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Hamas im Gazastreifen:Schockwellen aus Ägypten

Palestinian works inside a smuggling tunnel flooded by Egyptian forces beneath the Egyptian-Gaza border in Rafah

Die Tunnel nach Ägypten waren die Arterie der Wirtschaft im Gazastreifen - und damit auch der Hamas-Herrschaft. Ägypten blockiert die Schmuggelrouten.

(Foto: Ibraheem Abu Mustafa/Reuters)

Die Umbrüche in Ägypten wirken sich auf den Gazastreifen aus. Die dort regierende Hamas hatte auf die Muslimbrüder gesetzt - deren Entmachtung stürzt nicht nur die Islamisten in die Krise. Das gesamte Wirtschaftssystem des Palästinensergebietes ist in Gefahr.

Das Tor zur Welt ist ein doppelter Bogen aus Beton, der sich in Rafah über die Straße spannt. Hinter dem Tor lag früher die Hoffnung, der Grenzübergang führt vom Gazastreifen nach Ägypten. Doch seit auch drüben auf der anderen Seite die Welt aus den Fugen geraten ist, ist die Hoffnung der hilflosen Wut gewichen. Ein Grenzübertritt ist zum Glücksspiel geworden - mal ist sie offen, mal geschlossen. Zwischen einem Berg von Koffern, umringt von anderen Gestrandeten, steht deshalb Ibrahim Awad und sagt auf Deutsch mit leichtem hessischen Einschlag: "Wir fühlen uns hier von allen Seiten im Stich gelassen."

In Rafah, am südlichen Ende des Gazastreifens, lässt sich am deutlichsten erspüren, welche Schockwellen die Umbrüche in Ägypten in das Palästinensergebiet geschickt haben. Vor einem Jahr, als in Kairo die Muslimbrüder die Macht übernahmen, hatte das die Hamas hier noch mit Freudenschüssen gefeiert. Sie hat fast alles auf diese eine Karte gesetzt, hat sich mit Syrien überworfen und mit Iran - doch nun wurden die ägyptischen Gesinnungsgenossen mit Schimpf und Schande aus ihren Ämtern vertrieben. Die Islamisten-Herrscher von Gaza hat das in die wohl tiefste Krise seit ihrer Machtübernahme 2007 gestürzt.

"Das ist die Ruhe vor dem Sturm"

Die neue Führung in Kairo hat die Hamas zu Staatsfeinden erklärt. In den ägyptischen Medien werden sie als "militanter Arm der Muslimbrüder" bezeichnet, ihre Kämpfer sollen mitverantwortlich sein für die blutigen Unruhen im ganzen Land und für die Instabilität auf dem Sinai. Die Komplizenschaft mit dem abgesetzten Präsidenten Mohammed Mursi zahlt das ägyptische Militärregime der Hamas nun mit allen möglichen Mitteln heim - mit einem Katz- und Mausspiel am einzigen Grenzübergang ebenso wie mit der Schließung der Schmuggeltunnel, die jahrelang wegen der israelischen Blockade die Versorgung der 1,7 Millionen Einwohner sicherten.

Wer also in diesen Tagen des Umbruchs von Erez im Norden bis nach Rafah im Süden durch den nur gut 40 Kilometer langen Gazastreifen fährt, erlebt einen Landstrich unter höchster Anspannung. An der Nord-Süd-Verbindung, der Salahuddin-Straße, liegen kilometerweit die Baustellen brach. Hier sollte mit Geld aus Katar die Infrastruktur verbessert werden, doch nun mangelt es wegen der Tunnelsperrung an Baumaterialien. In manchen Läden sind die Eisengitter heruntergelassen, weil es nichts mehr zu verkaufen gibt, und auch an den meisten Tankstellen ist der Sprit aus Ägypten ausgegangen. Das von Israel gelieferte Benzin ist mehr als doppelt so teuer, das kann sich kaum einer leisten. Deshalb herrscht auf den Straßen nur mäßiger Verkehr.

"Das ist die Ruhe vor dem Sturm", sagt einer, dessen Name besser nicht genannt werden soll, weil er den Sturz der Hamas herbeisehnt. Wenn das stimmt mit dem Sturm, dann sind in Rafah wohl schon die ersten Winde zu fühlen. Weit mehr als tausend Wartende drängen sich hier an der Grenze, die seit dem Wochenende wieder einmal geöffnet ist.

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