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Holocaust in der Ukraine:Als die Kinder nicht weinen durften

Juden in der Ukraine, 1941

Jüdische Ukrainer nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion 1941.

(Foto: Süddeutsche Zeitung Photo)

Drei Historiker haben zahlreiche erschütternde Berichte von Überlebenden des NS-Vernichtungskriegs aus der Ukraine gesammelt.

Rezension von Wolfgang Benz

Das Buch ist in seiner Monumentalität nur mit Claude Lanzmanns Film "Shoah" zu vergleichen. Es folgt mit anderen Mitteln auch der gleichen Intention. Die Herausgeber wollen den Holocaust in Zeugnissen von Geretteten verstehbar machen. Boris Zabarko, 1935 geborener Holocaustüberlebender arbeitete an der Akademie der Wissenschaften in Kiew und war Mitglied der deutsch-sowjetischen Historikerkommission.

Als Kind lebte er im Ghetto Schargorod in Transnistrien, dem unter deutschem Einfluss von Rumänen besetzten Gebiet zwischen Dnjestr und Bug, in das die Juden Bessarabiens, der Bukowina und Nordmoldawiens deportiert wurden. Mitte der 1990er-Jahre begann (vorher war das in der Sowjetunion wohl unerwünscht) Zabarko die Zeugnisse der Überlebenden des Holocaust in der Ukraine zu sammeln und zu publizieren: Berichte, Interviews, Dokumente. 640 Texte in sechs Bänden hat er in russischer Sprache herausgegeben.

Für die knapp 200 Berichte der deutschen Ausgabe zeichnen Margret und Werner Müller mitverantwortlich als Herausgeber. Seit 1994 sind sie mit dem Maximilian-Kolbe-Werk in Polen, Weißrussland und der Ukraine unterwegs, um im persönlichen Kontakt Erinnerungen von Überlebenden aus Ghettos und KZ zu sichern.

Alexandr Schwarz hat als Achtzigjähriger, den Tod vor Augen, einen Albtraum. Es ist in allen Details die Wiederholung des Schreckens, der 1941 mit dem Einmarsch der Deutschen in Lemberg begann. Damals war Alexandr 16 Jahre alt, geriet mit seinem Vater ins berüchtigte Janowska-Lager.

Nach einem Jahr Zwangsarbeit ist der Vater so entkräftet, dass ihn beim Appell ein SS-Mann vor den Augen des Sohnes erschießt. Wieder ein Jahr später steht Alexandr selbst nackt auf dem Exekutionsplatz. Er rettet sich, weil er im richtigen Moment in die Erschießungsgrube springt und reglos unter den Leichen liegen bleibt - bis zum Feierabend der Henker. Dann kriecht er heraus und kehrt ins Lager zurück. Aus dem Kommando, das die Spuren des Judenmords beseitigen soll, indem es Leichen ausgräbt und verbrennt, flieht er, verborgen unter den Kleidern Ermordeter, die ein Lkw in ein anderes Lager bringt.

Dort arbeitet Alexandr, abermals unter den Schikanen der SS, in einem Schrottkommando. Sechs Kameraden erwürgen bei Gelegenheit den Bewacher und fliehen. Drei Monate später ist das Inferno zu Ende. Jetzt erfährt der junge Mann, dass er der einzige Überlebende seiner Familie ist.

Boris Zabarko, Margret Müller, Werner Müller (Hg.): Leben und Tod in der Epoche des Holocaust in der Ukraine. Zeugnisse von Überlebenden. Metropol-Verlag, Berlin 2019. 1152 Seiten, 49 Euro.

Anders als der sperrige Titel erwarten lässt, sind die Botschaften vom Judenmord nicht durch Philologenfleiß und Textkritik erdrückt. Editorische Sorgfalt waltete trotzdem in mustergültiger Weise. Die Herausgeber stellen eingangs Intention und Methode vor und geben die notwendige Information zum Kontext, also zur Ereignisgeschichte und zum Verständnis der räumlichen und administrativen Situation.

Die Berichte der Zeugen des Holocaust sind geografisch gegliedert. Karten und Ortsbeschreibungen erschließen die einzelnen Kapitel, ein Glossar erläutert Termini, Organisationen, Abkürzungen. Die von Natalia Blum-Barth und Christian Ganzer sorgsam aus dem Russischen übersetzten Texte sprechen für sich.

Vor den Augen des Sohnes wird der entkräftete Vater erschossen

David Aschkenase, 1933 in Hamburg geboren als Kind polnisch-jüdischer Eltern, erlebt noch die "Kristallnacht", ehe die Familie Deutschland verlassen muss und sich im Oblast Ternopol bei Verwandten niederlässt. Das Gebiet gehört nach dem Hitler-Stalin-Pakt zur Ukraine. Der Sowjetherrschaft folgt 1941 die deutsche Besatzung mit "Aktionen" gegen Juden und der Internierung im Ghetto. Die Familie versucht im Versteck zu überleben.

Der Vater wird von ukrainischen Banditen erschossen, Mutter und Schwester werden denunziert und enden als Opfer deutscher Mordlust. Der Neunjährige irrt als Waise auf dem Gebiet zwischen Wehrmacht und Roter Armee umher, trifft auf Verräter, findet aber auch Helfer. Da er sich nicht mehr erinnert, wie oft er dem Tod entging, nennt er seinen Bericht "Dreimal erschossen".

Soja Aisina war gerade zur Welt gekommen, als die Wehrmacht in die Ukraine einmarschierte. Sie und ihr vier Jahre älterer Bruder erleben den Holocaust im Gebiet Poltawa, sehen die Erschießung des Großvaters, spüren die Verzweiflung der Mutter, erfahren die Denunziation durch ukrainische Antisemiten, aber auch die Hilfe durch Anständige.

Von der Mutter getrennt lebten die Kinder zuletzt in einem Keller, geschützt von einer hilfsbereiten Familie. Das größte Problem der Helfer war, die Kinder am Weinen zu hindern, wenn die Deutschen nach Juden suchten.

Die Zeugnisse des Leidens, Sterbens und Überlebens bewegen durch ihre Schlichtheit. Die späte Entstehung der Texte bedeutet weder Verlust an Authentizität noch Distanz zum Erlebten, zeigt vielmehr die Fortdauer des Traumas nach dem Judenmord.

© SZ vom 27.04.2020/odg

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