straßennamen angekommen, über die in etlichen Städten eigene Kommissionen beraten. Auch hier stellt sich bei jedem Verdächtigen die Frage: Würdigt eine Ehrung der Person auf Briefköpfen und Schildern einen Täter, der nationalsozialistisches, koloniales, anderes Unrecht verantwortet? Oder handelt es sich um historisch gewachsenes Kulturgut, das man nicht ohne Not eigenen Maßstäben unterwerfen sollte?

Jede Kommune muss selbst um diese Fragen ringen. Das ist auch deshalb schwierig, weil sich in der öffentlichen Diskussion Verteidiger des Althergebrachten und Reformer in viel zu harten Fronten gegenüberstehen. Die einen wollen eine "Mohrenstraße" noch retten, obwohl ein solch kolonial anmutender Sprachgebrauch schwarzen Passanten wehtun muss. Die anderen stellen auch eine "Erich-Kästner-Straße" infrage, weil der Schriftsteller während der NS-Zeit nicht emigriert ist. Es ist jedoch illusorisch, von Toten zu verlangen, alle jetzigen Ansprüche zu erfüllen. Genauso naiv wäre es aber, Straßennamen wie Museumsstücke zu behandeln, die lediglich eine andere Zeit bezeugen - schließlich wirken sie im öffentlichen Raum, ganz gegenwärtig.

Bevor eine Spaltung wie in den USA auch hier greift, wäre es wichtig, endlich gemeinsame Kriterien zu entwickeln. Politische Wirksamkeit wäre ein Maßstab: Wer den Tod von Menschen verschuldete oder als Ideologe einen Unrechtsstaat stützte, hat eine andere Schuld auf sich geladen als jemand, dessen private Einstellungen inzwischen veraltet wirken.

Augenmaß, sorgsame Recherche und gut begründete Urteile: Das und kein Rigorismus wird die Akteure der Gegenwart am besten schmücken.

© SZ vom 08.07.2020
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