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Großbritannien:Chaostage im Brexit-Lager

Steven Woolfe verlässt die Ukip

Eben war der Europa-Abgeordnete Steven Woolfe noch Favorit auf den Vorsitz bei den britischen Rechtspopulisten, nun hat er die Ukip verlassen.

(Foto: Vincent Kessler/Reuters)

Ausgerechnet nach ihrem großen Erfolg ist die Ukip führungslos. Steven Woolfe, bisher Favorit für den Vorsitz, verlässt die Partei. Auch andere EU-Kritiker haben eine neue politische Heimat gefunden.

Die Partei befinde sich in einer "Todesspirale". Ihr Herz sei "verfault", genau wie das Verhältnis zwischen ihren Europa-Abgeordneten. Die Partei sei unprofessionell und nicht zu führen - diese blumigen wie schonungslosen Worte beschreiben den Zustand der UK Independence Party (Ukip) in Großbritannien. Sie stammen aber nicht vom politischen Gegner, sondern von Steven Woolfe, Europa-Abgeordneter von Ukip und Favorit auf den Parteivorsitz. Das war er zumindest bis Montagabend. Denn dann verkündete Woolfe, doch nicht als Parteichef zu kandidieren - sondern Ukip im Gegenteil zu verlassen.

Nigel Farage, der langjährige Vorsitzende der EU-feindlichen Partei, hatte den Posten im September abgegeben. Seine Nachfolgerin Diane James trat allerdings nach nur 18 Tagen im Amt zurück, weil ihr die Unterstützung von Abgeordneten und Funktionären gefehlt habe, wie sie klagte. Farage sprang daraufhin wieder als Chef ein. Nun wollen die Rechtspopulisten bis Ende November einen Parteiführer wählen. Der Europa-Abgeordnete Woolfe hatte die Rückendeckung Farages und galt als einer der aussichtsreichsten Kandidaten.

Einige Fraktionskollegen wollten ihn aber nicht an der Spitze sehen. Vor zwei Wochen brach Woolfe nach einer hitzigen Fraktionssitzung zusammen und musste in Straßburg im Krankenhaus behandelt werden. Er sagt, der Ukip-Abgeordnete Mike Hookem habe ihn zuvor hart geschlagen. Der bestreitet das und verbreitete zum Beweis ein Foto seiner makellos manikürten und gänzlich unversehrten Hände. Woolfe sagt, er habe seit diesem Vorfall über seine politische Zukunft nachgedacht - und die sieht er nun nicht mehr bei Ukip. Chaostage beim Brexit-Bataillon.

Wer gegen EU und Einwanderung ist, fühlt sich auch bei den Tories wohl

Farage, immer noch das dauergrinsende Gesicht der Partei, begründete seinen Abgang im September damit, dass nach dem Sieg im EU-Referendum sein Lebenswerk vollendet sei. Jetzt wolle er sein Privatleben zurück. Das wirft die Frage auf, was der Daseinszweck für Farages Geschöpf Ukip sein soll, nach der gewonnenen Volksabstimmung und dem Rückzug des einst alles bestimmenden Mitgründers. Die Populisten sind auf Sinnsuche.

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Steven Woolfe war nach einer körperlichen Auseinandersetzung mit einem anderen Ukip-Abgeordneten im Krankenhaus gelandet. Er sagt, die Partei sei mittlerweile "unführbar".

Ukips Wahlerfolge der vergangenen Jahre waren ein wichtiger Grund dafür, dass Ex-Premier David Cameron dem Druck der EU-Skeptiker in der Konservativen Partei nachgab und das Referendum versprach. Die lange verlachte Splitterpartei hat also die Geschicke des Königreichs entscheidend beeinflusst. In der Kampagne des Brexit-Lagers vor der Abstimmung spielten Ukip und Farage allerdings keine große Rolle: Die Kampagnen-Strategen fürchteten, die Rabauken würden gemäßigte Wähler verschrecken.

Ukip warb vor Wahlen stets damit, gegen die EU-Mitgliedschaft und gegen Einwanderung zu sein. Doch Bürger, denen diese Themen wichtig sind, können nun ganz einfach die Konservativen unter Camerons Nachfolgerin Theresa May wählen. Die frühere Innenministerin verspricht, das Land in jedem Fall aus der EU zu führen. Zudem will sie Einwanderung schärfer kontrollieren und die Zahl der Migranten senken.

May schimpft auch gerne über abgehobene Wirtschaftseliten, außerdem möchte sie die Grammar Schools wieder einführen, die sich ihre Schüler über Leistungstests aussuchen können. All das verstört liberalere Kräfte in ihrer Konservativen Partei, dürfte aber bei Ukip-Wählern prima ankommen: Es wird eng am rechten Rand des politischen Spektrums. Der abtrünnige Europa-Abgeordnete Woolfe lobt Mays Politik und erwog vor einigen Wochen sogar, zu den Konservativen überzulaufen. Nach dem Rücktritt von Parteichefin James hielt er jedoch lieber Ukip die Treue und trat als Kandidat für ihre Nachfolge an.

Ohne Chaos und Gezänk geht es nicht

Ein weiteres Problem für Ukip ist, dass das Wahlsystem in Großbritannien kleinen Parteien das Leben schwer macht: Nur der Kandidat, der in einem Wahlkreis die meisten Stimmen hat, zieht ins Parlament oder den Stadtrat ein. Ukip hat darum lediglich einen Abgeordneten im britischen Parlament, Douglas Carswell, einen früheren Politiker der Konservativen. Er ist Farage und Woolfe in herzlicher Abneigung verbunden - ohne Chaos und Gezänk scheint es bei Ukip einfach nicht zu gehen.

Bei Europawahlen gilt hingegen wie in Deutschland das Verhältniswahlrecht, das für kleinere Parteien günstiger ist. Deswegen haben die EU-Feinde von Ukip bei diesen Wahlen ironischerweise den meisten Erfolg. Sie stellen nach Woolfes Abgang 21 Europa-Parlamentarier. Der frustrierte Ex-Hoffnungsträger will als unabhängiger Abgeordneter im Parlament bleiben.

Den Kampf um den Vorsitz machen nun die übrigen Kandidaten unter sich aus. Dazu zählt etwa Raheem Kassam, ein früherer Berater Farages. Gute Chancen kann sich auch Paul Nuttall ausrechnen. Der Europa-Abgeordnete hat seine Kandidatur noch nicht erklärt, wird dazu aber offenbar von Parteifreunden gedrängt. Immerhin veröffentlichte er am Dienstag einen Gastbeitrag in der Zeitung Daily Telegraph, in dem er Ukip zur Einigkeit aufrief. Die Partei stehe "am Abgrund", schrieb er. Auf den neuen Vorsitzenden wartet eine schwierige Aufgabe: Da sind sich der Ex-Kandidat und der Bald-Kandidat also einig.

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