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Historie:"Betet, meine Kinder"

Nach dem Fall des Römischen Reiches 476 begann eine Zeit der Dunkelheit - so lautete lange das Urteil der Nachwelt. Heute sprechen Historiker von Transformation, und die Schlüsselrolle spielt Byzanz.

Von Joachim Käppner

Angriff der Araber auf Edessa

Angriff der Araber auf Edessa, eines der wichtigsten byzantinischen Zentren in Syrien. Die befestigte Stadt ging im Jahr 638 verloren; die dramatische und detailreiche Darstellung stammt aus der Chronik des Geschichtsschreibers Johannes Skylitzes (11. Jahrhundert).

(Foto: mauritius images)

Es klang wie ein Fluch, wie eine Prophezeiung oder schlicht wie ein Ausblick in das neue Jahrhundert, der düsterer nicht sein konnte. Kurz vor dem gewaltsamen Tod des oströmischen Kaisers Maurikios 602 schrieb der fromme Theodor von Sykeon: "Nach ihm werden noch schlimmere Unglücke kommen. Betet, meine Kinder, harte Prüfungen, schreckliche Heimsuchungen bedrohen die Welt."

Dabei schien Ostrom um das Jahr 600, im Abendrot der Spätantike, im eigenen Selbstverständnis und auf der Landkarte Europas die einzige Großmacht und höchste Kultur ihrer Zeit zu sein. Das Imperium erstreckte sich über den Balkan, Griechenland, Kleinasien, Syrien und Palästina, Ägypten und Nordafrika, Teile Spaniens und Italiens sowie sämtliche Mittelmeerinseln. Es umfasste die Metropolen der römischen Antike: Rom selbst und Karthago, Antiochia in Syrien und das prachtvolle Alexandria sowie die Hauptstadt Konstantinopel, das Zentrum des Reichs, in der Hunderttausende Menschen lebten, beschützt von einem dreifachen Mauerring, der stärksten Festungsanlage ihrer Zeit. Als einziger Nachbar und Rivale auf Augenhöhe galt das Persien der Sassaniden, seit Jahrhunderten eine fremdartige, dem Gott des Feuers huldigende und militärisch stets bedrohliche Hochkultur.

Als das siebte Jahrhundert aber vorüber war, hatte sich die Welt für immer verwandelt. Fast alles war verloren für "die Römer", wie sich die Oströmer noch nannten, doch vom Imperium blieb nur noch die Idee. Ihr Staat bestand noch aus Kleinasien und den Inseln und Küsten Griechenlands, einigen Exklaven an der Adria und Sizilien. Neue Mächte, die Slawen auf dem Balkan, das Reich der Franken und vor allem der Islam waren entstanden.

Wenn - aus eurozentrischer Sicht - je eine Epoche als dunkle galt, dann jenes Jahrhundert des Wandels, oder weiter gefasst die Ära zwischen dem Tod des Kaisers Justinian 565 und dem Aufstieg des Frankenreichs zur Vormacht des Westens gut 200 Jahre später. In vielen Geschichtsbüchern wird sie noch immer kursorisch behandelt. Der Begriff des dunklen Zeitalters stammt bereits aus der Renaissance, deren Gelehrte nach dem Fall des Römischen Reiches kaum mehr als Niedergang und Dunkelheit zu erkennen vermochten. Obwohl wissenschaftlich schon lange überholt, hat sich diese Wahrnehmung, die ja eine dezidiert westliche ist, zäh gehalten. Ihr Grundfehler ist - neben einer auf Gegnerschaft reduzierten Sicht der im siebten Jahrhundert entstandenen Welt des Islam - eine gravierende Unterschätzung der oströmischen, später byzantinisch genannten, christlich-orthodoxen Welt. In Begriffen wie Byzantinismus spiegeln sich, noch immer, vor allem westeuropäische Vorurteile und Feindbilder.

Der Kaiser flüchtete auf seinem schnellen Pferd, mit einem Soldatenmantel getarnt

In Wahrheit spielt Byzanz die Schlüsselrolle für Europas Zukunft in jener fernen Zeit; es ist eine erstaunliche Geschichte des Überlebens und der Selbstbehauptung. In jüngster Zeit haben mehrere Bücher Schlaglichter auf die Zeit der Dunkelheit geworfen, die eine der intensivsten Transformationen in der Geschichte Europas war (siehe Kasten).

