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Hochschulen in der Pandemie:Wer nichts produziert, hat nichts zu melden

Hochschulen starten ins neue Semester

Sozialer Kontakt nicht möglich: leerer Hörsaal in Magdeburg.

(Foto: Klaus-Dietmar Gabbert/dpa)

Die Politik macht sich in der Pandemie mehr Gedanken über Gartenmärkte und Fußpflege als über die Hochschulen. Das muss aufhören. Ein Appell aus der Universität Münster.

Von Matthias Casper, Kira Kock und Timo Strunz

Seit dem ersten Lockdown im März 2020 sind die Universitäten geschlossen. Vorlesungen und Seminare finden fast ausschließlich online statt. Erst- und Zweitsemesterstudierende haben ihre Alma Mater noch kein einziges Mal von innen gesehen. Oft wohnen sie auch gar nicht an ihrem Studienort, sondern logieren weiterhin im vormaligen Kinderzimmer. Sozialer Kontakt bleibt so aus. Wer für das Sommersemester, das an diesem Montag beginnt, auf Öffnungsperspektiven gehofft hatte, wurde bereits von den Beschlüssen der Bund-Länder-Konferenz am 3. März 2021 bitter enttäuscht.

Bildung, betont das Politikestablishment in Sonntagsreden immer wieder, sei der wichtigste Rohstoff in Deutschland. Doch das Wort Universität kommt auf 13 Beschluss-Seiten nicht einmal vor. Selbst im fünften Öffnungsschritt werden die Universitäten im Gegensatz zu Freizeitveranstaltungen im Freien schlicht nicht erwähnt. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass Gartenmärkten und Fußpflege ein höheres Gewicht zuerkannt wird als der universitären Bildung. Auch wenn derzeit wieder über einen schärferen Lockdown statt über Lockerungen diskutiert wird: Studierende und Lehrende brauchen eine Perspektive.

Vor ziemlich genau einem Jahr sind viele Studierende voller Aufregung in die digitale Lehre gestartet. Auch an der Universität Münster verlief diese Umstellung weitestgehend zur Zufriedenheit aller Beteiligten. So konnten innerhalb kürzester Zeit nahezu alle Lehrveranstaltungen in virtuelle Räume verlagert werden, sodass ein physisches Zusammentreffen nicht mehr nötig zu sein schien. Heute zeigt sich, dass die andauernde Online-Lehre für viele Studierende nur noch ermüdend und kräfteraubend ist.

Wie soll unter diesen Umständen ein lebhafter Diskurs entstehen?

Die Universität ist eben nicht nur eine Lernstätte, sondern auch ein Ort der Begegnungen. Der universitäre Alltag lebt vom Austausch und der Interaktion. Ein Austausch mit Mitstudierenden und Lehrenden ist digital aber nur schwer möglich. Schon wenn zwei Teilnehmende gleichzeitig anfangen zu reden, ist keiner von beiden mehr zu verstehen. Hinzu kommen schlechte Internetverbindungen, verzögerte Übertragungszeiten und mangelnde technische Endgeräte. Wie soll unter solchen Umständen ein lebhafter Diskurs entstehen? Viele Studierende bleiben in den Vorlesungen, Seminaren oder Arbeitsgemeinschaften lieber stumm. Und die Dozierenden referieren teils monologartig nur noch die Inhalte.

Neben den gemeinsamen Vorlesungen und dem direkten Kontakt zu den Lehrenden fehlen vor allem die Lern- und Arbeitsplätze in den Bibliotheken, die aktuell gar nicht oder nur eingeschränkt nutzbar sind. Im Gegensatz zu Erwerbstätigen haben viele Studierende schlichtweg nicht die finanziellen Mittel, sich zu Hause ein separates Home-Office einzurichten. Seit über einem Jahr sind die WG-Zimmer der Studierenden Wohn-, Schlaf- und Arbeitszimmer in einem. Eine räumliche und zeitliche Trennung zwischen Studium und Privatleben ist nicht mehr möglich. Den Studierenden fällt sprichwörtlich die Decke auf den Kopf.

Auch für die Lehrenden ist der digitale Unterricht ermüdend, bisweilen frustrierend. Wer seinen Hörenden nicht in die Augen sehen kann, verliert den Kontakt und merkt nicht mehr, wenn er vom Thema abschweift. Schwarze Kacheln bei Zoom gähnen nicht, wenn es langweilig wird. Auch ist es über die Distanz viel schwieriger, eine Diskussion zu beginnen. Spontanität, die sich beim Wandern durch den Hörsaal und dem Gespräch von Angesicht zu Angesicht entwickelt, geht verloren, wenn man aus dem häuslichen Arbeitszimmer in einen Monitor spricht. Die Studierenden verschmelzen zu einer amorphen Masse kleiner Bilder.

Auch die Möglichkeit, nach der Vorlesung mit einzelnen Studierenden in Kontakt zu kommen, ist deutlich schwieriger, da man zu schnell den Knopf "Meeting für alle beenden" gedrückt hat. Wer nur Podcasts produziert, verliert sogar jeden Kontakt zu seinen Adressaten.

Den Studierenden fehlt wohl die Lobby

Dass sowohl die Lehrenden als auch die Studierenden unter den aktuellen Lehr- und Lernbedingungen massiv leiden, ist unbestritten. Die Studierenden forderten daher bereits im letzten Sommersemester eine vorsichtige, schrittweise und selbstverantwortliche Rückkehr zu Präsenzformaten. Doch die Politik ignoriert die Forderungen, wohl auch aufgrund der geringen Lobby der Betroffenen. Wer nichts produziert, hat nichts zu melden. Dabei ist eine Perspektive gerade für die jüngeren Studierenden unerlässlich.

Niemand, selbst die größten Befürworter der Präsenzlehre, fordern vor einem flächendeckenden Impfangebot eine vollständige Rückkehr in den Hörsaal mit 500 Hörenden oder mehr. Vielmehr müssen kluge Konzepte für einen hybriden Unterricht unter Beachtung der aktuellen Hygienevorgaben sowie unter Berücksichtigung der Interessen von Risikogruppen geschaffen werden. Der für die Geisteswissenschaften so wichtige Diskurs findet vor allem in Seminaren und Arbeitsgemeinschaften statt, die sich unter Einhaltung der AHA-Regeln in Kleingruppen auch bereits im Sommersemester durchführen lassen, ohne zum Superspreader-Event zu werden. Wenn Wechselunterricht an den Schulen möglich ist, dann müssen auch Kleingruppen an den Universitäten erlaubt sein.

Für das Sommersemester schlagen wir eine ausgewogene Mischung aus Präsenz- und Online-Elementen vor, um den wissenschaftlichen Diskurs wieder zu ermöglichen. Zu sehen, wie in vielen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens durch Hygienekonzepte und Sicherheitsmaßnahmen wieder ein Stück Normalität einkehrt, während an den Universitäten seit über einem Jahr weiterhin Stillstand herrscht und keine Öffnungsperspektiven in Sicht sind, ist für Studierende und Lehrende nicht mehr nachvollziehbar. Wir fordern die Politik auf, auch die Hochschulen in den Blick zu nehmen. Sie sind wichtiger als Freizeitveranstaltungen oder Fußpflegesalons.

Matthias Casper lehrt an der Universität Münster Bürgerliches Recht und ist derzeit Dekan, Kira Kock studiert im vierten Semester und ist Vorsitzende des Bundesverbandes rechtswissenschaftlicher Fachschaften, Timo Strunz studiert im sechsten Semester und ist Vorsitzender der Fachschaft Jura Münster.

© SZ/pamu
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