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Holocaust-Gedenken:Warum wir in den Abgrund von Auschwitz blicken müssen

  • Das Gedenken an den 70. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers von Auschwitz ist wichtig. Ein funktionierendes Gemeinwesen braucht solche Zeiten und Orte der kollektiven Erinnerung.
  • Die Ritualisierung der Erinnerung hat aber auch Risiken. Die Zahl derer, die finden, dass es genug sei mit dem Gedenken, ist hoch.
  • Der tiefere Grund für den Wunsch nach einem "Schlussstrich" ist die Angst vor dem Abgrund. Ohne ihn gibt es aber keinen Stolz auf dieses Land, keinen Spaß an der bunt gewordenen Republik.

Man kann nicht fassen, was in Auschwitz geschah. Die Historiker haben die Zahl der Toten geschätzt; die Justiz hat, viel zu spät, die Täter zur Verantwortung zu ziehen versucht. Es gibt die Berichte der Überlebenden, Filme, Bücher, Modelle für den Schulunterricht. Es gibt so viele Erklärungen und doch keine Erklärung.

Warum gab es Menschen, die ihre Intelligenz, ihren Sachverstand, ihre Verwaltungserfahrung nutzten, um Millionen Juden in den Tod zu schicken? Warum die Brutalität der Wächter, die in aller Seelenruhe Menschen erschlugen, die Empfindungslosigkeit der Ärzte mit ihren Menschenversuchen? Und warum haben so viele mitgemacht, gewusst, geahnt, geschwiegen?

Es ist nicht zu fassen, welches Leid Millionen Menschen in Auschwitz angetan wurde. Wer Überlebende trifft, spürt den Abgrund, der sie von den anderen Menschen trennt und über den kein Steg führt. Wenn sie erzählen, steht man da und schaut ins Dunkel.

Auschwitz "Die meisten Deutschen sprachen sich selbst frei"
Gauck-Rede zur Auschwitz-Befreiung

"Die meisten Deutschen sprachen sich selbst frei"

Bundespräsident Gauck geißelt in seiner Rede zum Holocaust-Gedenktag die Verdrängung der NS-Verbrechen in Westdeutschland - und in der DDR. Die Linke bringt er mit einem Kniff auf seine Seite - und für die Pegida-Anhänger hat er eine klare Botschaft.   Von Oliver Das Gupta

Ritualisierung der Erinnerung hat auch ihre Risiken

Wenn nun in Auschwitz, im Deutschen Bundestag, in Israel und überall auf der Welt der Befreiung des Lagers durch die Rote Armee gedacht wird, ist das der Versuch, dem Unfassbaren eine Fassung zu geben, eine Form, einen Ritus. Man kann das als zivilreligiöses Tamtam belächeln. Aber es ist gerade die Form und das Rituelle, das der Trauer einen Raum gibt und den Überlebenden des Lagers einen Ort, an dem sie gehört werden.

Ein funktionierendes Gemeinwesen braucht solche Zeiten und Orte der kollektiven Erinnerung. Solche Rituale formen auch die Politik: Zum Glück steht in Deutschland die Leugnung des Holocausts unter Strafe, werden antisemitische Vorfälle zum Skandal, gehört es zum Grundkonsens, dass es nie wieder Auschwitz geben dürfe.

Ihr Forum Wie kann die Erinnerung an Auschwitz aufrechterhalten werden?
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Wie kann die Erinnerung an Auschwitz aufrechterhalten werden?

Die Schrecken des Holocaust dürfen nicht in Vergessenheit geraten. Doch nur noch wenige Zeitzeugen können selbst aus dieser Zeit berichten. Wie lässt sich die Erinnerungskultur weiter leben?   Diskutieren Sie mit uns.

Die Ritualisierung der Erinnerung hat auch ihre Risiken. Die Riten können hohl werden und der Selbstbeweihräucherung einer politischen Priesterschar dienen, während das Volk sich genervt abwendet. Sie können banal werden: Außer einem Haufen Verrückter findet es irgendwie jeder schlimm, Menschen zu vergasen. Die Riten können missbraucht werden, wie der Streit um Putins Ein- oder Ausladung zur Gedenkfeier in Auschwitz zeigt - und auch die Rede des russischen Präsidenten, der mit Auschwitz den Krieg in der Ostukraine rechtfertigt.

Auschwitz Zeitzeugen berichten von ihrem Martyrium in Auschwitz
Holocaust-Überlebende

Zeitzeugen berichten von ihrem Martyrium in Auschwitz

Maurice musste Latrinen leeren. Magda sammelte Leichen ein. Hugo wurde von SS-Arzt Mengele für Versuche missbraucht. Zum 70. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz: Aussagen von Zeitzeugen, die überlebt haben.   Von Joachim Käppner und Hans von der Hagen

Auch deshalb ist die Zahl derer hoch, die finden, dass es nun genug sei mit dem Gedenken. 81 Prozent der Deutschen würden gerne die Geschichte der Judenverfolgung "hinter sich lassen", 58 Prozent wünschen gar einen "Schlussstrich", wie unter eine Rechnung, nach deren Begleichung man quitt ist - das sagt eine gerade erst veröffentlichte Studie der Bertelsmann-Stiftung.