Präsidentschaftswahl Der Vielvölkerstaat Indonesien ringt um seine Seele

"Jeder Mensch hat doch ein Bedürfnis nach Spiritualität", sagt Shinta Ratri, Anführerin der Transgender-Gemeinschaft in Indonesien.

(Foto: Riccardo Pareggiani/imago/ZUMA Press)

Die anstehende Wahl in Indonesien zeigt: Liberale und konservative Strömungen prallen aufeinander, muslimische Hardliner erstarken. Das bekommen Transgender zu spüren, die eine Koranschule besuchen.

Von Arne Perras, Yogyakarta

Shinta Ratri sitzt am Boden auf der Terrasse ihres Holzhauses, sie hat das große blaue Buch aufgeschlagen und rezitiert Zeile für Zeile. Ihr Arabisch ist etwas holprig, aber dafür hat sie ja ihren Lehrer. Er sitzt ihr gegenüber und verbessert sie geduldig, wenn sie bei der Sure irgendwo hängen bleibt.

Koranunterricht auf der Insel Java: Religionsschulen heißen in Indonesien "Pesantren", es gibt Zehntausende davon im Inselstaat, sie unterweisen Millionen Kinder, aber auch viele Erwachsene im islamischen Glauben. Nur dass es die Schüler, die sich unter dem Dach von Shinta Ratri in der Altstadt von Yogyakarta versammeln, alles andere als leicht haben, sich mit der Lehre des Islam vertraut zu machen. Konservative Muslime protestieren, dass diese Menschen in ihrer islamischen Gemeinschaft nichts verloren hätten, sie ächten Leute wie Shinta Ratri als Sünder, was diese nicht verstehen kann. Wo sie doch alles tut, um eine gute Muslimin zu sein.

Die 58-Jährige lässt sich von ihren Gegnern nicht beirren, jedes Wochenende versammelt sie ihre kleine Gemeinde, die etwa 40 Mitglieder umfasst, wobei ein halbes Dutzend bei ihr wie in einem Internat wohnt. Ibu Shinta, wie sie alle nennen, ist eine Transfrau und leitet eine Koranschule für Transgender.

Soweit sie weiß, ist dies die einzige Einrichtung dieser Art in Indonesien, womöglich weltweit. Ibu Shinta erzählt das mit Stolz. "Jeder Mensch hat doch ein Bedürfnis nach Spiritualität", sagt sie. "Und ich glaube fest daran, dass auch wir als Transgender einen Platz im Islam haben."

Politik Brasilien "Ich muss mein Leben schützen"
Homosexualität in Brasilien

"Ich muss mein Leben schützen"

Der offen schwule Abgeordnete Jean Wyllys legt sein Mandat nieder und verlässt Brasilien. Seit dem Aufstieg des rechtsgerichteten Präsidenten Bolsonaro haben die Attacken auf ihn und andere Homosexuelle zugenommen.   Von Benedikt Peters

"Die konservativen religiösen Strömungen sind stärker geworden"

Fast 90 Prozent der 260 Millionen Bewohner Indonesiens sind Muslime. Am Mittwoch wählen die Bürger des Vielvölkerstaates, der von der Insel Sumatra im Westen bis nach Papua im Osten reicht, einen neuen Präsidenten. Amtsinhaber Joko Widodo kam vor fünf Jahren als hemdsärmeliger Reformer und Star der Jugend an die Macht, er hat gute Chancen, sich eine zweite Amtszeit gegen den Herausforderer, Ex-General Prabowo Subianto, zu sichern. Allerdings fällt auf, dass beide Kandidaten sehr darum bemüht sind, Stimmen unter zunehmend konservativen Muslimen zu sammeln.

Kein Politiker, der Mehrheiten in diesem Land erkämpfen will, kann es sich offenbar noch leisten, an der Religion vorbei Wahlkampf zu betreiben. Führende Politiker wollen als fromme Muslime wahrgenommen werden, sie haben verinnerlicht, dass sich mit religiösen Gefühlen Gefolgschaft mobilisieren lässt. "Der Islam ist ins Zentrum der Gesellschaft gerückt", sagt Munirul Ikhwan, Religionswissenschaftler an der Universität UIN in Yogyakarta. "Und die konservativen religiösen Strömungen sind stärker geworden."

Für Schwule, Lesben, Bisexuelle und Transgender im Land bedeutet dies zunehmenden Stress und Unsicherheit, es gibt immer wieder Hassattacken auf LGBT-Gruppen, auch wenn Ibu Shinta sagt, dass sie schon klarkommen werden, ihr Holzhaus in der Altstadt wirkt wie ein Refugium. Sie kommen, um zu kochen, zu lernen, zu beten. Und um die Sorgen des Alltags zu diskutieren. Die Schule finanziert sich aus Beiträgen von Mitgliedern und Spenden.

Leben und Gesellschaft Der schwule Maharadscha
Indien

Der schwule Maharadscha

Als der indische Prinz Manvendra Singh Gohil vor zwölf Jahren öffentlich machte, dass er Männer liebt, schlug ihm Hass entgegen, seine Eltern enterbten ihn. Zu Besuch bei einem, der sich den Respekt neu erkämpft hat.   Von Lennart Herberhold