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Grünen-Parteitag:Özdemirs Endspiel

Cem Özdemir als schwitzender Wahlkämpfer auf dem Grünen-Parteitag.

(Foto: AFP)
  • Auf dem Grünen-Parteitag hält Parteichef Özdemir eine kämpferische Rede.
  • Er weiß, dass die Bundestagswahl am 24. September über seine Zukunft in der Partei entscheidet: regieren oder abtreten.
  • Nach 60 Minuten ist er erleichtert und wird von den Delegierten in Berlin gefeiert.

Am Ende steht eine Menge Schweiß und ziemlich viel Erleichterung. Eine Stunde hat Cem Özdemir jetzt geredet. Er hat laut und leise gesprochen, er hat mal gebrüllt und mal geflüstert. Er hat sich als großer Pro-Europäer gezeigt, als Freiheitskämpfer, Polizistenfreund und sogar als Feminist. Und jetzt ist er unendlich froh. Froh, dass die Delegierten ihn feiern; froh, dass dieser Auftritt, dass diese sechzig Minuten gut gelaufen sind. Während der Saal klatscht, schießt er Selfies mit den Bundestagskandidaten und strahlt sehr entspannt in die Runde. Man sieht ihm an, wie glücklich er ist, weil er weiß, dass er gezeigt hat, was er drauf hat.

Das ist nicht wenig. Und es ist für ihn politisch überlebenswichtig. Mit seinen 51 Jahren hat er schon viele Reden gehalten. Aber die hier hat die Qualität eines Endspiels. Egal was kommt, er wird im Herbst nicht noch einmal als Parteichef antreten. Umso mehr entscheiden die kommenden drei Monate über sein politisches Schicksal. Entweder es reicht für eine Regierungsteilnahme. Oder Özdemir braucht einen ganz und gar neuen Anfang. Kein Wunder, dass der Schwabe mit türkischen Wurzeln so kämpft wie vielleicht noch nie in seinem politischen Leben.

Zumal es ausgerechnet an diesem Abend gar nicht gut anfängt. Wenige Minuten bevor Özdemir dran ist, kommt die Meldung, dass Helmut Kohl tot ist. Das ist nicht nur per se traurig, es könnte auch alle Berichterstattung über den für die Grünen so wichtigen Parteitag überlagern. Und was macht Özdemir? Er ignoriert es nicht, sondern erinnert an den "großen Europäer". Ausgerechnet hier, ausgerechnet bei den Grünen, die ums Überleben kämpfen, würdigt Özdemir einen ihrer größten Gegner - und erntet breiten Beifall. Vielleicht ist schon in diesem Moment klar, wie geschlossen die Grünen an diesem Wochenende auftreten möchten. Eines zeigt sich auf alle Fälle: Dass Özdemir selbstbewusst auftritt. Lockere Jeans, legeres hellblaues Hemd, aufgekrempelte Ärmel und ein Head-Set wie ein TV-Moderator. Er spielt nichts vor; er ist an diesem Abend der, der er immer sein wollte.

Und der in diesem Wahlkampf zuvörderst für ein weltoffenes und ein solidarischeres Europa eintritt. Trump, Orbán, Brexit - das sind die Themen, die seine Rede prägen. Genauer gesagt: der Kampf gegen die Aggressionen und Ausgrenzungen, die sich mit ihnen verbinden. "Die Freiheit, die unsere Eltern und Großeltern errungen haben", betont der Grüne-Parteichef, "werden wir uns niemals nehmen lassen." Rauschender Applaus. Spätestens jetzt ahnen alle, dass es heute für ihn wie für die Partei gut laufen könnte.

Dabei ist es nicht überraschend, dass sich er und alle anderen an dieser Stelle einig sind. Der Widerstand gegen Trump verbindet, das steht außer Frage. Aber Özdemir benutzt die richtigen Töne. Laut genug, um den Zorn zu zeigen, aber keinen Laut, der selbst wie Gift wirkt. Mit Verve Maß halten - keine ganz einfache Übung. Dabei hilft ihm, dass er nicht nur sehr laut und sehr entschlossen gegen alle neuen Mauerbauer und Schlagbäume in Europa antritt, sondern auch die ewige Kanzlerin Angela Merkel hart angeht. "Schulmeisterlicher Drill aus Berlin", so Özdemir, werde gegen die Armut in Süditalien, die Nöte in Griechenland, die Ängste der Jugendlichen in Spanien nicht helfen. Das sind Sätze, die sie gerade von Özdemir hören möchten. Auch der leise Fan von Schwarz-Grün soll Zähne zeigen; das hat er verstanden.

Özdemir schwärmt gar von Claudia Roth

So wie er an dem Abend auch das Ziel, den Verbrennungsmotor bis 2030 abzuschaffen, nicht umschifft, sondern laut in den Saal brüllt. Und wie er im weiteren Verlauf nicht so sehr jene erwähnt, die ihm nahe stehen, wie der Schwabe Winfried Kretschmann. Özdemir lobt Fraktionschef Anton Hofreiter für den Kampf gegen den Klimawandel, er preist den grünen Verkehrsminister Winne Hermann aus Baden-Württemberg für den flächendeckenden Ausbau von Stromsäulen. Und als er im Kampf gegen den Islamismus die Bedeutung der Frauen, der Töchter, der Omas hervorhebt, schwärmt er gar von allen Claudia Roths, Renate Künasts und Petra Kellys, die aus den Grünen eine Partei der Frauenrechte gemacht hätten. Wer weiß, wie weit Roth und Özdemir meistens auseinanderliegen, muss an der Stelle lächeln. Beifall, sehr lauten Beifall gibt es trotzdem.

Es ist ein Abend, an dem Özdemir sehr viele Grüne umschmeichelt - und dafür sehr breiten Rückhalt erntet. Gemessen an der zuletzt gemischten Stimmung bei den Grünen ein überraschender, ziemlich guter Start in den Parteitag. Vielleicht der einzigmögliche, damit sich die Lage für die Grünen doch wieder bessert. "Wir treffen uns im Wahlkampf!", sagt Özdemir am Ende. Er klingt optimistischer als in den letzten Wochen. Diesen Optimismus braucht er ganz sicher für sein Endspiel am 24. September.

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