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Hilfe für Syrer in Jordanien:"Flüchtlinge haben Angst, als Feiglinge zu gelten"

Sie mussten Morde oder Vergewaltigungen mitansehen, wissen oft nicht, wo ihre Angehörigen sind und haben Angst vor der Zukunft: Bis zu 180.000 Syrer sind vor der Gewalt in ihrer Heimat ins Nachbarland Jordanien geflohen. Thomas Schwarz, Mitarbeiter der Organisation Care Deutschland, hilft den Flüchtlingen vor Ort. Er berichtet von ergreifenden Schicksalen.

Juliane Meißner

Etwa 245.000 Syrer sind laut den Vereinten Nationen vor dem Bürgerkrieg im eigenen Land auf der Flucht. Allein in Jordanien hat das UN-Flüchtlingswerk 61.000 Flüchtlinge registriert. Die Dunkelziffer dürfte aber noch weit höher liegen: Von bis zu 180.000 Schutz suchenden Syrern im Land geht die jordanische Regierung aus. Im Flüchtlingslager Zaatari, nahe der jordanisch-syrischen Grenze, leben etwa 30.000 Menschen.

Thomas Schwarz von der Hilfsorganisation Care besucht syrische Flüchtlingsfamilien, die nach Jordanien geflohen sind.

(Foto: CARE)

Thomas Schwarz, 54, ist Direktor für internationale Kommunikation von Care Deutschland. Er ist seit knapp zwei Wochen in Jordanien, wo er syrische Flüchtlingsfamilien besucht und sich ein Bild von der Situation im UN-Lager macht.

SZ.de: Herr Schwarz, Sie sind derzeit in Jordaniens Hauptstadt Amman und besuchen Flüchtlinge. Wer sind die Menschen, die dort im UN-Lager Schutz suchen?

Thomas Schwarz: Im Lager habe ich überwiegend Frauen und deren Kinder angetroffen. Viele der Männer sind in Syrien geblieben, um zu kämpfen. In einem Fall, so erzählte mir eine syrische Frau, habe sich der Mann geweigert, mit seiner Familie zu flüchten. Er sagte: "Ich muss mein Haus verteidigen." Die Flucht der Menschen ist eine schiere Verzweiflungstat.

Was haben die Flüchtlinge erzählt?

Menschen fühlen sich gezwungen, ihr Haus zurückzulassen. So auch die Familie, die ich vor wenigen Tagen besuchte. Nahe ihrer Wohnung in ihrer Heimatstadt Homs kämpften die Regierungstruppen gegen die Rebellen. Die Familie flüchtete zunächst in einen anderen Stadtteil, bis dort wiederum gekämpft wurde. Die Familie floh dann mehrmals innerhalb ihrer Heimatstadt - bis ihnen klar wurde, dass sie einfach nicht mehr sicher sind.

In welcher Verfassung sind die Menschen, die das Flüchtlingslager erreichen?

Viele von ihnen kommen mit schwersten Traumata und sehr viel Angst nach Jordanien. Die Familien mussten Morde und Vergewaltigungen mitansehen, haben Angehörige verloren oder wissen nicht, wo sie sind. Ein Fall, der sich mir eingebrannt hat, war der einer Mutter und ihrer vier Kinder: Sie kamen zu Fuß über die Grenze. Sie wussten nicht, wo ihr Vater und Ehemann war. Dann sahen sie im Fernsehen, wie ein Mann zu Grabe getragen wurde - und erkannten ihn dort im offenen Sarg wieder. Die kleine Tochter verfiel in eine derartige Schockstarre, dass ihr ein Büschel Haare ausfiel.

Wie wird den Flüchtlingen geholfen?

Wenn sie im Camp ankommen, bekommen sie ein Zelt, Nahrung und medizinische Versorgung. Bisher ist leider keine psychologische Betreuung möglich, da dafür das Geld fehlt. Sollten den UN künftig mehr Mittel zur Verfügung stehen, dann wird es diese Betreuung geben. Um zumindest die Kleinen etwas abzulenken, spielen und malen einige Jordanier mit den Kindern. In dem Lager leben die Flüchtlinge generell ein sehr einfaches Leben - es gibt kein Internet, bisher keine Schulen, alles was eigentlich zu ihrem Alltag gehört, existiert hier nicht.

Nach Jordanien sind bis zu 180.000 Syrer geflohen, registriert sind aber nur 61.000. Warum lassen sich nur wenige von den UN als Flüchtlinge erfassen?

