Horst Köhler schmeißt hin Präsident Parzival

Horst Köhler hat seine Rolle gesucht und nicht gefunden. Auch in der großen Finanzkrise blieb er, der Spezialist, ein Tor. Er war ein Präsident Parzival, der sich als politisches Staatsoberhaupt profilieren wollte. Doch diesem Anspruch war er nicht gewachsen.

Von Heribert Prantl

Das Amt des Bundespräsidenten war und ist ein Glücksfall in der deutschen Geschichte. Aber dieser Präsident war es nicht. Horst Köhler hat die Chancen, die dieses Amt ihm gegeben hätte, nicht gepackt. Er hat die Sympathien, die ihm aus der Bevölkerung überreich entgegengebracht wurden, nicht genutzt. Fast bis zum Schluss war er ähnlich beliebt wie seine großen Vorgänger Theodor Heuss, Gustav Heinemann und Richard von Weizsäcker. Aber Köhler hat auf dieser Beliebtheit nichts aufbauen können. Er war damit beschäftigt, seine Rolle zu finden. Es ist ihm bis zuletzt nicht geglückt. Er wollte von Anfang an herunter vom präsidialen Podest; das hat den Leuten gefallen. Köhler wollte hinein ins pralle politische Leben. Wer das tut, muss mit Kritik auch aus der Politik rechnen. Köhler hat sie nicht verkraftet. Nun ist er vom Podest heruntergestürzt. Er hat sich selbst gestürzt.

Die letzte, verhängnisvolle Dienstreise: Nach seinem Truppenbesuch in Afghanistan vor etwas mehr als einer Woche erklärte Horst Köhler in einem Interview, deutsche Militäreinsätze seien im Prinzip auch mit wirtschaftlichen Gründen zu rechtfertigen. Die Kritik daran nahm er zum Anlass für seinen Rücktritt.

(Foto: rtr)

Das Grundgesetz hat das Staatsoberhaupt geschaffen wie Gott den Adam: nackt und bloß. Der Bundespräsident hat keine festgeschriebene Macht. Das Amt ist wenig, die Person ist alles. Die Mütter und Väter des Grundgesetzes wollten es aus unseliger historischer Erfahrung so. Und die Bundesrepublik ist mit der eingeschränkten Rolle ihres Präsidenten gut gefahren. Der machtlose Präsident gehört zum Mobile der deutschen Verfassungsorgane. Horst Köhler ist gescheitert, weil er diese Machtlosigkeit nicht akzeptieren wollte. Er wollte mehr, als das Amt hergab, und das, was das Amt hergab, füllte er nicht aus.

Die Macht des Bundespräsidenten ist seine virtuos praktizierte Machtlosigkeit. Der Bundespräsident repräsentiert das Land, er kann zum Nachdenken anregen, er kann das Klima in Staat und Gesellschaft beeinflussen - wenn, ja wenn er reden kann und etwas zu sagen hat. Der blitzende Diskurs war aber nicht die Spezialität von Horst Köhler. Und große Streitfragen intellektuell ins Schweben zu bringen - auch das war seine Sache nicht. Sein Trachten ging daher von Anfang an dahin, als Präsident der Tat sich in die Politik einzuschalten.

Er fand nicht viel Gefallen daran, die fehlende Macht des Amtes durch persönliche Autorität auszugleichen. Er wollte mitmischen. Schon bald nach seinem Amtsantritt brachte er sich daher als eine Art Schlichter im Föderalismus-Streit ins Gespräch. Er wollte nicht nur im Hintergrund raten, sondern operativ tätig sein. Er wollte nicht nur ein politischer Präsident sein, sondern selber Politik machen. Aber es funktionierte nicht so, wie er wollte.

Er ging in die Talkshow von Sabine Christiansen, er schlug vor, den Bundespräsidenten künftig vom Volk wählen zu lassen. Aber er hatte kaum Echo. Also besann er sich darauf, die einzige starke Kompetenz, die das Grundgesetz ihm einräumt, als Trumpf auszuspielen: Ohne seine Unterschrift kann kein Gesetz in Kraft treten. Dieses Recht reklamierte Köhler immer intensiver. Er wollte das als mutigen Akt respektiert wissen, fand aber in der Politik diesen Respekt zu wenig.

Reaktionen zum Rücktritt von Horst Köhler

"Ich bin erschüttert"