Die Völkerwanderung hatte 476 das Weströmische Reich untergehen lassen. Die Verheerungen durch Kriege, den Kollaps von Verwaltung und Wirtschaft und Plünderungen durch germanische Völker waren gewiss größer, als eine moderne, eine Fixierung auf die römische Perspektive kritisierende Interpretation mancher Historiker wahrhaben will. Aber sie waren noch nicht das Ende der antiken Kultur, des Lebens in den Städten, der Schriftlichkeit. Der Althistoriker Mischa Meier schreibt: "Die meisten Barbaren strebten nach Integration in das Römische Reich, nicht nach dessen Zerstörung; man wollte von seinen Reichtümern und vom hohen Lebensstandard profitieren, keineswegs aber vorrangig dessen Grundlagen vernichten." Unter einer dünnen Schicht germanischer Herrscher, der Vandalen in Afrika oder der Ostgoten in Italien, blühte das Leben sogar wieder auf.

Von 527 an aber griff der oströmische Staat, der die Zeit der Wirren und Völkerzüge überlebt hatte, nach der Weltmacht. Kaiser Justinian wollte das ganze römische Reich wiederherstellen, und in endlosen Feldzügen gelang das kühne Vorhaben großteils. Aber selten hat die Geschichte ein solches Musterbeispiel des "Imperial Overstretch" gesehen, fataler Überdehnung der eigenen Macht und Ressourcen. Justinian hinterließ prachtvolle Bauten und durchlöcherte Grenzen, seine gut organisierten Soldaten hatten die Westgoten von den Küsten des fernen Spanien vertrieben, fehlten aber auf dem Balkan, wo immer neue slawische Stämme einsickerten. Schon um 600 waren weite Teile dieser wichtigen Provinzen jeder imperialen Kontrolle entglitten.

Und die große Wanderung der Völkergruppen, die oft sehr heterogen waren, war noch nicht vorüber. Weite Teile Italiens gingen bald an die Langobarden verloren, die dort langlebige Herrschaften errichteten. An der Donau entstand das Großreich der Awaren, eines mächtigen Reitervolkes, das beinahe zur Nemesis Ostroms wurde. Und im Osten herrschte meist Krieg gegen Persien, dessen Herrscher, die Sassaniden, eine besonders kurzsichtige und aggressive Politik betrieben. Sie wollten den Kampf gegen die Römer nun ein für allemal entscheiden.

Maurikios, ein begabter Stratege, versuchte, den Balkan zurückzuerobern. Seine eigenen Soldaten erschlugen ihn 602, als er befahl, den Winter im Kampfgebiet zu verbringen, ein unfähiger, aber brutaler Usurpator namens Phokas bestieg den Thron, und die Dämme brachen. 610 setzte ein junger Heerführer namens Heraklios aus Karthago über, stürzte Phokas und ließ ihn hinrichten. Doch selbst der tatkräftige, hochbegabte Heraklios verzweifelte im ersten Jahrzehnt seiner Herrschaft.

Syrien ging an die Perser verloren, ebenso Palästina mit Jerusalem und dem angeblichen Splitter des Heiligen Kreuzes, sogar Ägypten. Auf dem Balkan herrschten die Awaren, beinahe hätten sie den Kaiser 623 ergriffen, als sie ihn vor den Toren seiner Hauptstadt zu Scheinverhandlungen lockten, er flüchtete auf einem schnellen Pferd, mit einem Soldatenmantel getarnt, und entkam ihren schnellen Reitern hinter die rettenden Mauern.

Es war wie ein Menetekel. In Heraklios indessen war eine der faszinierendsten Figuren der Spätantike auf die Bühne getreten. Er galt den Nachgeborenen, obwohl er wie die meisten Oströmer Griechisch sprach und in Konstantinopel regierte, als der letzte Kaiser Roms. Inmitten von Chaos und Niedergang schufen er und seine Verwaltung den Nukleus eines neuen Staates, das oströmische verwandelte sich in das byzantinische Reich, vor allem: es überlebte. Unter Heraklios' Herrschaft bestand es Herausforderungen, die sehr viel größer waren als jene, die Westrom hatten sinken lassen. Im Jahr 626 schien das Ende des Reichs und der Zeiten gekommen zu sein.

