Untersuchungsausschuss zu Hanau:"Ich habe das Vertrauen in die Polizei verloren"

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Hanau-Untersuchungsausschuss im Hessischen Landtag

Sie haben Fragen an die Landesregierung, die Sicherheitsbehörden, den Staat: Angehörige der Opfer des rassistischen Anschlags von Hanau 2020 im Plenarsaal des hessischen Landtags.

(Foto: Arne Dedert/dpa)

Zum ersten Mal tagt der Untersuchungsausschuss zu den rassistischen Morden in Hanau öffentlich. Gehört werden Angehörige der Ermordeten - und die haben Fragen.

Von Gianna Niewel, Wiesbaden

Vaska Zlateva hatte ihrem Cousin gesagt, dass Deutschland "ein ordentlicher Staat" sei und so kam er hierher, von Bulgarien nach Hanau. Jetzt sitzt Zlateva im hessischen Landtag und sagt, sie fühle sich schuldig. Ihr Cousin ist Kaloyan Velkov, ermordet am 19. Februar 2020 in Hanau. Ermordet von einem Deutschen, der aus rassistischen Motiven neun Menschen erschoss: Gökhan Gültekin, Sedat Gürbüz, Said Nesar Hashemi, Mercedes Kierpacz, Hamza Kurtović, Vili-Viorel Păun, Fatih Saraçoğlu, Ferhat Unvar und ihren Cousin. Der dann seine Mutter tötete und sich selbst. Ein ordentlicher Staat?

An diesem Freitag tagte der Untersuchungsausschuss des hessischen Landtags zum ersten Mal öffentlich. Gehört wurden Angehörige der Ermordeten. Vaska Zlateva machte den Anfang. Ihr Cousin, sagt sie, hat am 19. Februar in der Bar "La Votre" gekellnert. Sie hatten noch telefoniert an dem Abend. Als sie gegen Mitternacht hörte, was in der Stadt passiert war, versuchte sie wieder, ihn zu erreichen, "vielleicht 20 Mal", aber diesmal ging er nicht ran.

Vaska Zlateva fuhr zur Bar. Dort habe sie einen Polizisten gefragt, ob auch Bulgaren unter den Opfer seien, der Polizist habe verneint. Sie habe einen zweiten Polizisten gefragt, der habe sie ignoriert. Erst gegen 4.30 Uhr am nächsten Morgen habe man ihr gesagt, sie solle in eine Halle im Stadtteil Lamboy fahren. Zwischen sechs und 6.30 Uhr sei dann eine Namensliste der Toten vorgelesen worden, darunter auch ihr Cousin. Geredet habe niemand mit ihr, kein Arzt, kein Polizist.

Wie ist das möglich? Diese Frage kommt immer wieder

In den Tagen danach hätten sie nur spärlich Informationen bekommen. Die Polizei habe sie nicht finden können, hieß es, aber laut Akten hatte ihr Cousin seinen Ausweis und sein Handy bei sich. Der Hanauer Oberbürgermeister und der Ausländerbeirat seien erst sechs Tage später zu ihr und ihrer Tante, der Mutter von Kaloyan Velkov, gekommen.

Wie kann das sein? Überhaupt ist das, was Vaska Zlateva erzählt, eine Geschichte voller offener Fragen. Wie konnte es sein, dass der Mann überhaupt einen Waffenschein hatte, obwohl er mehrfach auffällig geworden war? Wieso wurde ihr Cousin erst 25 Minuten nach den Schüssen hinter dem Tresen der Bar gefunden, obwohl überall Polizei war?

Als Vaska Zlateva nach anderthalb Stunden fertig ist, dürfen die Abgeordneten sprechen. Ob ihr jemand gesagt habe, dass sie einen Rechtsanwalt einschalten könne? "Nein." Ob der Ministerpräsident, der Innenminister oder der Polizeipräsident persönlich ihr Beileid bekundet hätten? "Nein." Es hat Treffen gegeben, aber wohl nicht mit ihr, der Cousine.

Nach anderthalb Stunden sagt Vaska Zlateva, es gebe zwar viele Fragen, aber keine Antworten. Und dann: "Ich habe das Vertrauen in die deutsche Polizei verloren."

Der Untersuchungsausschuss tagt wieder am 17. und 20. Dezember sowie am 21. Januar. Dann sollen weitere Angehörige der Mordopfer zu Wort kommen. Auch sie dürften Fragen haben, an die Landesregierung, die Sicherheitsbehörden, an den Staat.

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Said Etris Hashemi

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