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Extremismus:Die Opfer des rechten Terrors

Der Täter von Hanau ging offenbar gezielt auf Menschen mit Migrationshintergrund los. Nur langsam werden Details über diejenigen bekannt, die bei dem Terroranschlag verletzt oder getötet wurden.

Der Täter von Hanau hatte es offenbar gezielt auf Menschen abgesehen, die nicht in sein rassistisches Weltbild passten. Dem Generalbundesanwalt zufolge haben alle Erschossenen bis auf die Mutter des Täters, die ebenfalls tot aufgefunden wurde, einen Migrationshintergrund. Zeugenaussagen zufolge zielte der Mann direkt auf seine Opfer, die er in einer Shisha-Bar und zwei Café-Bars antraf, ehe er mutmaßlich seine 72-jährige Mutter und sich selbst tötete.

Dem größten kurdischen Dachverband in Deutschland zufolge sind unter den Opfern mehrere Menschen mit kurdischer Herkunft und deutscher Staatsbürgerschaft. Die türkische Nachrichtenagentur Anadolu meldet unter Berufung auf den türkischen Botschafter in Berlin, dass fünf der Todesopfer türkische Staatsbürger gewesen seien.

Ein eigens eingerichteter Instagram-Account hat Namen und Fotos veröffentlicht, die Opfer des Anschlags zeigen sollen. Die in den Lokalen Getöteten waren zwischen 21 und 44 Jahre alt. Offizielle Angaben gibt es noch wenig. Erst nach und nach werden gesicherte Informationen über die Menschen bekannt, die bei dem Anschlag umgebracht oder verletzt wurden.

Einer der Toten ist Gökhan Gültekin, 37 Jahre alt, der sich gerade verloben wollte und neben seinem Maurerjob abends im Kiosk jobbte. Vor 42 Jahren kam sein Vater aus der Stadt Ağrı in der Nähe des Berges Ararat nach Hanau. Heute ist der Mann schwer gezeichnet, er hat Krebs im Endstadium. Bei einem Treffen des Kulturvereins AYDD wischt er auf seinem Handy durch die Fotos von seinem Sohn. "Da, sehen Sie!", sagt er. Zu sehen ist ein junger Mann mit modischem Dreitagebart und schüchternem Lächeln.

Ebenfalls gestorben ist Mercedes K., Mutter zweiter Kinder, die in einem Kiosk neben der Shisha-Bar arbeitete. Sie wurde 35 Jahre alt.

Mindestens ein Toter aus Bayern unter den Opfern

Unter den Toten ist auch ein Mann aus Regensburg. Das berichtet der Bayerische Rundfunk unter Berufung auf Salih Altuner, Herausgeber der deutsch-türkischen Nachrichtenzeitschrift Regensburg Haber und Integrationsbeirat der Stadt. Bei dem Toten handele es sich um einen 34-jährigen Mann türkischer Abstammung, der erst vor Kurzem nach Hessen gezogen sei und vorgehabt haben soll, sich selbständig zu machen. Die Familie des Mannes lebe zwar in Regensburg, sie wolle jedoch, dass er in der Türkei beerdigt werde.

Zwei Menschen kamen in der Shisha-Bar "Midnight" ums Leben, darunter auch der Betreiber des Lokals. Der andere soll der 22-jährige Hamza Kurtović sein, der offenbar in der Nähe des Täters wohnte. Seine Familie soll während des Bosnienkriegs vor antimuslimischer Verfolgung nach Deutschland geflohen sein. In der Café-Bar "La Votre", die sich neben dem "Midnight" befindet, war Zeugen zufolge am Mittwochabend nur der Betreiber zugegen. Auch er wurde mit einem Kopfschuss getötet.

Einer, der überlebt hat, ist ein junger Mann mit dem Namen Muhammed. Er war eigenen Angaben nach am Mittwochabend in der Café-Bar "Arena", in deren Raucherraum, als der Attentäter das Feuer eröffnete und fünf weitere Menschen tötete. Die Nachrichtenagentur Reuters verbreitet ein Video des türkischen Fernsehsenders "a News", welches Muhammed in einem Krankenbrett zeigt. Ein Tropf ist mit einer Kanüle an seiner linken Hand befestigt, seine rechte Schulter ist mit mehreren Wundpflastern beklebt.

Er habe mit etwa zehn bis zwölf weiteren Menschen beim Essen zusammengesessen, als der Attentäter außen fünf oder sechs Mal geschossen habe, erzählt Muhammed sichtlich mitgenommen. Dann sei der Mann in den Raum gekommen und habe weitergeschossen. "Es haben nur vier Leute überlebt. Einer davon bin ich", sagt Muhammed. Er habe sich hinter einer Wand versteckt, dennoch habe der Mann seine rechte Schulter getroffen. Ein anderer Mann, der schwer am Hals verletzt wurde, habe ihn gebeten, ein letztes Gebet mit ihm zu sprechen. "Dann ist der Täter rausgegangen", sagt Muhammed wenig später, und wischt sich mit einem Taschentuch durchs Gesicht.

© SZ.de/lalse/ghe/jsa/bix
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