Während der Kaiser und seine neu formierte Armee einen kühnen und risikoreichen Feldzug gegen das Herzland der Perser führten, standen die Awaren vor Konstantinopel. Ihr Herrscher, der Khagan, hatte Zehntausende Krieger mobilisiert und forderte nun Unterwerfung und Kapitulation: "Überlasst mir die Stadt und eure Güter; denn sonst gibt es für euch keine Rettung, es sei denn, ihr habt die Möglichkeit, Fische zu werden und euch durch das Meer davonzumachen oder Vögel zu werden und in den Himmel aufzusteigen."

Von den Zinnen aus sahen die Verteidiger fassungslos auf die Gefahr, wie der Chronist Theodoros Synkellos schilderte: "Den schreckenerregendsten Anblick hatten wir auf der Landseite. Für jeden unserer Soldaten standen dort hundert oder mehr Barbaren, ausgerüstet mit Brustpanzer und Helmen, und sie schoben jede denkbare Kriegsmaschine heran. Als im Osten die Sonne aufging, glitzerten ihre Strahlen auf all dem Eisen."

"Das neue Rom hatte seine erste große Bewährungsprobe bestanden."

Doch die Verteidigung war besser organisiert, als es im ersten Schrecken wirkte, der freilich noch gesteigert wurde, als jenseits des Bosporus, auf der asiatischen Seite, ein persisches Heer erschien. Eine brutale Belagerung zog sich durch den heißen Sommer von 626, mehrfach attackierten die Awaren im Sturm die fast sieben Kilometer langen Landmauern, doch die Festung hielt stand. Die Kriegsflotte Ostroms zerstörte die Schiffe, mit denen die Perser den Awaren Verstärkung schicken wollten, und die awarischen Boote, die einen Nachtangriff auf die Seemauern versuchten. Als die Heere der Belagerer abzogen, ließen sie brennende Belagerungstürme und viele Leichen zurück.

Bis heute singen orthodoxe Gläubige die Akathistos-Hymne über die Rettung der Stadt, gewidmet der Gottesmutter: "Sei gegrüßt, durch Dich leuchtet das Heil hervor / Sei gegrüßt, dunkel wird das Unheil vor Dir." In seinem klugen Buch über die Völkerwanderung schreibt Mischa Meier: "Solange die Kapitale unversehrt bestand, so die verbreitete Ansicht, würde auch das Reich nicht untergehen. Erst damit hatte sich die translatio imperii, der Übergang der Herrschaft über das Reich von Rom auf Konstantinopel, vollständig vollzogen. Das Neue Rom hatte seine erste große Bewährungsprobe bestanden."

Kein römischer Kaiser vor ihm hat den Persern jemals eine solche Niederlage zugefügt wie Heraklios dem psychotischen Chosroes II. Das kaiserliche Heer stieß tief in ihr Reich vor, schlug sie in mehreren Schlachten und schonte ihre Länder, als der Großkönig stürzte und eine neue Regierung Frieden schloss. Heraklios kehrte im Triumph nach Konstantinopel zurück, und niemand ahnte, dass der alten Welt der Antike bloß wenige Jahre blieben.

Es war der Sturm des Islam, der sie für immer zerstörte. Schon 633 fielen die Araber in Palästina ein; fixiert auf ihren Krieg, hatten Perser und Oströmer der Einigung der Arabischen Halbinsel unter der neuen monotheistischen Lehre des Islam keine Beachtung geschenkt. So stark war die Bewegung, dass die Mohammedaner beide Großreiche zugleich attackierten; Persien, bis auf die Knochen erschöpft, war 651 erobert und gehört seither zur islamischen Welt. Heraklios zog noch einmal in den Osten, aber 636 verlor sein Heer die Schlacht am Jarmuk, und binnen weniger Jahre gingen Syrien, Palästina, Ägypten verloren und 698 sogar Karthago, das nun endgültig zerstört wurde.