In vielen Gesprächen mit syrischen Familien habe ich einen wichtigen Grund herausgehört: Sie haben Angst, dass es für sie von Nachteil ist, wenn ihr Name auf einer Liste erscheint. Sie fürchten, dass andere sie wegen ihrer Flucht als Feiglinge sehen. Deshalb will sich auch fast keiner fotografieren oder filmen lassen. Die Menschen wissen nicht, was nach dem Krieg kommt. Sie haben vor der Zukunft eine undefinierbare Angst. Außerdem haben wir den Eindruck, dass viele Flüchtlinge denken, nach der Registrierung müssten sie in das Lager der UN.

Wo leben all die Flüchtlinge, die nicht im Lager untergebracht sind?

Zum einen haben Jordanier syrische Familien bei sich aufgenommen. Sie beherbergen die Flüchtlinge zum Teil schon seit mehreren Wochen. Da zeigt sich eine tief verwurzelte Gastfreundlichkeit in den arabischen Ländern. Zum anderen lebt ein Großteil der Flüchtlinge in leerstehenden Wohnungen nahe der Stadt unter schwierigen Bedingungen. In solch einer Wohnung habe ich eine Familie besucht, die zu acht auf etwa 50 Quadratmetern lebt. Die Räume sind fast komplett leer, bis auf ein paar Schaumstoffmatratzen, einen Kühlschrank und eine Glühbirne.

Wer mietet diese Wohnungen?

Die Flüchtlinge selbst. Manche der Flüchtlinge haben noch Ersparnisse und leben zunächst davon. Die sind aber schnell aufgebraucht; einige der Syrer sind bereits seit April in Jordanien. Die Familie, die ich gestern in einer Wohnung besucht habe, lebt vom sogenannten Startgeld, das unsere Hilfsorganisation ihnen bei der Einreise gegeben hat. Sie bekommen umgerechnet bis zu 170 Euro, je nach Größe der Familie. Damit soll zumindest das Grundlegende abgedeckt werden. Diese Unterstützung bekommen die Flüchtlinge, die gar nichts mehr haben. Dafür müssen sie sich an der Grenze beim Flüchtlingswerk der UN registrieren und dann zu uns kommen. Wir stellen dann sicher, dass sie wirklich hilfsbedürftig sind.

Medienberichten zufolge kam es im Lager Zataari zu Protesten der Flüchtlinge, um auf ihre schlimme Situation vor Ort aufmerksam zu machen. Haben Sie davon etwas mitbekommen?

Nein, aber ich habe davon gelesen. Es gibt ein grundlegendes Problem: Die Flüchtlinge in dem Lager sollen menschengerecht versorgt werden. Wenn die finanziellen Mittel aber fehlen, um gerecht zu helfen, dann sind den UN vor Ort die Hände gebunden. Das Lager Zataari ist eine logistische Herausforderung: Decken, Zelte, Strom, Infrastruktur. Wenn nicht mehr Geld zur Verfügung steht, kann man nur das tun, was getan werden muss. Aber zum Beispiel brauchen Babys mehr als nur Brot und Wasser.

Ist das ein Appell an die Staatengemeinschaft, mehr Geld zur Verfügung zu stellen?

Fast alle Staaten der Erde haben die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte unterschrieben. Wenn sich alle daran hielten, müssten wir nicht über fehlendes Geld diskutieren. Die reichen Länder der Erde müssen ihrer humanitären Pflicht nachkommen, und das sind nicht nur die EU oder USA. Wir sehen uns hier mit einer Flüchtlingskatastrophe konfrontiert.

Allein im August flohen 100.000 Menschen aus Syrien. Ist Jordanien mit der wachsenden Zahl an Flüchtlingen überfordert?

Wenn die anderen Länder nicht stärker helfen und ihre Verantwortung wahrnehmen, wird Jordanien an seine Grenzen stoßen.

Sie haben bereits mit vielen Syrern gesprochen. Was schätzen die Flüchtlinge, wie lange die Kämpfe noch dauern werden?

Es gibt völlig unterschiedliche Einschätzungen: Einige vermuten, dass die Kämpfe in zwei Monaten vorbei sind. Andere sagen, dass es noch fünf Jahre dauern wird. Die Entwicklung ist absolut nicht vorhersehbar, das macht auch die Planung für uns so schwer. Aber alle Flüchtlinge sagen, sollte es die leiseste Hoffnung geben, in ihrer Heimat sicher leben zu können, kehren sie sofort wieder zurück.

Wenn Sie für syrische Flüchtlinge spenden möchten, wenden Sie sich an:

Care Deutschland

UN-Flüchtlingshilfe

© sueddeutsche.de/jume/holz

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