Ostrom aber ging nicht unter. Die Byzantiner wehrten bis 718 zwei Großangriffe des islamischen Kalifats gegen Konstantinopel ab, die darauf gezielt hatten, mit der Hauptstadt auch das christliche Reich zu unterwerfen - was wohl die Folge gewesen wäre. Der Byzantinist John Haldon schreibt: Bei einem Fall Konstantinopels "wäre das Oströmische Reich leicht ersetzt worden durch ein noch expansiver ausgreifendes Kalifat, das rasch den Balkan eingenommen und ein Jahrtausend früher als die Osmanen Mitteleuropa erreicht hätte".

Haldon führt das fast wundersame Überleben von Byzanz in einer Welt von Feinden auf die, von Heraklios begonnene, Reform von Staat und Armee zurück - und auf ein Paradox. Erst dadurch, dass ihm der Islam drei Viertel seines Territoriums entriss, war das Reich zu retten. Die meisten dieser Gebiete waren dem Imperium durch soziale und religiöse Konflikte, den harten Steuerdruck und regionale Autonomiewünsche lange entfremdet. Nicht umsonst hatten sich ihre befestigten Städte erst den Persern und dann den Arabern fast kampflos ergeben. Byzanz, nun reduziert auf Griechenland, Kleinasien und Süditalien, war nun ein wesentlich homogeneres Staatswesen. Es nutzte seine bewährte Organisation, um ein höchst effizientes System der Verteidigung zu errichten: die Einteilung in "Themen", Wehrbezirke, in denen die Bevölkerung bei Gefahr mobilisiert und durch das Heer unterstützt wurde. Dieses Byzanz behauptete sich über Jahrhunderte und prägte die orthodoxe Welt Osteuropas.

So steht am Ende der dunklen Epoche, die in der Tat eine der Gewalt, der Kriege, der Flüchtlinge und neuer Herren war, nicht mehr das eine Imperium, obwohl es für alle Nachfolger ein Fixpunkt blieb. Drei Machtblöcke gab es nun. Die poströmische Welt des Westens wurde dominiert von den Franken, deren König Karl der Große sich 800 zum Kaiser krönen ließ und somit die Tradition der römischen Imperatoren beanspruchte. Viel ausgeprägter lebte die antike Kultur in Byzanz fort, das den Anspruch Karls und seiner Nachfolger nie anerkannte. Drittes und für eine Weile größtes Machtzentrum war die Welt des Islam, das Kalifat und seine Nachfolgestaaten.

Heraklios hat all dies nicht mehr erlebt. Der alte Kaiser verbrachte seine letzten Jahre in Schwermut, so berichtet eine Chronik: "Als Heraklios heimgekehrt war, verließ er den Palast in Hiereia nicht mehr, und alle Bitten der Edlen und der Bürger, zu ihnen in die Stadt zu kommen, berührten ihn nicht mehr." Er starb 641, im Glauben, alles verloren zu haben. Aber das war ein Irrtum.

Bücher zum Ende der Antike

Der jüngste und besonders eindrucksvolle Versuch, die Zeit der Völkerwanderung nicht allein als Konflikt zwischen "den Römern" und "den Barbaren" zu verstehen, sondern die einst als finster geltenden Jahrhunderte zwischen Antike und Mittelalter als Epoche der Transformation, stammt vom deutschen Althistoriker Mischa Meier: Geschichte der Völkerwanderung: Europa, Asien und Afrika vom 3. bis zum 8. Jahrhundert n.Chr. (C. H. Beck, 2019; dazu SZ vom 10. Januar 2020). Meier beschreibt die Belagerung Konstantinopels 626 darin als Schlüsselmoment. Diesem Ereignis hat Martin Hurbanič ein eigenes Buch gewidmet: "The Awar Siege of Constantinople". Gründe für das Überleben von Byzanz während des Arabersturms schildert der Byzantinist John Haldon: "The Empire that Would not Die. 640 - 670", 2016). Sehr lesenswert ist die Geschichte Justinians und des 6. Jahrhunderts von Peter Heather: "Die letzte Blüte Roms" (wbg Theiss 2019).

© SZ vom 25.04.2020

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